Brief der südafrikanischen Forstbehörde aus dem Jahr 1928, in dem indigene Menschen als "Besetzer" (squatter) bezeichnet werden. Quelle: Bishop, Kristina Monroe (2006): Social Impacts of Afforestation in South Africa.

Aufforstungsprogramme verletzen Rechte von indigenen Menschen

 

Umsiedlungen, Vetreibungen und Ausbeutung der lokalen Bevölkerung gehen oft mit Aufforstungsprogramme einher

 

Aufforstung ist ein wichtiges Instrument des Klima- und Umweltschutzes und wird deshalb in der Öffentlichkeit überwiegend positiv bewertet. In ehemaligen Kolonialregionen sind Aufforstungsprogramme der Holzindustrie jedoch oft mit groben Verletzungen der Rechte indigender Menschen verbunden, deren Lebensraum zerstört wird und die enteignet oder zwangsweise umgesiedelt werden. Die Auseinandersetzungen um die Lebensraeume von lokalen Anwohnern und die teilweise menschenrechtsverletzende Politik von Behörden und Unternehmen lassen sich mitunter bis in die frühe Kolonialzeit zurückverfolgen. Heutzutage kann der Protest gegen menschenrechtsverletzende Aufforstungsprojekte durch internationale zivilgesellschaftliche Netzwerke verstärkt werden.

 

„Es war schön in Qelana. Alles war gut und wir litten keine Not. Aber hier können wir nicht einmal in dieser Jahreszeit ernten, wir können nicht ernten wegen der Trockenheit. Wir wurden hier mitten in die Trockenheit gebracht... In Qelana hatten wir Regen, weil wir in Waldnähe waren.“ Emmie Fiko lebt im südafrikanischen Umtata. Sie wurde zwangsweise dorthin umgesiedelt, weil auf den fruchtbaren Böden in der Region Gqogqora ihres Heimatdorfes Qelana Aufforstungsprogramme durchgeführt wurden. So wie ihr ist es vielen indigenen Menschen ergangen, die von kolonialen Behörden systematisch aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

 

„Es ist von größter Wichtigkeit, dass die Bevölkerung so stark wie möglich ausgedünnt wird.“

In der Logik der Kolonialherrschaft waren die Einwohner störende Elemente, die einer ökonomischen Nutzung des Landes im Wege standen und deshalb entfernt werden mussten. Das auf monokulturellen Plantagen gewonnene Holz war ein wichtiger Rohstoff und wurde gewinnbringend exportiert. Zusätzlich haben in Südafrika Goldfunde einen Goldrausch ausgeloest, der die Nachfrage nach Holz anschnellen ließ, das für den Goldabbau benötigt wurde – beispielsweise um Mienen zu stützen oder Schienen zu bauen.

Die indigenen Menschen haben die Zerstörung ihrer Lebensräume oder gar die Umsiedlungsprogramme natürlich nicht einfach hingenommen, sondern Widerstand geleistet. Forstpolitik ging in Südafrika vielerorts mit jahrzehntelangen sozialen Auseinandersetzungen einher, an deren Ende meist die Kolonialherrscher triumphierten. Diese Auseinandersetzungen tauchen in offiziellen Erzählungen allerdings oft nicht auf, sondern werden systematisch ausgeblendet, während die Aufforstung als zivilisatorischer und ökologischer Fortschritt gefeiert wird. Jacob Tropp, Historiker und Soziologe, hat den Widerstand der indigenen Menschen gegen die Umgestaltung ihrer Heimat in Gqogqora erforscht: „Hinter den optimistischen Berichten und beeindruckenden Statistiken über staatliche Aufforstung liegen andere Erfahrungen und Perspektiven: Die Ausweitung des staatlichen Aufforstungsprogramms ging mit der kompletten Vertreibung der Einwohner in Gqogqora einher: Alleine in den Jahren um 1960 wurden 400 afrikanische Haushalte in verschiedene Aussenbezirke von Umtata umgesiedelt. Im Gegensatz zur offiziellen Geschichte war diese Ausweitung der staatlichen Forstkontrolle niemals unproblematisch oder unhinterfragt.“

Goldabbau in Südafrika unter der Verwendung von Holzstützen. Quelle: Bishop, Kristina Monroe (2006): Social Impacts of Afforestation in South Africa.

Förster berichten über gewaltvolle Auseinandersetzungen

Die Einwohner leisteten auf verschiedene Art Widerstand. Sie protestierten und legten offizielle Beschwerden ein. Im Jahr 1886 gab es ein Treffen zwischen Einwohnern und dem Verwaltungschef David Hook anlässlich neuer Gebuehren für die Waldnutzung und ein Dorfoberhaupt erklärte: „Die Regulierungen bedeuten Geld. Jeder der in den Wald geht muss zahlen. Sie werden in den Wald gehen. Sie haben kein Geld, also werden sie im Gefängnis landen.“ Hook erwiederte daraufhin unbeeindruckt: „Wer hat je versprochen, dass niemand für das Holz bezahlen muss, dass man selbst verbraucht?“ Nachdem die Waldregulierung zu immer mehr Leid bei den indigenen Menschen führte, kam es zu einem rasanten Anstieg von „Waltverbrechen“: Im Jahr 1901 verzeichnete der Tsolo Verwaltungsbezirk, in dem die Gqogqora liegt, mit 252 solcher Vergehen gegen die Forstbestimmungen die höchste Anzahl aller Regionen. Förster berichteten zwischen 1885 bis 1910 von immer häufigeren gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den Anwohnern, was ab 1902 einen regen Briefverkehr zwischen den Behörden darüber auslöste, die Förster personell zu stärken und ihnen Polizeibefugnisse zu geben. Die anhaltenden Spannungen brachen regelmässig in gewaltförmigem Protest aus, wie im August 1910, als Förster versuchten, 200 indigene Jäger von der Jagt abzuhalten, die die Förster daraufhin angriffen und viele von ihnen verletzten. In den 1910er Jahren stellten die kolonialen Herrscher den Forstbehoerden mehr Mitarbeiter und Mittel zur Verfüegung, mit denen der Widerstand in den folgenden Jahrzehnten stärker bekämpft wurde.

Auch heute noch leiden viele Menschen in Südafrika an den Spätfolgen der Umsiedlungen durch die kolonialen Behörden und dem Apartheitsregime. So auch in der Mpulizi Region, in der die riesige New Scotland Waldplantage steht, die 1957 errichtet wurde. Die Einwohner wurden von dem privaten Investor vor die Wahl gestellt, in eines von vier Dörfern innerhalb der Plantage zu ziehen, oder das Gebiet ganz zu verlassen. Die auf dem Privatgelände verbliebenen Bewohner dürfen kein Land mehr bestellen oder Tiere halten und können sich deshalb nicht mehr selbst versorgen, sondern müssen auf der Holzplantage arbeiten, wobei die Arbeitslosenquote von 58 bis 77 Prozent die Löhne niedrig hält. Die Menschen können sich nur sehr schwer andere Arbeit suchen, weil sie von der Außenwelt isoliert sind. Sie haben keinen Strom, kein Telefon, keine Autos und auf dem Privatgelaende gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel.

Die komplette Vertreibung der Einwohner in den fruehen 60er Jahren war der Höhepunkt der langen Geschichte der staatlichen Forstpolitik, deren Ziel der Verwaltungschef der Region C. A. Key im Jahr 1956 klar formulierte: „Gqogqora ist ein idealer Ort für Aufforstung und es ist von größter Wichtigkeit, dass die Bevölkerung so stark wie möglich ausgedünnt wird.“ Dem voraus ging eine kontinuierliche Zestörung des Lebensraums der indigenen Menschen, die schon 1885 mit der Etablierung von staatlichen Forstbehörden begann. Die erste Maßnahme der kolonialen Förster war die Regulierung der Waldnutzung, offiziell aus Naturschutzgründen: Bäume mit großem kommerziellen Wert wurden auf Reservierungslisten erfasst und durften von den Einwohnern nicht mehr gefällt werden; Jagen, die Lebensgrundlage der Menschen, wurde als „Wilderei“ unter Strafe gestellt; und viele verschiedene kulturelle Praktiken der indigenen Menschen wurden verboten, wie der Anbau von Pflanzen, das Sammeln von Lebensmitteln und Heilpflanzen oder Jagdspiele. Durch diese langfristige Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen konnten die Behörden ökonomischen Druck auf die Anwohner aufbauen. Zusätzlich drohten sie, dass diejenigen, die als letztes „umziehen“, schlechteres Land am Platz ihrer Umsiedlung zugewiesen bekommen würden.

Indonesische Plantage. Foto: FWI/GFW (2002): The State of the Forest: Indonesia.

Forstpolitik und Protest heute

Vertreibungen durch Aufforstung sind nicht nur eine Nachwirkung der kolonialen Geschichte, sondern finden auch heute in vielen Ländern statt. In Indonesien wurden nach einem Regierungsbeschluss im Jahr 1990 große Flächen für industrielle Aufforstungsprojekte freigegeben. Im Jahr 2000 nahmen allein die Plantagen für die industrielle Holzproduktion knapp 1,9 Millionen Hektar ein, während mit 35 Millionen Hektor fast ein Drittel der gesamten Waldfläche der „Produktion“ zugewiesenen war. Genau wie vor über hundert Jahren in Südafrika, werden dabei die Reche der Einwohner verletzt. Die deshalb entstehenden sozialen Konflikte haben laut Forest Watch Indonesia einen ähnlichen Ablauf: Zunächst wird Land, das von Einwohnern genutzt wird, ohne diese zu konsultieren an Unternehmen der Holzindustrie zugewiesen. Wenn die Menschen dagegen protestieren, werden ihnen Entschädigungen versprochen – diese Versprechen werden aber meist nicht eingehalten. Daraufhin verschärft sich der Protest und die Anwohner sabotieren beispielsweise das Material der Firmen, die dann die Polizei und private Sicherheitsdienste zur Hilfe holen und den Konflikt so verschärfen. Oft kommt es zu Eskalationen, wie ein Bericht der indonesischen Waldhandelsorganisation über Proteste im März 2000 zeigt, bei denen Einwohner ihr Recht auf ihre Gebiete geltend machten und Firmenvertreter bedrohten, wodurch 50 Unternehmen, die insgesamt 10 Millionen Hektar Land bewirtschaften, vorübergehend ihre Arbeit einstellen mussten.

Auch in Indien gibt es sozialen Konflikte über Flächennutzung und Aufforstung, vor allem in Zusammenhang mit einem riesigen Dammprojekt mit 30 großen, 135 mittleren und 3000 kleineren Dämmen zur Kontrolle des Narmada Flusses. Damit hat die indische Regierung massiv in die Natur eingegriffen und viel Waldfläche vernichtet, was durch Wiederaufforstung kompensiert werden soll. Durch die Aufforstungsprojekte kommt es zu Umsiedlungen und der Zerstörung der Wirtschaftsgrundlage der in den betroffenen Gebieten lebenden Menschen. In der „Bewegung zur Rettung der Narmada“ versammeln sich Betroffene und solidarische Aktivisten/innen und leisten auf unterschiedlichsten Ebenen wegen der massiven Umweltzerstörung und der Umsiedlung von 400.000 Menschen Widerstand gegen das Projekt. Seit im Jahr 2000 eine Klage der Bewegung nach sechsjähriger Verhandlung vom indischen obersten Gerichtshof abgelehnt wurde, hat der Protest weiter zugenommen. Gestützt durch digitale Kommunikation organisiert er sich heute in einem globalen zivilgesellschaftlichem Netzwerk, das sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene auf die indische Regierung einwirkt. Ajay Gandhi ist Soziologe und hat diese zivilgesellschaftlichen Protestnetzwerke untersucht: „Durch internationale Kontakte können die Forderungen von lokalen Aktivisten verstärkt werden, was den Raum öffnet um neue Forderungen anzubringen, die dann von den lokalen Aktueren wiederaufgenommen und verstärkt werden.“

Ob in der Kolonialzeit oder heute: Aufforstung führt zu viel Leid, wenn sie von Regierungen und Unternehmen zentral geplant wird, ohne dabei die Interessen der Anwohner zu berücksichtigen. Internationale zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse, wie diejenigen gegen das Narmada Projekt, können bei der Kritik an menschenrechtsverletzenden Aufforstungsprojekten helfen. Dass es immer mehr solche solidarischen Zusammenschlüsse gibt ist ein wichtiges Zeichen, nicht zuletzt um die tief in die koloniale Vergangenheit zurückreichende Geschichte der Vertreibung sichtbar zu machen, die vielerorts mit Aufforstung verbunden ist.

 

Karsten Schubert

 

Literatur

Bishop, Kristina Monroe (2006): Social Impacts of Afforestation in South Africa. In: Focus on Geography, Jg. 49, Nr. (1, ), ppS. 8–15.

FWI/GFW (2002). The State of the Forest: Indonesia. Bogor, Indonesia: Forest Watch Indonesia, and Washington DC: Global Forest Watch.

Gandhi, Ajay (2003): Developing compliance and resistance: the state, transnational social movements and tribal peoples contesting India's Narmada project. In Global Networks, Jg.  3, Nr.  (4), ppS. 481–495.

Schirmer, Jacki (2007): Plantations and social conflict: exploring the differences between small-scale and large-scale plantation forestry. In: Small-Scale Forestry, Jg, 6, Nr. 1, S. 19-33, DOI: 10.1007/s11842-007-9001-7

Tropp, Jacob (2003): Displaced People, Replaced Narratives: Forest Conflicts and Historical Perspectives in the Tsolo District, Transkei. In Journal of Southern African Studies, Jg. 29, Nr. ( 1), ppS. 207–233.