Der Klimawandel trifft alle - Klimaschutz als ständiger Handlungsauftrag der Kommunen

25.7.08, Ein Kommentar von Peter Todeskino – Bürgermeister und Dezernent für Stadtentwicklung und Umwelt der Landeshauptstadt Kiel

Die Landeshauptstadt Kiel ist als „Klimaschutzstadt“ und Sitz des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften bereits seit Jahren kommunalpolitisch und wissenschaftlich eng mit den aktuellen Fragen des Klimaschutzes und des Klimawandels befasst. Angesichts der 3. Weltklimakonferenz stellt sich trotzdem die Frage, welche Bedeutung die Diskussionen auf internationalen Konferenzen für die kommunalpolitische Arbeit haben können. Die Erfahrungen Kiels zeigen, dass dieser Einfluss erheblich sein kann.

Als direkte Reaktion auf die Umweltkonferenz von Rio im Jahr 1992 hatte die Ratsversammlung der Landeshauptstadt Kiel bereits im Jahr 1994 beschlossen, die von der Staatengemeinschaft vereinbarten Ziele der Agenda 21 auf kommunaler Ebene umzusetzen und das Projekt „Klimaschutzstadt Kiel“ gestartet. Im Jahr 2004 trat Kiel dem Klimabündnis Alianza del Clima bei. Im Mai 2008 - unter dem Eindruck der im vierten Weltklimabericht dargestellten Prognosen – wurde ein noch ambitionierteres Energie- und Klimaschutzkonzept für Kiel beschlossen und der Klimaschutz zum ständigen Handlungsauftrag der Verwaltung erklärt. Als Konsequenz der UN-Klimaberichte kann auch gewertet werden, dass bei der anstehenden Frage der zukünftigen Energieversorgung in Kiel ein Konsens zwischen dem Energieversorger und der Politik erreicht werden konnte, die Entscheidung zum Bau eines Kohlekraftwerks wurde vorerst ausgesetzt, um die Entwicklungen bei der CO2 - Abscheidungstechnologie abzuwarten.

In dem aktuellen Kieler Klimaschutzkonzept 2008 wird auch darauf hingewiesen, dass ein Teil des bereits begonnen Klimawandels unumkehrbar sein wird. Als Hafenstadt und Sitz meereskundlicher Forschungseinrichtungen ist es gerade aus Kieler Sicht von besonderer Bedeutung, dass der Klimawandel auch die Ozeane verändern wird, von deren Entwicklung die Zukunft unserer Gesellschaft abhängt. Mit dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften ist Kiel führend in der meereskundlichen Klimaforschung. Mit dem renommierten Klimaforscher Herrn Professor Mojib Latif und seinen engagierten Kollegen hat die Kieler Klimaforschung nicht nur prominente Vertreter, sondern die Landeshauptstadt Kiel auch einen unmittelbaren Bezug zu den aktuellen Fragen des Klimawandels. Durch die von Herrn Professor Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft vertretenen Thesen ist die Kieler Klimaschutzpolitik auch mit den volkswirtschaftlich relevanten Fragen des Klimawandels vertraut. In ihrem Klimaschutzkonzept hat Kiel beschlossen, die Initiativen von Kieler Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft zu unterstützen, um Kiel zur weltweit ersten Adresse für Klimaforschung und für die Entwicklung und Umsetzung von Energieeffizienz-Technologien zu machen.

Quasi im Vorgriff auf das Thema der 3.Weltklimakonferenz, bei der es um die Bedeutung regionaler Klimadaten, die Erstellung von regionalen Klimamodellen und die Ableitung von Anpassungsstrategien gehen wird, wurde die Verwaltung der Landeshauptstadt Kiel Anfang 2008 beauftragt, ein langfristig angelegtes Konzept für ein kommunales Management „Klimawandel" vorzulegen. Kiel hat sich bereits früh mit regionalen Auswirkungen von Klimaänderung befasst, bei der Entwicklung von Quartieren am Wasser wurde die Frage des Hochwasserschutzes unter Einbeziehung der Prognosen des klimabedingten Meeresspiegelanstiegs behandelt. Eine detailliertere Bewertung von möglichen Klimafolgen für Kiel erfolgte bereits im Rahmen eines Diskussionsprozesses, bei dem die Entwicklung Kiels bis zum Jahr 2030 betrachtet wurde.

Auch wenn die Vorstellung nahe liegt, Kiel hätte als Hafenstadt mittelfristig besonders stark unter dem Klimawandel zu leiden, machen die regionalen Klimamodelle gerade für Schleswig-Holstein mittelfristig - das heißt innerhalb der nächsten 50 Jahre - keine besonders dramatischen Prognosen. Die mittelfristigen Auswirkungen sind überschaubar, ihnen kann man durch Anpassung von Deichhöhen, Sturmschutz von Häfen, Anpassung von Katastrophenschutz- und Regenwassermanagementplänen, Beobachtung der Verbreitung von Infektionskrankheiten, Maßnahmen im Bereich des Biotop- und Artenschutzes und gegebenenfalls durch Beteiligung an einem Frühwarnsystem bei Hitzewellen begegnen. In Bereichen wie der Landwirtschaft und dem Tourismus sehen einige Wissenschaftler Norddeutschland sogar als Klima-Gewinner.

Lässt sich aus den regionalen Klimamodellen eine Entwarnung für Norddeutschland ableiten? Ganz und gar nicht ! Die Regionalen Klimamodelle zeigen im Vergleich – und das wird die 3. Weltklimakonferenz sicherlich nochmals eindringlich vor Augen führen -  dass bereits weite Teile der Welt unter Überschwemmungen, Trinkwassermangel oder Wüstenbildung zu leiden haben werden, wenn sich andere Länder noch zu den vermeintlichen Klima-Gewinnern rechnen. Und wie Herr Professor Klepper vom Kieler Institut für  Weltwirtschaft vorrechnet, treffen die regionalen Auswirkungen des Klimawandels über die Rückkopplungsmechanismen der Weltwirtschaft bereits jetzt alle Nationen und Menschen. Als Beispiel seien die steigenden Weltmarktpreise für Getreide infolge der Überflutungen in Nordamerika oder der stetig wachsende Zustrom von Klimaflüchtlingen von Nordafrika nach Europa genannt.

Trotz aller Modelle - zum Glück wissen wir nicht, ob der Klimawandel tatsächlich zu den katastrophalen und die Lebensgrundlagen der Menschheit bedrohenden Auswirkungen führen wird, wie sie beispielweise das Auftauen der sibirischen Permafrostböden oder die Versauerung der Weltmeere darstellen würden. Die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung liegt aber weniger an den Modellrechnungen, sondern vielmehr an der Bereitschaft der Menschen in den nächsten Jahren einen anderen Handlungspfad einzuschlagen. Dennoch lassen uns die Wissenschaftler eine Hoffnung, dass wir durch gemeinsames Handeln den weltweiten Temperaturanstieg auf den kritischen Wert von zusätzlich 2° Celsius begrenzen können. Hier zeigt sich die globale und Generationen übergreifende Verantwortung der Industrialisierten Länder.

Kiel orientiert sich bei seinen Klimaschutzmaßnehmen an den CO2-Minderungszielen der Bundesregierung. In enger Abstimmung mit dem regionalen Energieversorger verfolgt Kiel  das Ziel einer effizienten und nachhaltigen Energieversorgung. Das zweite wichtige kommunale Handlungsfeld ist die Steigerung der Energieeffizienz beim Bauen und Sanieren. Das Einsparpotenzial im Gebäudebestand ist hoch. Es gilt mehr als nur die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen. Mit der Innovativen Bauausstellung InBA® 2008 präsentiert die Landeshauptstadt Kiel stadtweit 20 besonders energieeffiziente Neubaumaßnahmen und Modernisierungsprojekte, bei denen auf freiwilliger Basis von Bauträgern, Unternehmen, Baugemeinschaften und Privatpersonen sowohl ein vorbildhafter Wärmeschutz als auch der Einsatz von erneuerbarer Energien zur Heizenergie- und Warmwasserversorgung umgesetzt wird. Diese 20 Projekte brauchen noch viele Nachfolger.

Von der 3.Weltklimakonferenz und den dort diskutierten regionalen Klimamodellen erhoffe ich mir einen Argumentations- und Motivationsschub, die Anstrengungen für den Klimaschutz auf kommunaler Ebene weiter zu verstärken.