Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit (SDG 17)

Weltbevölkerungsbericht 2009: Bevölkerungsfragen in den Klimaverhandlungen

Bei den Klimaverhandlungen im Dezember in Kopenhagen muss auch der Bevölkerungsdynamik und Fragen von Gender und reproduktiver Gesundheit Rechnung getragen werden, empfiehlt der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in seinem aktuellen Weltbevölkerungsbericht 2009. Der Bericht "Eine Welt im Wandel: Frauen, Bevölkerung und Klima" wurde am 18. November 2009 in Berlin von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in deutscher Kurzfassung vorgestellt.

Der Weltbevölkerungsbericht zeigt, dass Familienplanung, reproduktive Gesundheit und die Förderung von Frauen den Klimawandel beeinflussen können. UNFPA untersucht in dem Bericht die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und Bevölkerungsdynamik, Umweltmigration sowie Armut und zeigt Lösungswege zum Klimaschutz und zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels auf. Den Unterhändlern, die zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen zusammenkommen, empfiehlt UNFPA Maßnahmen in fünf wichtigen Bereichen:

1. Verständnis für Bevölkerungsfragen verbessern

Aktuellen Projektionen zufolge könnte die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von heute 6,8 Milliarden auf 9,1 Milliarden Menschen anwachsen. 98 Prozent dieses Bevölkerungswachstums finden in den Entwicklungsländern statt. Bislang habe sich die Klimadebatte größtenteils um die relative Verantwortung der einzelnen Länder zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen und zur Finanzierung der Umstellung auf eine kohlenstoffarme Energieversorgung und andere klimafreundliche Technologien gedreht. Diese Fragen seien zwar von entscheidender Bedeutung, wichtig sei aber auch die Frage nach den unterschiedlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Bevölkerung insgesamt und in den einzelnen Ländern – sowie nach den unterschiedlichen Folgen für Männer und Frauen.

2. Familienplanung finanzieren

Im Weltbevölkerungsbericht wird betont, dass es seit der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo 1994 keine ethische Grundlage mehr für Bevölkerungskontrolle im Sinne staatlich diktierter und kontrollierter Fertilitätsniveaus gibt. Vielmehr zeige die demographische Forschung seit vielen Jahrzehnten, dass die Fertilität zurückgeht, wenn Frauen und ihre Partner Zugang zu Familienplanung nutzen können.

Allein schon durch die Befriedigung des ungedeckten Bedarfs an Familienplanung würde die Entwicklungsländer in die Lage versetzen, ihre Fertilitätsraten auf das angestrebte Niveau zu senken. Doch Dienstleistungen der Familienplanung im Rahmen der reproduktiven Gesundheit und Rechte müssten auch vollständig finanziert werden, und es müsse sichergestellt werden, dass niedrige Einkommen keine Zugangsbarriere darstellen.

3. Mehr Forschung zu Bevölkerung

Die Klimawissenschaftler, und das gilt auch für die Autoren der Berichte des Weltklimarates (IPCC), sind sich bewusst, welch bedeutende Rolle die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Bevölkerungswachstums in den letzten Jahrzehnten für den Anstieg der künftigen Treibhausgasemissionen spielen. Langfristig könnte ein langsameres Bevölkerungswachstum helfen, die globalen Emissionen in eine Balance mit der Atmosphäre zu bringen. Kurz- und mittelfristig könne es den Ländern helfen, sich besser an Klimaveränderungen anzupassen, heißt es im Weltbevölkerungsbericht.

Die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums auf die Treibhausgasemissionen ist aber nicht die einzige Verbindung zwischen Demographie und Klimawandel. Die Haushaltsgröße ist eine weitere Variable, die mit darüber bestimmt, wie viele Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt werden. Wie Studien gezeigt haben, liegt der durchschnittliche Energieverbrauch pro Kopf in kleineren Haushalten höher als in größeren Haushalten. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Veränderungen in der Altersstruktur und geographischen Bevölkerungsverteilung – der Trend zum Leben in der Stadt beispielsweise – den Anstieg der Emissionen beeinflussen.

Wie stark eine Verringerung des Bevölkerungswachstums ins Gewicht fallen wird, hängt auch von den zukünftigen globalen ökonomischen und technologischen Trends sowie der Entwicklung des Konsums ab. Nach Schätzung von Experten würden bei einem Anstieg der Weltbevölkerung bis 2050 auf nur acht Milliarden anstelle der bislang projizierten neun Milliarden Menschen etwa ein bis zwei Milliarden Tonnen weniger Kohlendioxid freigesetzt.

Der Weltbevölkerungsbericht empfiehlt, die Forschung und Datenerhebung darauf auszurichten, das Verständnis von Gender und Bevölkerungsdynamik für den Klimaschutz und für die Anpassung an seine Folgen zu verbessern.

4. Geschlechtsspezifische Aufschlüsselung von Migrationsdaten

Die Autorinnen und Autoren des Weltbevölkerungsberichts fordern die Regierungen auf, die Planung und das Management umweltbedingter Migration zu verbessern und in die Katastrophenvorsorge zu investieren. Daten zu umweltbedingter Migration sollten geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt werden, und man sollte schon heute mit den Vorbereitungen auf die infolge des Klimawandels zu erwartenden Bevölkerungsbewegungen beginnen.

In Kopenhagen dürfe es nicht nur um klimafreundliche Technologien und die Reduktion von Treibhausgasen gehen. "Die Klimadebatte der Zukunft muss über technische und finanzielle Fragen hinaus geöffnet werden und die menschlichen Dimensionen des Klimawandels einschließlich der Gender-Thematik berücksichtigen", schreibt UNFPA-Direktorin Thoraya Ahmed Obaid in ihrem Vorwort zum Weltbevölkerungsbericht.

5. Gender-Aspekte integrieren

Der Klimawandel wird nicht nur Menschenleben in Gefahr bringen und die Lebensgrundlagen verringern, er verschärft auch die Kluft zwischen reichen und armen Menschen und die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Denn er wirkt sich – insbesondere in armen Ländern – auf Frauen anders aus als auf Männer. Kommt es zu Dürren oder unregelmäßigen Regenfällen, müssen Frauen deutlich mehr Zeit und Energie aufwenden, um Nahrung, Wasser und Brennmaterial heranzuschaffen.

Die Marginalisierung und Diskriminierung von Frauen und die mangelnde Aufmerksamkeit für die negativen Folgen der Geschlechterungleichheit für Entwicklung, Gesundheit, Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Menschen schwächen die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften gegenüber dem Klimawandel. Am anpassungsfähigsten seien Gesellschaften, in denen alle Menschen zur Schule gehen können, Zugang zu Gesundheitsfürsorge haben, den gleichen Schutz der Gesetze genießen, in der Lage sind, über ihr eigenes Leben zu bestimmen und in vollem Umfang an politischen Entscheidungsprozessen partizipieren können, heißt es im Weltbevölkerungsbericht.

Der Bericht zeigt, dass Investitionen in Frauen und Mädchen die ökonomische Entwicklung vorantreiben und die Armut bekämpfen helfen und zugleich die Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber den Folgen des Klimawandels stärken. Entsprechend würde eine stärkere Partizipation von Frauen in der Klimadebatte – ob als Wissenschaftlerinnen, als Aktivistinnen oder als Unterhändlerinnen bei Klimakonferenzen – neue Perspektiven und Lösungsansätze bringen und könne sich positiv auf die gesellschaftliche Antwort auf den Klimawandel auswirken. Der Bericht empfiehlt daher, Gender-Aspekte in die globalen Bemühungen zur Minderung des Klimawandels und die Anpassung an seine Folgen zu integrieren.

„Ein Kopenhagener Abkommen, das der Menschheit hilft, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und sich an den Klimawandel anzupassen, indem es das Wissen und die Kreativität von Frauen und Männern mobilisiert und erschließt, würde den Startpunkt einer wahrhaft wirksamen langfristigen Strategie für den Umgang mit dem Klimawandel markieren", so UNFPA-Direktorin Obaid. (Christina Kamp)

UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2009. Eine Welt im Wandel: Frauen, Bevölkerung und Klima. Kurzfassung. Hrsg. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), Hannover, 2009, 58 Seiten. Download hier.

Englische Originalausgabe: The State of World Population 2009, Facing a Changing World: Women, Population and Climate. UNFPA, New York, 2009, 94 Seiten, ISBN 978-0-89714-958-7. Download hier.

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