Der Klimawandel fordert uns – Hamburgs Strategien für die Zukunft

Ole von Beust, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg

Der weltweite Klimawandel mit seinen Folgen ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Es ist vor allem den Klimaberichten des IPCC der Vereinten Nationen zu verdanken, dass diese Tatsache den Menschen bewusst geworden ist. Und ebenso klar ist geworden: Es ist nicht nur lebensnotwendig, den Klimawandel zu bremsen. Es ist auch entscheidend, dass wir uns vor den Folgen des Klimawandels schützen, die wir schon jetzt spüren und die weiter zunehmen werden. Dies gilt auch und besonders für die Menschen in der norddeutschen Tiefebene und in der Metropole Hamburg – direkt an der Elbe gelegen, nur rund 80 Kilometer entfernt von der Nordsee.

Deutsche Klimaforscher haben errechnet, dass die Temperatur in Norddeutschland bis zum Ende des Jahrhunderts möglicherweise um 1,5 bis 3,5° C steigen wird. Zu befürchten sind häufigere Extremwetterlagen mit Starkregen und stärkeren Stürmen im Winter. Dies sowie der Anstieg des Meeresspiegels werden auch die Wasserstände von Sturmfluten steigen lassen.

 

Klimaschutzkonzept

Angesichts dieser Prognosen genießen Klimaschutz und Klimafolgenmanagement für den Hamburger Senat höchste Priorität. Mit seinem 2007 beschlossenen und Ende 2008 aktualisierten Klimaschutzkonzept will Hamburg eine Vorreiterrolle für wirksamen Klimaschutz übernehmen. Wir wollen die jährlichen CO2-Emissionen bis 2020 dauerhaft um 40 Prozent verringern. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, haben wir mehr als 270 Projekte und Maßnahmen auf den Weg gebracht und jährlich 25 Millionen Euro Sondermittel bereitgestellt. Bei der Umsetzung wird uns der von der EU-Kommission für 2011 verliehene Titel „European Green Capital“ anspornen, den wir gleichermaßen als Auszeichnung und Verpflichtung verstehen.

Mit unserem Klimaschutzkonzept werden wir Hamburg auch in die Lage versetzen, sich den Folgen des Klimawandels zu stellen. Hierbei gibt es zwei wichtige Aufgabenkreise: Zum einen geht es um den Umgang mit einer Bedrohungslage, also um Gefahrenabwehr zum Schutz der Menschen und ihres Eigentums, zum Schutz der Infrastruktur und unserer Volkswirtschaft. Zum anderen befasst sich der Hamburger Senat aber auch mit der Frage, wie wir in einem Ballungsraum wie der Metropolregion Hamburg strategisch mit den Klimafolgen umgehen sollten. Denn wir wollen und müssen unsere Städte und Landschaften so planen, Infrastruktur und Gebäude so bauen, dass sie Stürmen, Starkregen und anderen Folgen des Klimawandels standhalten.

Gefahrenabwehr ist oberste Pflicht des Staates und hat daher natürlich Priorität. An erster Stelle stehen Sturmflutschutz und Binnenhochwasserschutz. In den vergangenen 20 Jahren wurden die Deiche auf ca. 7,5 bis 9 Meter erhöht. Diese Vorsorge wird, nach allem, was wir heute wissen, noch mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts ausreichen, damit Hamburg sturmflutsicher ist. Doch es bleibt unsere ständige Aufgabe, sämtliche Anlagen daraufhin zu überprüfen, ob sie für die prognostizierten Hochwasser gerüstet sind. Um mit den erhöhten Niederschlagsmengen umzugehen, muss vor allem die Wasserspeicherkapazität erhöht werden: durch die Abkopplung befestigter Flächen vom Sielnetz, den Bau von Regenrückhaltebecken und die Schaffung von natürlichem Überschwemmungsraum.

Doch wir wollen über die reine Gefahrenabwehr hinaus denken und das Klimafolgenmanagement in die Stadtplanung und den Städtebau integrieren. Das fängt an mit der Frage, welche Dichte wir künftig in Bebauungsplänen vorschreiben und wie wir mit dem für Hamburg so wichtigen Thema der Erschließung von Flächen am Wasser umgehen. Dies betrifft auch den schonenden Umgang mit unversiegelten Böden in der Stadt- und Raumplanung. Und in der städtebaulichen Diskussion, die in Hamburg traditionell sehr leidenschaftlich geführt wird, werden ganz neue Aspekte in den Vordergrund treten. Bauphysik und Architektur werden, gerade bei Fassadengestaltung und Materialauswahl, zunehmend die veränderten klimatischen Bedingungen in den Blick nehmen – damit die Gebäude nicht nur die zur CO2-Minderung notwendigen strikten energetischen Kriterien erfüllen, sondern auch funktional sind im Hinblick auf Hitze, Sturm und Starkregen.

 

Klima-Campus

Der Hamburger Senat sieht hier die Chance, das Wissen aus den Klimamodellen mit den angewandten Wissenschaften zu verbinden. Von unseren Universitäten und Hochschulen erwarte ich deshalb, dass sie die Erkenntnisse der Grundlagenforscher zum Klimawandel nutzen und in die wissenschaftliche Begleitung von Stadtplanung und Städtebau tragen. Deshalb haben wir beispielsweise an der Technischen Universität Hamburg-Harburg ein Zentrum für Klimafolgen-Management geschaffen, das in den Bereichen Wasser- und Hafenbau, Hochwasserschutz und Umweltwissenschaften Technologien und Methoden zur Anpassung an klimatische Extremzustände entwickeln wird. Außerdem werden sich Forscher dort mit der städtebaulichen Entwicklung von überschwemmungsgefährdeten Gebieten befassen.

Damit wir im Klimafolgenmanagement die richtigen Entscheidungen treffen können, benötigen wir belastbare Daten und methodisch gut abgesicherte Prognosen. Diese beziehen wir zum großen Teil von den am Exzellenz-Cluster der Deutschen Forschungsgemeinschaft beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen am Standort Hamburg. Mit dem Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften – einem Projekt der Universität Hamburg, dem Max-Planck-Institut für Meteorologie, dem Deutschen Klimarechenzentrum und dem GKSS-Forschungszentrum Geesthacht – gibt es einen zukunftsweisenden Verbund aus universitärer und außeruniversitärer Forschung. Ergänzt wird dieser „Klima-Campus“ durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Gemeinsam mit weiteren renommierten Institutionen wie dem GEOMAR in Kiel sowie dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven bilden die Hamburger Einrichtungen den größten bundesdeutschen Forschungsschwerpunkt zu Klimaentwicklung und Klimafolgenabschätzung. Diese starke Stellung Hamburgs werden wir in den nächsten Jahren weiter ausbauen.

Neue Erkenntnisse erwarten wir auch vom „Climate Change Assessment Report“ für Norddeutschland. Er soll das Wissen über Klima, Klimavariabilität und Klimawandel für Norddeutschland zusammentragen. Damit wird sich eine Vielzahl wissenschaftlicher Einrichtungen in Norddeutschland gemeinsam befassen.

Damit die Entscheider in Wirtschaft, Verwaltung und Politik das Wissen der deutschen Klimaexperten optimal nutzen können, muss es gesammelt und speziell für die unterschiedlichen Fragestellungen aufbereitet werden. Ich begrüße es daher sehr, dass die Bundesregierung hierfür derzeit eine zentrale Einrichtung in Hamburg gründet.

 

Management der Klimafolgen

Wichtig ist dem Hamburger Senat zudem die Zusammenarbeit mit anderen Städten und Metropolregionen. So spielt der Klimaschutz in der Kooperation mit unseren Partnerstädten eine bedeutsame Rolle. Im Herbst 2009 werden wir Vertreter aus großen internationalen Städten nach Hamburg einladen, auch um uns zu Fragen des Klimafolgenmanagements auszutauschen. Zudem ist die Freie und Hansestadt Hamburg Mitglied im europäischen Metropolennetzwerk METREX und bringt als federführender „Lead Partner“ in einem der EU Kommission vorgelegten Projekt auch hier den Dialog von großen Städten und Metropolregionen in Europa zum Klimawandel voran – mit der Perspektive, hierüber auch eine transatlantische Brücke zu weiteren Partnerregionen in den USA zu schlagen.

Innerhalb der Metropolregion Hamburg arbeiten wir bereits mit den umliegenden Kreisen und Landkreisen intensiv zusammen, um ein „Klimafolgen-Management“ für die nächsten Jahrzehnte zu entwickeln. Unter anderem soll im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsvorhabens aufgezeigt werden, wie Gesellschaft und Ökonomie sich den erhöhten Risiken des Klimawandels anpassen müssen und Klimafolgen mindern können. An diesem Forschungsprojekt werden sich Hochschulen, außeruniversitäre Forschungsinstitute, alle Ebenen der Verwaltung, Wirtschaftsunternehmen sowie weitere Einrichtungen aus Wirtschaft und Politik beteiligen.

Austausch gibt es zudem zwischen den fünf norddeutschen Bundesländern, die ihre Küstenlage eint. Wir möchten unsere Interessen und Sichtweisen einbringen in die Entwicklung der nationalen Anpassungsstrategie, an der die Bundesregierung derzeit arbeitet.

Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Vorsorge treffen und bei jeder Entscheidung und jeder konkreten Planung bereits heute die Folgen des Klimawandels mit bedenken. Hierzu ist es unerlässlich, sich auszutauschen und zu vernetzen. Deshalb begrüße ich es sehr, dass sich die 3. Weltklimakonferenz der WMO 2009 mit dem regionalen Management der Klimarisiken befasst. Die Konferenz bietet Städten und Kommunen die Chance, sich noch besser zu vernetzen und ihre Strategien weiter zu entwickeln. Hamburg wird diese Chance gerne nutzen.