Interview mit Jürgen Maier, Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung

Die Vereinten Nationen haben 2011 zum Internationalen Jahr der Wälder erklärt. Warum ist der Waldschutz aus Ihrer Sicht wichtig?

Wälder sind als Ökosysteme eine extrem reichhaltige Ausprägung der biologischen Vielfalt, also einer Vielzahl verschiedenster Organismen, aus denen Wälder bestehen. Ihre Produkte und Wirkungen sind weitreichend und kommen auch den nicht in Wäldern lebenden Menschen zugute. Neben dem Schutz des Trinkwassers sind dies zum Beispiel zahlreiche Nahrungsmittel und andere Sammelprodukte, sowie die Milderung von Wetterextremen. Und nicht zuletzt sind Wälder Produktionsstätte wertvoller nachwachsender Rohstoffe, vor allem Holz, und Energieträger.

Welche Akteure spielen in der Waldpolitik eine Rolle? Wie wichtig sind die NGOs im Gegensatz zur nationalen und internationalen Politik?

Nach wie vor spielen faktisch die Nutzer die größte Rolle, also diejenigen, die Waldprodukte und Rohstoffe verkaufen. Neben Forst- und Holzwirtschaft sind dies vor allem die Agrarkonzerne und in vielen Ländern Rinderzüchter – denen geht es weniger um den Wald als vielmehr um die Fläche, auf der der Wald steht. Viele der erreichten Schutzerfolge sind natürlich auf die Aktivität von NGOs zurückzuführen, doch ihre Einflussmöglichkeiten sind leider begrenzt. Trotzdem brauchen wir mehr politischen Druck für wirksamen Schutz von Wäldern. Dafür sind auch diejenigen Akteure wichtig, die Wälder nicht nur schützen wollen, sondern nachhaltig nutzen wollen – im Gegensatz zu denjenigen, die es auf Raubbau abgesehen haben.  Und auf dem internationalen Parkett werden nur dann Erfolge erzielt, wenn die Menschen in vielen Ländern das unterstützen, und dies signalisieren sie durch die Förderung und Mitwirkung an NGO Arbeit. Kommunen sind übrigens auch wichtige und leider wenig beachtete Akteure, sowohl als Waldbesitzer als auch als Nutzer von Waldprodukten.

Was hat Waldschutz mit gerechter Entwicklung zu tun? Wer profitiert von der Waldrodung und wer leidet direkt darunter? Wie stellen Sie sich eine gerechte und nachhaltige Waldnutzung vor, die einerseits die menschlichen Bedürfnisse befriedigt und andererseits keine großen Schäden anrichtet? Wie sollten die Kosten für den Klimaschutz zwischen den und innerhalb der Staaten verteilt werden?

Wälder sind für Hunderte Millionen von Menschen vor allem in den Entwicklungsländern ein wichtiger Lebens- und Wirtschaftsraum. Von ihren Produkten und Wirkungen profitieren Viele, von ihrer Zerstörung aber nur Wenige, nämlich diejenigen, die das Holz verkaufen oder Plantagen anlegen. Eine nachhaltige Nutzung muss sich am Erhalt des Ökosystems orientieren und darf den Wald und seinen Boden nicht übernutzen. Das funktioniert nur, wenn der Mensch nur so viel verbraucht, wie problemlos nachwachsen kann. Was die Kosten für den Klimaschutz betrifft, müsste das Verursacherprinzip gelten: derjenige, der Klimaschaden erzeugt, soll dafür bezahlen. Wenn ich einen Flug buche, kann es ja nicht sein, dass andere für den Schaden aufkommen, den ich damit verursache.

Was ist Ihr Bild nach der Konferenz in Cancún? Was sind die Perspektiven für den Wald- und Klimaschutz, nachdem die Hauptemittenten USA und China als Führungsnationen ausgeschieden sind?

Man sollte von den UN-Klimakonferenzen nicht zu viel erwarten. Sie bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner der Staaten ab. Aber: im Konsens werden wir den Klimawandel nicht aufhalten können. Immer mehr Länder und Unternehmen erkennen aber, dass die meisten Klimaschutzmaßnahmen auch wirtschaftlichen Sinn machen. Energieverschwendung und teure fossile Energieimporte kosten immer mehr Geld. Die USA haben Kyoto nicht ratifiziert mit der Begründung, die wirtschaftliche Belastung sei zu groß – Deutschland hat im Gegensatz seine Kyoto-Verpflichtungen jetzt schon erfüllt. Nach der US-Logik müssten die USA die Weltwirtschaftslokomotive sein und Deutschland bankrott – es ist aber eher das Gegenteil der Fall. Ob die Wälder von mehr erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz profitieren, bezweifle ich aber. Nach wie vor ist der kurzfristige Raubbau an Wäldern lukrativ. Daher steigt der Druck auf die Wälder, denn immer mehr Menschen verbrauchen immer mehr Rohstoffe. Welche Rolle internationale Abkommen gegen diese Mechanismen spielen können, ist solange fraglich, wie sie nicht in die Märkte für Holz, Palmöl usw. eingreifen.

Auf der Klimaschutzkonferenz in Cancún wird dem Waldschutz und dem REDD-Abkommen große Aufmerksamkeit geschenkt. Ersetzt Waldschutz jetzt den Klimaschutz?

Natürlich nicht. Waldschutz trägt zwar zum Klimaschutz bei, aber ohne eine drastische Reduktion der Verbrennung fossiler Brennstoffe – vor allem Kohle – ist der Klimawandel nicht zu stoppen. Ein REDD-Abkommen dürfte nur funktionieren im Rahmen eines umfassenderen Abkommens, denn sonst sind die durch REDD generierten Emissionsgutschriften nicht viel wert. Hinter REDD stehen für mich noch sehr viele Fragezeichen. Viel wirksamer wäre eine umfassende, verpflichtende Nachhaltigkeitszertifizierung für Produkte wie Holz, Palmöl oder Soja und darauf basierende Maßnahmen, mit denen Produkte aus Raubbau den Markzugang verlieren würden. Das aber steht bei den Klimaverhandlungen nicht auf der Tagesordnung.

Das Interview führte Karsten Schubert.