Creative Economy - Das neue Wirtschafts- und Entwicklungsparadigma

von Dr. Konrad Melchers

Ein neues Paradigma für die Entwicklung des Südens ist kreiert worden: "Creative Economy". Zu den Erfindern gehört Edna dos Santos-Duisenberg. Sie leitet das UNCTAD Creative Economy and Industries Programme und hat den ersten umfangreichen Creative Economy Report koordiniert, der zur 12. Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD XII) Ende April 2008 in Accra veröffentlicht wurde. Diesen Bericht haben das UNCTAD-Sekretariat und das UN-Entwicklungsprogramm UNDP in Zusammenarbeit mit der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur UNESCO, der Weltorganisation zum Schutz geistigen Eigentums WIPO und dem Internationalen Handelszentrum ITC erstellt.

John Howkins bemühte sich in seinem 2002 erschienenen Werk "The Creative Economy" als einer der ersten darum, die Bedeutung der Kreativwirtschaft zu quantifizieren. Er ermittelt eine Wertschöpfung von 2,2 Billionen US-Dollar für das Jahr 2000 mit einer jährlichen weltweiten Wachstumsrate von 5 Prozent. Eine Task Force des britischen Kultusministeriums ermittelte sogar eine jährliche Wachstumsrate von über 6 Prozent und der UNCTAD-Bericht von 8,7 Prozent zwischen 2000 und 2005 – Wachstumsraten, die in anderen Sektoren nur noch in China und weiteren Schwellenländern zu verzeichnen sind.
Diese Veränderungen veranlassten den US-Ökonomen Richard Florida in seinem 2002 erschienenen Buch "Der Aufstieg der Kreativen Klasse" zu der Feststellung: "Wir erleben gerade die größte ökonomische Umwälzung der Geschichte: den Übergang von der industriellen zur kreativen Wirtschaft". Die Umwälzung ist nach Einschätzung des Bestseller-Autors "wesentlich größer, umfassender und faszinierender als die des Übergangs von der landwirtschaftlichen zur industriellen Gesellschaft."

Der Anspruch, dass Creative Economy ein neues Wirtschafts- und Entwicklungsparadigma darstellt, ist darin begründet, dass in den bisherigen Entwicklungstheorien der Faktor Kreativität höchstens im Bereich wissenschaftlich-technischer Innovation Berücksichtigung findet. Beim Konzept der Creative Economy wird hingegen den kreativen Aktivitäten in künstlerischen und kulturellen Bereichen eine Leitbildfunktion zugemessen. Im Unterschied zu Entwicklungskonzepten, die wirtschaftlichen Basissektoren wie Landwirtschaft, Rohstoffe, Industrie und Dienstleistungen sowie der Kapitalakkumulation zentrale Bedeutung einräumen, spielen diese Faktoren bei der Kreativwirtschaft eine untergeordnete Rolle. Die Autoren des UNCTAD-Berichts weisen auf ein neues Wechselspiel zwischen Kultur und Wirtschaft hin und schreiben: "In der heutigen Welt ist ein neues Entwicklungsparadigma am entstehen, das die wirtschaftlichen, kulturellen, technologischen und sozialen Aspekte der Entwicklung umfasst und zwar sowohl auf der volkswirtschaftlichen (Makro-) Ebene als auch auf der der einzelnen wirtschaftlichen Akteure (Mikroebene)."

Rasante Restrukturierung der Weltwirtschaft

Tatsächlich sieht die Welt der Kreativwirtschaft schon heute ganz anders aus als die traditionelle Weltwirtschaft mit ihrem starken Entwicklungs- und Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd. In wenigen Jahren stieg Nigeria mit einer jährlichen Produktion von über 1000 "Nollywood"-Heimvideos zum drittgrößten Filmproduzenten der Welt auf nach Hollywood und "Bollywood" (Indien). Für den raschen Vertrieb der Videos gibt es allein in Nigeria über 500.000 Verteilstellen mit einer entsprechend hohen Zahl von Arbeitsplätzen. In Südafrika verzeichnet die Fernsehfilmindustrie ebenfalls phantastische Wachstumserfolge. Von 2000 bis 2006 wuchs sie um 564 Prozent. Stark expandierende Musikproduktionen gibt es in Kenia, Tansania, Elfenbeinküste, Mali, Nigeria, Senegal, Südafrika und Simbabwe.  

Nach dem UNCTAD-Bericht betrug der Anteil der Entwicklungsländer an den kreativwirtschaftlichen Exporten 2005 weltweit 41 Prozent (136 Mrd. US-Dollar). Zählt man Hongkong als Teil Chinas dazu, erreichen sie sogar knapp die Hälfte des kreativwirtschaftlichen Welthandels – eine bis vor wenigen Jahren unvorstellbare weltwirtschaftliche Strukturveränderung. Die Entwicklungsländer exportieren mehr als doppelt so viele Güter und Dienstleitungen der Kreativindustrien als sie importieren – ganz im Gegensatz zu Industriegütern, aber ähnlich wie bei Rohstoffen und Agrarprodukten. 2005 betrug ihr entsprechender Handelsbilanzüberschuss 76 Mrd. US-Dollar. 

China befindet sich mit weitem Abstand an der Spitze, zusammen mit Hongkong betrug der Weltmarktanteil bei den Exporten 27 Prozent. Weit abgeschlagen ist inzwischen der langjährige Spitzenreiter Italien mit 18 Prozent. Auf die Entwicklungsländer (ohne China) entfallen immerhin 22 Prozent der weltweiten Kreativindustrie. Weitere wichtige Exporteure sind: Indien (8 Mrd. US-Dollar, Exportwerte jeweils für 2005), Türkei (5 Mrd. US-Dollar), Mexiko (4,3 Mrd. US-Dollar), Thailand (4,3 Mrd. US-Dollar), Malaysia (3 Mrd. US-Dollar), Singapur (3 Mrd. US-Dollar.), Brasilien (2,2 Mrd. US-Dollar). Vergleichsweise abgeschlagen sind Süd-Korea (3 Mrd. US-Dollar) und Russland (1,6 Mrd. US-Dollar). 
Interessant sind die Produktbereiche, in denen der Exportanteil der Entwicklungsländer größer als der der Industrieländer ist: 84 Prozent bei Flechtarbeiten, 72 Prozent bei Ausstattung für Festlichkeiten und ebenso viel bei der Kunstmalerei, 69 Prozent bei der Bildhauerei, jeweils 63 Prozent bei Spielzeugen und Stoffen, 60 Prozent bei Teppichen, 53 Prozent bei Mode und 52 Prozent bei Papierwaren. 

Hier zeigt sich, warum ein in der Weltwirtschaftgeschichte einmalig rasanter Prozess wirtschaftlichen Wachstums und der Strukturveränderung möglich ist. In all diesen genannten Bereichen sind im Wesentlichen nur Investitionen in Bildung notwendig, die an traditionell vorhandenem Know How anknüpfen und mit den heutigen Kommunikationsmitteln rasch und in die abgelegensten Ecken der Welt transferiert werden können. Der Bedarf an konventionellem Kapital für die Entwicklung dieser Kreativindustrien ist gering.

Zu den Faktoren, die heute die Kreativwirtschaft besonders in Schwung bringen, zählen technologische Neuerungen, wie z.B. "Video on Demand", TV über Kabel, Satellit oder das Internet. Auch Nachfrage und Konsum haben sich verändert. Mit Hilfe der interaktiven Medien werden Konsumenten heute gleichzeitig auch Erschaffer oder Ko-Produzenten kreativer Produkte. Ein wichtiger Antrieb der Kreativwirtschaft ist der Tourismus geworden.
Einen Bestandstest hat die Creative Economy während der jüngsten Weltfinanz- und Wirtschaftskrise erfahren. Zwar gehört unter den Industrieländern Deutschland mit einem vergleichsweise starken traditionellen Industriesektor zu den Volkswirtschaften, die am wenigsten durch die Krise in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber gleichzeitig gibt es auch keine Anzeichen von größeren Einbrüchen in den Kreativindustrien weltweit. Sie wachsen unverändert.

Afrikas Potential

Afrika ist in diesem weltwirtschaftlichen Strukturwandel mit einem Marktanteil von 0,4 Prozent noch ganz hinten. Allerdings verzeichnet der Kontinent derzeit die mit Abstand höchsten Wachstumsarten. 1995 betrugen die Kreativ-Exporte Afrikas erst 33 Mio. US-Dollar. Nur zehn Jahre später hatten sie sich um das 55-fache auf 1,8 Mrd. US-Dollar erhöht. 
Der UNCTAD-Bericht sieht in Afrika ein hohes Potential künstlerischer Kreativität. Das unterstreichen die Design-Exporte. Hier liegt der Kontinent mit einem jährlichen Wachstum in den letzten sechs Jahren von durchschnittlich 14 Prozent nach West-Asien (26 Prozent) und China (22 Prozent) an dritter Stelle.

Spitzenreiter in Afrika war 2005 Südafrika (508 Mio. US-Dollar), gefolgt von Namibia (239 Mio. US-Dollar), Marokko (210 Mio. US-Dollar), Ghana (209 Mio. US-Dollar) und Mauritius (84 Mio. US-Dollar). Auch Kenia und Simbabwe sind nennenswert mit jährlich stark schwankenden Beträgen. Interessant ist die Verteilung der afrikanischen Exporte nach Produktgruppen. Auf Design entfallen 46 Prozent  (826 Mio. US-Dollar), darunter Inneneinrichtung (259 Mio. US-Dollar), Schmuck (149 Mio. US-Dollar) und Mode (128 Mio. US-Dollar), auf den Sektor „Publishing“ 30 Prozent (480 Mio. US-Dollar) und auf Antiquitäten sieben Prozent (126 Mio. US-Dollar).

Theoretische Grundlagen und Begriffsbestimmungen der "Creative Economy"

Eine umfangreiche und vielfältige Diskussion über Kreativität begleitet die Entstehung des neuen Entwicklungsparadigmas. Kreativität wird unterschieden zum einen in künstlerische Kreativität, die Phantasie und die Fähigkeit umfasst, originäre Ideen zu entwickeln, und neue Wege zu gehen, die Welt zu interpretieren mit Texten, Klängen und Bildern. Zum anderen wissenschaftliche Kreativität. Sie wird geprägt von der Neugier und dem Willen zum Experimentieren und neue Ansätze für Problemlösungen zu entdecken. Wirtschaftliche Kreativität hingegen ist ein dynamischer Prozess, der zu Innovationen bei Technologien, Geschäftspraktiken und Marketing führt. Sie ist eng mit dem Ziel verknüpft, Konkurrenzvorteile in der Wirtschaft zu erlangen. Soziale Kreativität schließlich ist eng mit der Lösung sozialer Probleme verknüpft.
Diese Kreativbegriffe führen zwangsläufig auch zu neuen wirtschaftlichen Kategorien wie "Kreativkapital", kreative Güter und Dienstleistungen und zur Kreativindustrie, dem Kernbereich der Kreativwirtschaft.
 
Massive Kritik am schon älteren Konzept der "Kulturindustrie" hatte nach dem Zweiten Weltkrieg besonders die Frankfurter Schule von Theodor Adorno, Max Horkheimer und in den USA Herbert Marcuse geübt. Sie sahen durch die Kommerzialisierung der Kultur die Spaltung zwischen Eliten- und Massenkultur sowie zwischen Kunst und kommerzieller Unterhaltung sich vertiefen. Die heutige Debatte tendiert jedoch zu der pragmatischen Feststellung, dass Kreativindustrie einfach Kulturgüter produziert. Entsprechend wird  Kreativität definiert als "die Formulierung neuer Ideen und die Anwendung dieser Ideen zur Herstellung  originaler Kunstwerke und von kulturellen Produkten, von funktionalen Kreationen, von wissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Neuerungen." Demzufolge wird den geistigen Schutzrechten eine überragende Bedeutung beigemessen.

Dr. Konrad Melchers ist Publizist in Berlin, bis 2007 war er Chefredakteur der Zeitschrift "eins Entwicklungspolitik", Frankfurt/M, inzwischen "welt-sichten". Kontakt: KMelchers@t-online.de

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