WCC-3 „Climate predictions and information for decision-making“

Ein Kommentar von Prof. Martin Visbeck – Leiter der Forschungseinheit „Physikalische Ozeanographie“ am IFM-Geomar in Kiel und Vorsitzender des Programmkomitees für die Dritte Weltklimakonferenz der WMO

Die Initiatoren der 3. Weltklimakonferenz der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) als veranstaltendes Organ der UN haben sich zum Ziel gesetzt, einen internationalen Rahmen für die Weiterentwicklung von Informationsdiensten zu schaffen, die sich mit Klimainformationen und -vorhersagen befassen. „Better Climate Information für a Better World“ ist das plakative Motto. Allen Gruppen der Weltstaatengemeinschaft soll es in Zukunft möglich gemacht werden Ihrem Klimarisiko in optimaler Weise zu begegnen. Dazu braucht man abgesicherte Klimainformationen über die momentane Situation und, wenn möglich, über zukünftige Entwicklungen. Der Fokus liegt auf Zeitskalen von Wochen bis hin zu Dekaden, schließt aber auch Aspekte der Anpassung an den Klimawandel mit ein.

Schwankungen des Klimas stellen auf allen Zeitskalen eine Herausforderung für unsere Gesellschaft dar. Überschwemmungen und Dürreperioden, eine intensive Wirbelsturmsaison oder Hitzewellen sind gute Beispiele wo abgesicherte Klimainformationen helfen könnten diesem Klimarisiko optimal zu begegnen. Schon heute ist es möglich in einigen Regionen der Welt Dürreperioden über mehrere Monate vorherzusagen. Mann kann dadurch Schutz- und Hilfsmaßnahmen rechtzeitig einleiten und den wirtschaftlichen Schaden reduzieren.

Für Europa sind diese Vorhersagen auf zwischenjährlichen Zeitskalen (noch) sehr ungenau. Trotzdem kann man das Verständnis über die räumlichen Zusammenhänge von Klimaschwankungen nutzen um sich abzusichern. Es gibt einen gut beschriebenen Wechsel zwischen der Intensität der Winterniederschläge über Skandinavien und dem Mittelmeerraum. Dieses Phänomen nennen die Experten die „Nordatlantische Oszillation“. Wenn es in Norwegen im Winter viel regnet, ist es in der Türkei eher trocken. Diese Information kann man zum Beispiel als Betreiber von Wasserkraftwerken nutzen um sich mit Hilfe von Versicherungen oder anderen Optionen gegen Trockenheits-Verluste finanziell abzusichern.

Informationen über die Häufigkeit von Überschwemmungen und Meeresspiegel-schwankungen sind außerdem wichtig, wenn neue Hotelanlagen in tropischen Inselparadiesen erschlossen werden. Extreme Regenfälle über lange Zeit hinweg und damit verbundenes Hangrutschen oder über die Ufer tretende Flüsse sollten Eingang finden bei der Planung von Bau- und Infrastruktur, hier bei uns in Europa und in allen anderen Regionen der Welt.  

Im Tropengürtel von Afrika, Südamerika und Asien gibt es das bekannte Klimaphänomen „El Nino“. Die damit verbundene globale Umverteilung der Regenfälle lassen sich bis zu einem Jahr einigermaßen sicher vorhersagen. Manche Staaten und Wirtschaftsunternehmen nutzen diese Informationen um die mit „El Nino“ verbundenen wirtschaftlichen Risiken absichern. Andere betroffenen Staaten dagegen sind nicht in der Lage diese Klimainformationen selbst zu generieren. Für viele aber könnten solche Vorhersagen nützlich sein um größere Schäden im eigenen Land zu verhindern. Die dritte Weltklimakonferenz wird hier ansetzen und die Staatengemeinschaft dazu auffordern Klima-Informationen untereinander auszutauschen, Methoden weiter zu reichen und den internationalen Wissenstransfer zu beschleunigen.

Klimainformationen brauchen Daten. Die zweite Weltklimakonferenz hat dazu das globale Klimabeobachtungssystem (GCOS) ins Leben gerufen. GCOS hat viele sichtbare Erfolge aufzuweisen. Aber es gibt auch noch deutliche Lücken, insbesondere in der dritten Welt. Die dritte Weltklimakonferenz wird die Staatengemeinschaft auffordern Ihre Aktivitäten bei der globalen Gewinnung von Klimadaten zu verstärken, Lücken zu füllen und insbesondere auch den zeitnahen Austausch von Informationen zu optimieren.

Klimavorhersagen brauchen zeitnahe Daten und schnelle Computer um immer komplexer werdende Modelle zu betreiben. Besonders aufwendig ist es, wenn auch regionale Aussagen über Klimaschwankungen gewünscht werden. Für viele Staaten sind moderne Klimavorhersagen nicht leistbar. Die dritte Weltklimakonferenz wird die Staatengemeinschaft auffordern ihre Klimavorhersagesysteme untereinander abzustimmen und die gewonnen Erkenntnisse zeitnah allen Interessierten zur Verfügung zu stellen.

Bevölkerungsgruppen mit wenigen Ressourcen spüren oft besonders stark die Auswirkungen von Klimaschwankungen. Die dritte Weltklimakonferenz wird die Staatengemeinschaft auffordern Ihre Klimainformationen auch insbesondere der Dritten Welt zur Verfügung zu stellen. Weiterhin soll es diesen Ländern ermöglicht werden ihre Experten in hochentwickelten Kompetenzzentren auszubilden und damit eigene Kapazitäten zu schaffen um Klimainformationen optimal für eine nachhaltige Entwicklung zu nutzen.

Internationales Programm-Komitee

Zur Planung und Durchführung der 3. Weltklimakonferenz wurde ein Organisationskomitee mit Experten aus aller Welt gebildet. Innerhalb einer Arbeitsgruppe, dem Programm-Komitee, wird daran gearbeitet, eine tragfähige Agenda mit allen relevanten Themenbereichen zu erstellen. Dem Komitee gehören 25 Wissenschaftler und Vertreter internationaler Organisa­tionen und Verbände an. Für alle Mitglieder des Programm-Komitees ist es eine große Ehre, an der Gestaltung des Programms der 3. Weltklimakonferenz mitwirken zu dürfen.

Programm

Die Konferenz soll den weltweiten Austausch des Kenntnisstandes über Klimainformationen und -vorhersagen ermöglichen und gleichzeitig Raum für Diskussionen schaffen. Viele der Themen werden derzeit innerhalb der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Die verschie­denen Blickwinkel und Interpretationen zeigen zum einen die Komplexität des Themenfeldes auf. Zum anderen geben sie einen Hinweis darauf, wie groß die Bandbreite der Handlungsoptionen für politische Entscheidungen ist.

Ziel des Programms ist es, den heutigen Kenntnisstand über die Klimaentwicklung, Klimafolgen und Vorhersagemöglichkeiten umfassend darzustellen und gleichzeitig die Bedürfnisse der Nutzer, die von verbesserten Klimainformationen profitieren, zu identi­fizieren. Auf dieser Basis sollen die Möglichkeiten zur Verbesserung der Klima­vorhersagen und -informationen ausgelotet werden. Neben der inhaltlichen Erweiterung der kurz- bis langfristigen Modelle soll auch die Intensivierung des Informationsaustausches durch eine globale Infrastruktur und die verbesserte weltweite Erfassung von Klimadaten diskutiert werden.

Die einwöchige Konferenz teilt sich in zwei Segmente: In den ersten drei Tagen werden die Anforderungen und Möglichkeiten von Klimavorhersagen und Klimainformationen dargestellt und das Potential einer verbesserten internationalen Zusammenarbeit und deren Rahmenbedingungen diskutiert. Anschließend wird die neue Rahmenvereinbarung und ihre Bedeutung für die resultierenden Umsetzungsmöglichkeiten den hochrangigen Vertretern aus der Politik vorgestellt und Ihnen die Möglichkeit gegeben Ihre Unterstützung mit einer Ministerialerklärung zu verkünden.

Das Programm für die ersten 3,5 Tage  sieht folgende Plenumsveranstaltungen vor (Stand 06/08):

  • Herausforderungen für Klimavorhersagen und -informationen (the climate prediction and information challenge) – Die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungs­möglichkeiten von Klimavorhersagen und -informationssystemen werden vor dem Hintergrund veränderter Anforderungen diskutiert.
  • Anforderungen nach Klimainformationen (needs for climate information) – Hier werden die Bedürfnisse für Klimainformationen der unterschiedlichen Nutzergruppen gesammelt und hinsichtlich ihrer Dringlichkeit und Umsetzbarkeit eingeschätzt.
  • Management von Klimarisiken (climate risk management) – Durch verbesserte Klimainformationen soll der Umgang mit Klimarisiken in verschiedenen Bereichen (Landwirtschaft, Küstenschutz, Gesundheitsvorsorge) besser geplant und umgesetzt werden.
  • Sozio-ökonomische Vorteile durch Klimainformationen und –vorhersagen (socio-economic benefits of climate information and prediction) – Die gesamtgesell­schaftlichen Vorteile durch verbesserte Klimainformationen und ‑vorhersagen werden herausgearbeitet.
  • Frühwarnsysteme für Extremereignisse und Klimagefahren (extremes and hazard early warning systems) – Die bestehenden Frühwarnsysteme, ihre Entwicklungs­möglich­keiten und neue Konzepte zum Schutz vor kurz- und langfristigen Klima­gefahren werden vorgestellt.
  • Voranbringen der Klimavorhersagen-Forschung (advancing climate prediction science) – Gemeinsame weltweite Anstrengungen zur Verbesserung der Klimavorhersagenforschung werden diskutiert.
  • Etablierung von Klimainformationen (mainstreaming climate information) – Die Möglichkeiten, Klimainformationen nach den aktuellen Anforderungen aufzubereiten und den unterschiedlichen Nutzergruppen weltweit zur Verfügung zu stellen, werden erörtert.

In parallel tagenden Arbeitsgruppen werden an zwei Nachmittagen einzelne Themen vertieft zum Beispiel:

  • Klima und Gesundheit (climate and human health)
  • Klima und Energie (climate and energy)
  • Klima und Wasser (climate and water)
  • Klima und Landwirtschaft (climate and agriculture)
  • Initiieren von Klimavorhersagen (initializing climate predictions)
  • Klima im Ozean (climate in oceans)
  • Klimabeobachtungen (climate observations)
  • Verfügbarkeit regionaler Klimainformationen (delivering regional climate information)

Zusätzlich sind neben Posterausstellungen zwei Rundgespräche mit den Themen vorgesehen:

  • Klimainformationen für Anpassungsmöglichkeiten (climate information for adaptation)
  • Kommunikation von Klimainformationen (communicating climate information).

Zum Abschluss dieses Konferenzteils werden die Ergebnisse der Plenar- und Arbeitsgruppen­sitzungen zusammengefasst und in eine gemeinsame Konferenzerklärung einfließen, die als inhaltliche Basis für die anschließenden Diskussionen auf der politischen Ebene dienen.

Bewertung

Die dritte Weltklimakonferenz hat das Potential die bedeutendste Veranstaltung im Jahre 2009 im Klima-Bereich zu werden. Wir erwarten erstklassige Redner und Vertreter der klima-betroffenen Sektoren. Die Konferenz wird keine rein wissenschaftliche Veranstaltung sein, wo Experten die neuesten Forschungsergebnisse diskutieren, sondern es geht darum vorhandene Klimainformationen an alle weiterzugeben, die diese nutzen wollen. In dem Dialog zwischen denen, die Information brauchen, und denen die Informationen generieren werden wir Lücken erkennen. Daraus ergibt sich eine klare Agenda für zukünftige Forschungsschwerpunkte, für verbesserte Datenerfassung und –verteilung und eine verbesserte internationale arbeitsteilige Zusammenarbeit.

Eine schnell wachsende Weltbevölkerung und die Konzentration in Ballungsregionen schaffen eine Vielzahl von Herausforderungen. Solche Gesellschaften sind insbesondere auch von den Schwankungen des Klimas unmittelbar betroffen. Dieses Klima-Risko wollen wir auf allen Zeitskalen beleuchten, besser verstehen. Ein optimaler Umgang mit und eine mögliche Absicherung dieses Risikos ist nur möglich wenn abgesicherte Klimainformation für alle Betroffenen vorhanden sind. Es geht um die Datengewinnung und Auswertung, um Klimavorhersagen auf saisonalen, zwischenjährlichen bis hin zu dekadischen Zeitskalen und darum, diese Informationen zügig und offen auszutauschen. Diese Herausforderung betrifft uns alle. Die Vereinten Nationen unter der Leitung der WMO wollen hier Verantwortung übernehmen um im Rahmen eines internationalen Abkommens den globalen Austausch von aktuellen Klimainformationen zu ermöglichen.