Veranstaltungsbericht

Wie kommen die Vereinten Nationen ins Klassenzimmer?

„Wie kommen die Vereinten Nationen ins Klassenzimmer?“ Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich Ende Februar eine zweitätige Fachkonferenz, die gemeinsam vom Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und europäische Politik der Universität Halle-Wittenberg (Prof. Dr. Johannes Varwick) und der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen veranstaltet wurde. Erklärtes Ziel der Konferenz war es, die Vereinten Nationen als Gegenstand im Schulunterricht aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und dabei eine Brücke zwischen Fachwissenschaft, Didaktik und unterrichtlicher Praxis zu schlagen. Die Konferenz folgte daher der Leitlinie: von der Theorie zur Praxis. In diesem Ansinnen wurde die Konferenz durch das Landesinstitut für Schulqualität Sachsen-Anhalt (LISA) zudem als Lehrerfortbildung angeboten.

Die Bedeutsamkeit politischer Bildung im Bereich der internationalen Politik betonte Prof. Varwick gleich zu Beginn der Konferenz. Der vom ehemaligen Außenminister Steinmeier geprägte Ausdruck „die Welt aus den Fugen“ mache deutlich, dass globale Herausforderungen heutzutage mehr denn je globales Regieren erfordere. Hierzu brauche es gebildete Weltbürger, die um die Handlungsmöglichkeiten internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen wissen und dessen Wirken interessiert und kritisch begleiten.

Dieses Ziel politischer Bildung vertiefte Prof. Dr. Wolfgang Sander (Universität Gießen) in seiner theoretischen Reflexion über Bildung in der Weltgesellschaft. Dabei vertrat er die spannende These, dass Bildung als Element eines globalen Konsens verstanden werden kann. Somit kann Bildung nicht nur aus einer europäisch-humanistischen Tradition konzeptualisiert werden, grundlegende Bildungsvorstellungen finden sich in ganz ähnlicher Weise in unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen wieder. Bildung in transkultureller Perspektiv zielt dabei auf die persönliche Entwicklung des Menschen ab und soll zu verantwortlichem Handeln in der gesellschaftlichen Praxis führen, ohne instrumentell zu sein. Frau. Prof. Dr. Sabine Achour (Universität Marburg) ging in ihrem Vortrag zu den Zielen und Herausforderungen politischer Bildung weiter darauf ein,  wie ein solches Verständnis in der internationalen Politik definiert wird:

Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
(Art. 26, Abs. 2, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte).


Dies bildete die theoretische Grundlage der Tagung. Darauf aufbauend wurden drei Aspekte näher beleuchtet, die wesentlich dazu beitragen, ob und wie die Vereinten Nationen ins Klassenzimmer kommen: das Schulbuch, die Bildungspolitik und die praktische Umsetzung durch die jeweilige Lehrkraft.


Schulbuch


In die Schulbuchforschung führte Prof. Dr. Monika Oberle (Universität Göttingen) mit dem Vortrag „Ein gutes Vorbild? Die EU im Schulbuch“ ein. Sie stellte ihre Ergebnisse aus einer breit angelegten Studie zur Europäischen Union als Themenblock in Schulbüchern vor. Dabei wurde deutlich, dass eine Bewertung von Schulbüchern ganz wesentlich davon abhängt, in welchem Maße diese von Lehrkräften tatsächlich genutzt werden. Oberle unterscheidet dabei zwischen der Nutzung des Schulbuchs als Leitmedium und der Nutzung als Steinbruch. Wird das Schulbuch lediglich als Steinbruch genutzt, so werden dessen Inhalte verstärkt mit anderen Unterrichtsmaterialien verknüpft und die behandelten Themen primär von der Lehrkraft ausgewählt. Insbesondere fachfremd unterrichtende Lehrkräfte würden das Schulbuch jedoch oftmals als Leitmedium nutzen und ihren Unterricht eng an das Schulbuch binden. Dies zeigt, wie relevant Schulbücher bei der Themensetzung im Politikunterricht weiterhin sind. Defizite bei der Darstellung der EU im Schulbuch sieht Oberle vor allem bei der Abbildung von dynamischen Prozessen, in denen internationale Organisationen eingebettet sind.

Dieser Analyse stimmte Prof. Klaus Hüfner zu, der in einem historischen Abriss die Ergebnisse seiner Schulbuchforschung aus den 70er-Jahren mit heutigen Beobachtungen verglich. Hüfner untersuchte damals, wie die Vereinten Nationen in Schulbüchern thematisiert wurden und stellte fest, dass die Vereinten Nationen im Schulunterricht häufig auf ihr militärisches Engagement reduziert werden und dabei die zivilgesellschaftlichen Projekte sowie die UN-Sonderorganisationen kaum umfassend behandelt werden. An diesen Kernproblemen habe sich bis heute wenig geändert, so seine These.

In einer Podiumsdiskussion am zweiten Konferenztag wurden diese Fragestellungen aufgegriffen und darüber diskutiert, wie die UN überhaupt ins Schulbuch kommt und an welchen Stellen im Aushandlungsprozess die eigentliche Themensetzung erfolgt. Die anwesenden Vertreter der Schulbuchverlage und Autoren von Schulbüchern waren sich einig darüber, dass gerade im Bereich der Vereinten Nationen eine Lobby fehle, die auf eine Verankerung dieser Thematiken in den Rahmenlehrplänen der Bundesländer hinwirke. Daran müssen sich Schulbuchautoren letztendlich orientieren. Ob die UN ins Klassenzimmer kommen, entscheidet sich also im Wesentlichen bereits bevor der jeweilige Autor mit der Konzeption eines Schulbuchs beginnt.


Bildungspolitik


Als zweite Möglichkeit, die Vereinten Nationen verstärkt ins Klassenzimmer zu holen, wurden die Steuerungsmöglichkeiten der Bildungspolitik betrachtet. Den Rahmen hierfür bot eine Podiumsdiskussion, die zudem den ersten Konferenztag beschloss. Dabei diskutierte Marco Tullner (Bildungsminister Sachsen-Anhalts) mit Joris Koser, Schüler Giebichstein-Gymnasium Halle), Andrae Rochel (Lehrerin Domgymansium Halle) Dr. Lisa Heemann (Generalsekretärin DGVN) und mit Mio Kuschik (UN-Jugenddelegierter). Minister Tullner war davon überzeugt, dass bei der Behandlung der Thematik Vereinten Nationen in der Schule Nachholbedarf besteht. Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass eine Vielzahl anderer Interessengruppen ebenfalls versuchen, Einfluss auf die Themensetzung im Schulunterricht, allen voran in der politischen Bildung, zu nehmen. Er war daher insbesondere von der Idee angetan, einen UN-Projekttag an Schulen in Sachsen-Anhalt nach dem Vorbild des EU-Tags institutionell zu verankern. Frau Heemann und Herr Tullner verabredeten noch auf dem Podium, deswegen in Kontakt zu bleiben.


Umsetzung in der schulischen Praxis


Der dritte Aspekt, der dazu beiträgt, die Vereinten Nationen stärker ins Klassenzimmer zu holen, ist die konkrete Umsetzung in der schulischen Praxis. Dieser Fragestellung wurde in zwei Workshops nachgegangen. Workshop 1, geleitet von Studiendirektor Stefan Prochnow und Felix Deist aus dem DGVN Generalsekretariat, gab konkrete Umsetzungsbeispiele, wie die Vereinten Nationen im Schulunterricht behandelt werden können. Ausführlich wurde darüber gesprochen, wie die Durchführung einer Model United Nations, also einem UN-Planspiel, den Zugang zu den Vereinten Nationen erlebbar machen kann. In diesem Zusammenhang wurde zudem das Projekt „UN im Klassenzimmer“ vorgestellt, dass durch die DGVN angeboten wird. Bei Bedarf kommen Teamer*innen an Schulen, um in einem vorher festgelegten Zeitrahmen ein solches Planspiel durchzuführen. Des Weiteren stellte Stefan Prochnow außerschulische MUN-Konferenzen für Schülerinnen und Schüler vor, z.B. die Konferenz MUN-SH, die jährlich in Kiel stattfindet.

In einem zweiten Workshop gab Ann-Christine Niepelt (DGVN Bundesvorstand, Uni Halle) einen umfassenden Überblick über die Unterrichtsmaterialien, die es zum Themenkomplex Vereinte Nationen bereits gibt und welche Materialien den Lehrkräften für die Umsetzung in der schulischen Praxis noch fehlen.

Autor: Christian Buschmann


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