Bali war ein Schlag ins Wasser

Beitrag von Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter der Bren School for Environmental Sience and Management an der Universität of California Santa Barbara.

Der Deutsche Bundestag hat sich in der Vorbereitung auf die Klimaschutz-Vertragsstaatenkonferenz in Bali, Dezember 2007 auf ein ehrgeiziges klimapolitisches Ziel geeinigt1. Die Erdtemperatur darf sich nicht um mehr als 2°C gegenüber vorindustriellen Zeiten erhöhen. Bei annehmbar weiter zunehmender Weltbevölkerung läuft das darauf hinaus, dass im Durchschnitt jeder Mensch nur noch zwei Tonnen CO2 pro Jahr emittieren darf. Das muss mit den etwa zehn Tonnen pro Jahr eines Durchschnittsdeutschen und zwanzig Tonnen eines Durchschnittsamerikaners verglichen werden. Und dann kommt in der Bundestagsentschließung der sensationelle Satz: „Ausgehend von einem globalen Emissionsbudget würden die Pro-Kopf-Emissionsrechte aller Länder konvergieren und ab einem festzulegenden „Konvergenzjahr“ (z.B. 2050) übereinstimmen“.

Pro Kopf gleiche Emissionsrechte ist denn auch der Schlüssel für eine politische Festlegung der Dritten Weltklimakonferenz im Jahre 2009. Bei der Tagung in Bali spielte dieses Stichwort noch keine nennenswerte Rolle. Zu sehr sind die Vertragsstaaten noch mit der Etablierung des Nach-Kyoto-Regimes ab 2012 beschäftigt, ein Unterfangen, das schon für überaus spannungsreichen Streit in Bali sorgte. Aber die Fortsetzung der „Grandfathering“-Logik von Bali hat den riesigen Nachteil, dass sich alles nur um die wirtschaftsverträgliche, also sehr langsame Verminderung der Emissionen der Industrieländer konzentriert, während die Dynamik der Zuwächse von Treibhausgasemissionen in den Entwicklungsländern nur mit Übervorsicht angesprochen und de facto überhaupt nicht gebremst wird. Das führt dazu, dass man dann spätestens 2020 vor dem Scherbenhaufen steht, dass die Chinesen pro-Kopf-Emissionen oberhalb von fünf Tonnen haben (heute sind es zwischen drei und vier, rasch zunehmend) und einem Regime der Reduzierung auf zwei Tonnen pro Person beim besten Willen nicht mehr zustimmen können. Und damit ist das Ziel der Klimastabilisierung im Sinne von Artikel 2 der Klimarahmenkonvention schlechterdings nicht mehr zu erfüllen.

Bali war insofern ein Schlag ins Wasser. Wir Europäer müssen natürlich auf dem dort Erreichten aufbauen und dafür sogen, dass bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz in Kopenhagen 2009 wenigstens das Mandat von Bali erfüllt und ein Nach-Kyoto-Rechtsrahmen vereinbart wird. Aber gleichzeitig muss sehr ernsthaft darüber nachgedacht werden, wie man die Kyoto-Logik überwindet und die Entwicklungsländer in einem Sinne ins Boot holt, dass es bei ihnen zu Hause profitabel wird, in Effizienz und erneuerbare Energien statt in immer neue Kohlekraftwerke zu investieren. Doch wie soll das gehen?

Hier kommt wieder der sensationelle Satz aus der Bundestagsentschließung ins Spiel, aber mit einer wichtigen Veränderung. Eigentlich ist überhaupt nicht einzusehen, dass man bis zu einem in der Ferne liegenden „Konvergenzjahr“ wartet. Man sollte sich ernsthaft mit dem Gedanken anfreunden, die pro Kopf gleichen Emissionsrechte zu einer Zeit einzuführen, wo die meisten Entwicklungsländer noch weit unterhalb der zwei Tonnen pro Kopf der Bevölkerung sind. Dann nämlich können sie Emissionsrechte an den Norden verkaufen. Und auf dem Weltmarkt für CO2-Emmissionsrechte bildet sich ein stolzer Preis für diese aus.

Würde man heute über Nacht die Grenze von zwei Tonnen pro Person einführen, dann gäbe es exorbitante Preise für die Lizenzen, wo doch schon die Chinesen Lizenzen kaufen müssten. Hier muss der Kompromiss ansetzen: Man kann mit einer Erlaubnis von vielleicht vier Tonnen pro Kopf beginnen. Schon diese würde einen schwunghaften Lizenzenhandel in Gang setzen, wo wir Deutschen kräftig einkaufen müssten und ein starkes Motiv hätten, unsere Energieproduktivität (Wirtschaftsleistung pro eingesetzter Energie) rasch und dynamisch zu erhöhen. Mit den US-Amerikanern kann man anfangs nicht rechnen. Sie stoßen erst dann dazu, wenn sich an der Wallstreet herumspricht, dass die europäischen und japanischen Konzerne technologisch davonrennen und den Amerikanern und vielleicht Brasilianern, Russen und Südafrikanern die Dinosauriertechnologie wie das Schmelzen von Aluminium aus Bauxit oder die Chloralkalielektrolyse überlassen. Wenn eine starke Gruppe von Industrieländern sich mit der Mehrheit der Entwicklungsländer zu einer Koalition der Willigen zusammenschließt, die den Lizenzhandel auf dieser Basis in Gang setzt, dann wird es auf einmal für Inder und Chinesen ökonomisch spannend, haufenweise Pläne für neuen Kohlekraftwerke in den Papierkorb zu werfen und stattdessen Lizenzen zu verkaufen und die Effizienz im Umgang mit Energie und anderen Ressourcen hoch zu peitschen. Technologisch ist eine Vervierfachung der Energieproduktivität2 zweifellos möglich, langfristig auch eine Verzehnfachung. Die Effizienztechnologien haben jahrzehntelang darunter gelitten, dass Energie viel zu billig war. Die deutsche Wirtschaft kann, wenn man Übergangsmodalitäten aushandelt, die das Vernichten von Kapital weitgehend vermeiden, an einer solchen Klimakoalition viel Spaß gewinnen und eine Modernisierungskur durchlaufen, die uns Deutsche wieder einmal technologisch an die Weltspitze bringt.

Die WCC3 wird unter anderem auch die neueren Ergebnisse der Erforschung der Dynamik der Erhöhung des Meeresspiegels erörtern müssen. Die alte Vorstellung, dass das Polareis langsam von oben nach unten abschmilzt, ist kryogeologisch nicht haltbar. Es gibt nicht-lineare Ereignisse, die uns vermehrt Sorgen machen müssen. Ferner wird die WCC3 nicht umhinkommen, sich nunmehr auch mit dem Thema der Anpassung an den Klimawandel zu beschäftigen, einschließlich der kontroversen Frage, wer das Geld aufbringen müsste, damit sich auch ärmere Völker und Schichten anpassen können.

 

 


[1] Antrag der Abgeordneten Andreas Jung (Konstanz) u.a. und Fraktionen der CDU/CSU und der SPD, Bundestagsdrucksache 16/7281 vom 27.11.2007

[2] vgl. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1997. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer Knaur. In Vorbereitung ist: Ernst Ulrich von Weizsäcker, Charlie Hargroves, Michael Smith. 2009. Faktor Fünf. München: Droemer Knaur.