Bevölkerung

Herausforderung Weltbevölkerungswachstum

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Direktor des UN-Bevölkerungsfonds Dr. Osotimehin: "Beim Thema Weltbevölkerung geht es nicht primär um Zahlen, sondern um Individuen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, eine Bereicherung für unsere Welt..." ©panthermedia.net/Ints Vikmanis

Seit Oktober 2011 bevölkern sieben Milliarden Menschen unsere Erde. Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen auf neun Milliarden erhöhen, bis zum Ende des Jahrhunderts können es zehn Milliarden sein. Am 8. Februar 2012 wurde diese Entwicklung im Rahmen des Weltbevölkerungs-Kongresses der CDU/CSU Bundestagsfraktion diskutiert.
Auf Einladung der Abgeordneten Sibylle Pfeiffer, die in den letzten vier Jahren dem DGVN-Beirat für Weltbevölkerung vorsaß, nahmen Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilbevölkerung an der Diskussion teil. Mit dabei war Erich Zahn, Co-Autor der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, Roland Bernecker, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission, Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, und Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, sowie Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dirk Niebel, der zunächst darlegte, dass auch die deutsche Entwicklungspolitik Handelsbedarf sieht, vor allem im Bereich Bildung und Gesundheit. Hauptredner war der nigerianische Exekutivdirektor des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA, Dr. Babatunde Osotimehin. Dieser stellte eindrucksvoll dar, welche Prognosen im aktuellen Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen gemacht werden. Als Arzt, ehemaliger Gesundheitsminister der Bundesrepublik Nigeria und Vorsitzender des Nationalen Komitees zum Thema AIDS brachte der UNFPA Direktor viel fachliche Expertise und praktische Erfahrung in die Diskussion. Er forderte die Weltgemeinschaft auf, eine Welt zu schaffen, in der jede Schwangerschaft gewollt ist, jedes Neugeborene die Chance auf ein erfülltes Leben hat und jede Person in Würde alt werden kann.

Um das zu erreichen, sind wichtige Fragen zu beantworten: wie können Ressourcen gerecht verteilt werden und welche Anforderungen gibt es im Bereich der sozialen Sicherung, Bildung und nachhaltigen Entwicklung? Kann die Welt überhaupt sieben Milliarden Menschen tragen? Osotimehins Hauptanliegen war es zu betonen, welche Rolle die heutige junge Generation für die zukünftige Entwicklung der Weltbevölkerung spielt. Diese sollte für die Herausforderungen der Zukunft stark gemacht werden. Derzeit gibt es 1,8 Milliarden junge Menschen auf diesem Planeten, mehr als jemals zuvor. Der Nigerianer erinnerte an deren großes Potential, in welches jetzt investiert werden sollte, um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Mädchen und Frauen sollten von den Anstrengungen besonders profitieren. Die Stärkung und Bildung von Frauen muss verbessert werden, denn ein hoher Bildungsgrad von Frauen führt zu einem höheren Familieneinkommen und in der Regel auch zu weniger Geburten und eine besseren Gesundheitsvorsorge für die Kinder. Diese Aussage stand im Zentrum seiner Rede und macht deutlich, dass Mädchen und Frauen der Schlüssel für eine Lösung des Problems sind.

„Wir haben keinen Planet B, dies ist der einzige den wir haben, er muss uns aushalten können“

Eine Vergleich fand besondere Aufmerksamkeit: Wenn man ein Gruppenfoto machen wollte, auf dem die gesamte Menschheit nebeneinander steht, bräuchte man nur den Platz der Stadt Los Angeles/Kalifornien. Damit wurde deutlich, dass die Polemik der „Bevölkerungsexplosion“ als Gefahr unangebracht ist und es viel mehr darauf ankommt, dass diese sieben Milliarden Menschen ihre Ressourcen nachhaltig nutzen. Das sei nicht nur ein Problem der Länder mit hohem Bevölkerungswachstum. Gerade in den Industrieländern sei bei sinkenden Bevölkerungszahlen der Verbrauch der Lebensgrundlage enorm hoch. Der UNFPA Chef betonte außerdem, beim Thema Weltbevölkerung geht es nicht primär um Zahlen, sondern um Individuen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, eine Bereicherung für unsere Welt. Die Weltgemeinschaft sollte sich auf Ausgewogenheit, Chancen und soziale Gerechtigkeit konzentrieren. D.h. alle Menschen sollten gleich behandelt werden, jedes Individuum sollte seine Zukunft frei wählen dürfen und es sollte ein ausgewogener Zugang zu Möglichkeiten und Ressourcen bestehen, sagte er.

©CDU/CSU-Bundestagsfraktion
"...Alle Menschen nebeneinander gestellt benötigen nur den Platz von Los Angeles." ©CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Bevölkerungsentwicklung ist sehr ungleich

Drei Szenarien lassen sich zurzeit beobachten. Das erste und gleichzeitig wohl bekannteste findet in vielen Staaten Subsahara-Afrikas statt, dem Teil der Welt, in dem das größte Bevölkerungswachstum stattfindet. Die derzeitige Entwicklung führt hier zu weit verbreiteter Einkommensarmut. Dies liegt daran, dass die lokalen Wirtschaften den starken Bevölkerungszuwachs nicht verkraften können und es nicht genügend Arbeitsplätze gibt. Szenario zwei ist aus vielen Entwicklungs- und Schwellenländern mit durchschnittlich mittleren Einkommen bekannt. Als Folge von Flucht und Migration findet eine exzessive Urbanisierung statt, mit dem Ergebnis, dass voraussichtlich bis zur Mitte des Jahrhunderts 70 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Die entstehenden Mega-Cities verändern das Leben der Bevölkerung in extremer Weise, da große Versorgungs- und Infrastrukturprobleme auftreten können. Gleichzeitig bieten sie aber auch Chancen für eine nachhaltige Entwicklung, denn die kompakte Lebensweise der Menschen bietet durchaus Möglichkeiten für einen gerechten und nachhaltigen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen. Das dritte Szenario ist hierzulande wohlbekannt. In vielen Industrienationen wie Deutschland und Japan liegt die Geburtenrate unter der Sterblichkeitsrate, was zur Folge hat, dass es viel mehr ältere als junge Menschen gibt. Dieser Wandel der Bevölkerungsstruktur bringt weit reichende Veränderungen mit sich, insbesondere große Belastungen der sozialen Systeme. Auch in einem Land wie China wird sich dieser Trend abzeichnen. Nach UN-Angaben wird sich in der Volksrepublik in den nächsten 40 Jahren der Anteil der Menschen über 60 Jahren von derzeit 14 auf 34 Prozent erhöhen.

Weltweiter demographischer Wandel

Als interessanten Vergleich brachte der afrikanische Bevölkerungsexperte Deutschland und Äthiopien ins Spiel. Beide Länder haben ungefähr die gleiche Einwohnerzahl. Jedoch weisen beide Staaten zukünftig völlig unterschiedlich demographische Trends aus. Während in Deutschland die Einwohnerzahl stagniert oder leicht zurückgehen wird, steuert Äthiopien auf ein massives Bevölkerungswachstum zu, das bis 2050 bereits zu einer Verdopplung der Bevölkerung geführt haben wird. Dr. Osotimehin forderte die Staatengemeinschaft auf, weiter allen Herausforderungen zu trotzen, um zukünftigen Generationen ein gerechtes Leben auf unserem Planeten zu ermöglichen. Positive Entwicklungen sind durchaus erkennbar. Kinder, die 2012 geboren werden, haben nur noch ein Fünftel des ökologischen Fußabdrucks unserer Generation. Jedoch wachsen die Ansprüche einer sich entwickelnden Weltbevölkerung umso schneller, daher sei es nötig, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Produktivität zu erhöhen, sagte der Nigerianer. Er betonte die Rolle der Industriestaaten, denn diese seien meist die Verursacher der ökologischen Probleme und müssen sich deshalb in besonderer Weise um eine Lösung bemühen.

v. links: Bundesminister Dirk Niebel, Moderatorin Tanja Samrotzki, Sibylle Pfeiefer MdB, UNFPA Direktor Babatunde Osotimehin.
v. links: Bundesminister Dirk Niebel, Moderatorin Tanja Samrotzki, Sibylle Pfeiffer MdB, UNFPA Direktor Babatunde Osotimehin. ©CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Familienplanung, Bildung, Gesundheit

Im Vordergrund der anschließenden Podiumsdiskussion standen die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Produktivität, um Unterernährung und Hunger zu stoppen und die Verstärkung von selbstbestimmten Familienplanungsprogrammen, um vor allem Frauen besseren Zugang zu freier Familienplanung zu verschaffen. Dabei spielt auch die Verbesserung der Bildung und deren Qualität eine große Rolle. Renate Bähr erläuterte dazu eindringlich, dass allein in Subsahara-Afrika zwei Millionen neue Lehrer benötigt werden, nur um den derzeitigen Standart zu halten. Auch die Verringerung der Säuglingssterblichkeit ist eine wichtige Maßnahme. Denn wenn Eltern sicher sein können, dass ihr Kind überlebt, versuchen sie nicht unbedingt, noch mehr Kinder zu bekommen. Langfristig würde dies zu einer Senkung des Bevölkerungswachstums führen. Auch die Müttersterblichkeit muss weiter bekämpft werden. Leider stagnieren die Maßnahmen in diesem Gebiet in den letzten Jahren, sagte Bähr. Eindrucksvolle Zahlen stellte auch der Bildungsspezialist der UNESCO-Kommission, Roland Bernecker, dar. Nach den Berechnungen der UNESCO werden 2050 ca. 90 Prozent aller Schüler in Entwicklungsländern leben. Bernecker forderte daher, Bildung als Grundrecht zu betrachten, denn mehr Bildung bedeute auch weniger Geburten. Um dies zu erreichen, sollte der Stellenwert der Bildung und der Bildungsqualität stark erhöht werden.

Für das Frühjahr 2013 ist bereits ein Folgekongress geplant, auf dem die Themen Klima, Umwelt, Konflikte, Migration, Ressourcen und Urbanität weiter diskutiert werden sollen.

Spannendes Video zum Thema: 7 Billion, National Geopraphic Magazine

Homepage und komplettes Video des Kongresses


Florian Demmler

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