Nachhaltige Entwicklungsziele und neue Wohlstandsmessung

Die Messung von Wohlstand erfolgte lange Zeit lediglich über das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Seit langem wird kritisiert, dass diese rein wirtschaftliche Messung einseitig und nicht aussagekräftig ist. So hat sich die Debatte seit dem Ende der 90er Jahre stärker auf die ökologische Dimension von Wohlstand verlagert. Auch die bisherigen engen Definitionen der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) sind auf Grund einer fehlenden ökologischen Komponente umstritten. Das 7. MDG-Ziel sieht zwar die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit vor, bisher ist der Fortschritt aber hinter den Erwartungen zurück geblieben. Aus diesen Gründen wird heute über Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) diskutiert.

Das Bild zeigt ein Mädchen, das Pinien auf Haiti pflanzt.
Ein Mädchen pflanzt Pinien auf Haiti. UN Photo/Logan Abassi

Bisherige Initiativen

Die 1992 auf dem Weltumweltgipfel in Rio verabschiedete Agenda 21 hält fest, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) keine umfassende Auskunft über nachhaltige Entwicklung gibt. In den Jahren nach der Konferenz befasste sich die Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD) intensiv mit dieser Thematik. 2007 veröffentlichte sie eine Liste mit 96 Indikatoren zur Messung nachhaltiger Entwicklung.

Im Vorfeld der Rio+20 Konferenz startete Bhutan eine diplomatische Initiative, um für das "Bruttosozialglück" zu werben. Es wurde 2008 als Wohlstandsindikator in der Verfassung Bhutans verankert und wird durch den Gross National Happiness Index gemessen.  Die Generalversammlung begrüßte 2011 diese Initiative (A/Res/65/309). 2014 lädt das Land zum  „neuen Bretton Woods“, einem Forum zur Diskussion alternativer Wirtschaftsmodelle und Wohlstandsmaße, ein. Eine ähnliche Initiative ist der Better Life Index der durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erhoben wird.

Die Hochrangige Gruppe für Globale Nachhaltigkeit (GSP) des UN-Generalsekretärs fordert in ihrem Bericht „Robuste Menschen - Robuster Planet“ einen nachhaltigen Entwicklungs-Index. Die 2008 vom französischen Staatspräsidenten Sarkozy berufene Kommission zur Messung wirtschaftlicher Leistung und sozialen Fortschritts betonte, dass das BIP alleine als Wohlstandsmaß ungeeignet sei. Sie entwickelte Kriterien zur Erarbeitung eines neuen Indikators. Die Kommission aus Experten von Universitäten, Regierungen, und internationalen Organisationen wurde von den Wirtschaftsnobelpreisträgern Joseph Stiglitz und Amartya Sen geleitet.

Auch in Deutschland gibt es Bemühungen die Wohlstandsmessung zu verbessern. Im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie hat die Bundesregierung Indices ausgewählt, die die nachhaltige Entwicklung in Deutschland quantitativ messen sollen.

Am Rande der 18. Tagung der UN-Kommision für nachhaltige Entwicklung (CSD) im Mai 2010 wurde das Konzept der SDGs zum ersten Mal in die diplomatische Diskussion eingebracht. Ban Ki-moon betonte in seinem Bericht zur Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen nach 2015, dass die SDGs in der zukünftigen Entwicklungsagenda bisher vernachlässigte Aspekte und Werte der Millenniumserklärung ins Zentrum rücken sollen. Dazu gehören Gleichheit, Respekt für die Natur, Solidarität, Freiheit und Toleranz sowie geteilte Verantwortung.

Erste Vorschläge für verbindliche Regeln

Die EU unterstützt diese Initiative und schlägt die Auswahl von Kernindikatoren vor. Darüber hinaus sollen bereits bestehende Messgrößen überarbeitet und validiert werden. Spezifische Indikatoren sollten mit konkreten Zielen verbunden werden, die auf der Konferenz zu vereinbaren wären. Auch Brasilien und Japan sprechen sich für eine Überarbeitung der Wohlstandsindikatoren durch die UN aus.

Aus zivilgesellschaftlicher Sicht rät die Reflection Group auf den Empfehlungen und Erfahrungen der Kommission zur Messung wirtschaftlicher Leistung und sozialen Fortschritts und des Gross National Hapiness Index von Bhutan aufzubauen.

Guatemala und Kolumbien starteten mit Blick auf Rio+20 eine Initiative zur grundsätzlichen Definition von Zielen und der Einigung auf ein weiteres Vorgehen bis 2015. Brasilien forderte die Verabschiedung der SDGs in Rio, die die MDGs ergänzen und bis 2030 realisiert werden sollen. Schlußendlich konnte sich diese Forderung jedoch nicht durchsetzen. Der Entwurf sah vor, dass folgende Bereiche durch die SDGs abgedeckt werden:

  • Produktion und Konsum
  • Arbeitsplätze und soziale Integration
  • Nahrungssicherheit
  • Agrarwirtschaft
  • Energieversorgung
  • Zugang zu Wasser
  • Ozeane
  • Städte
  • Reduzierung von Naturkatastrophen
Elfenbeinküste. Ivorische Fischer auf dem See Buyo. UN Photo/Ky Chung
Elfenbeinküste. Ivorische Fischer auf dem See Buyo. UN Photo/Ky Chung

Die USA unterstützen den Vorschlag der Nachhaltigkeitsziele, da diese die Integration der drei Grundsäulen nachhaltiger Entwicklung voranbringen können. Die EU hält sich hinsichtlich einer Positionierung bisher zurück. Sie schlägt die Verabschiedung einer Green Economy Roadmap vor, die festgelegte Fristen für Ziele und Handlungen auf internationalem Niveau fordert.

Die Zivilgesellschaft reagierte unterschiedlich auf den Vorschlag zur Einführung  nachhaltiger Entwicklungsziele. Das Center on International Cooperation der New York University warnt, dass es kaum Ansatzpunkte zur konkreten Ausgestaltung und Formulierung der Ziele gäbe. Staaten hätten bisher eine Priorisierung der Punkte vermieden und würden so eine Implementierung erschweren. Die Reflection Group spricht sich dafür aus, dass sich die Regierungen auf einen Zeitpunkt festlegen, zu dem die Ziele in Kraft treten. Außerdem müssten die Verbindungen zu Menschenrechten deutlicher gemacht werden. Daher schlägt sie eine "Charta auf das Recht nachhaltiger Entwicklung" vor. Das Global Public Policy Forum (GPF) sieht in einem Bericht sechs Ziele vor. Diese umfassen unter anderem Respekt vor der Natur und den Grenzen des Ökosystems und eine faires und solidarisches Wirtschafts- und Finanzsystem.

Fortschrittsbericht

Konkrete Fortschritte sind bisher rar. Auf der UN Konferenz über nachhaltige Entwicklung in Rio, Brasilien, 2012 (UNCSD) wurden keine Maßnahmen vereinbart. Die Forderung nach einem Nachfolge-Set an Zielen, die die MDGs 2015 ersetzen und bis 2030 erfüllt werden sollten, wurde aus der Erklärung verbannt. Es wurde lediglich beschlossen, dass bis 2015 eine einfach komunizierbare und begrenzte Anzahl an Indikatoren für nachhaltige Entwicklung entworfen werden sollen. Eine offene Arbeitsgruppe (OWG) der UN-Generalversammlung soll erste Vorschläge entwickeln. Ihre Vorschläge sollen auf dem Abschlussdokument der Rio+20-Konferenz "Die Zukunft die wir wollen" und der Agenda 21 aufbauen.

Nachhaltigkeit + Entwicklung = nachhaltige Entwicklung?

Wenn 2015 die Millenniums-Entwicklungsziele auslaufen werden natürlich nicht alle Probleme der Menschheit gelöst sein. Die Hochrangige Gruppe namhafter Persönlichkeiten für die Entwicklungsagenda nach 2015 (post2015hlp), der auch der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler gehört, soll neue Entwicklungsziele entwerfen. Dabei gilt ihr besonderes Augenmerk der Bekämpfung von Armut. zugleich soll sie aber darauf achten, dass sich die MDGs 2.0 mit den Nachhaltigkeitszielen vereinbaren lassen.

Die Nachhaltigkeitsziele lassen sich hingegen in zwei Gruppen aufteilen. Laut Markus Loewe vom Deutschen Institut für Entwicklungpolitik (DIE) muss zwischen den Aspekten der menschlichen Entwicklung und dem Schutz öffentlicher Güter unterschieden werden. Den Stärken der MDGs, eine überschaubare und Messbare Liste von Zielen vorzugeben, stehen ihre Schwächen gegenüber: Sie greifen wichtige Bereiche der Millenniums-Erklärung wie Sicherheit, Frieden und Abrüstung oder Menschenrechte, Demokratie und gute Lenkung gar nicht auf und vernachlässigen Fragen sozialer Gerechtigkeit. Ein wichtiger Kritikpunkt aus Perspektive vieler Entwicklungsländer ist, dass nur sie selbst in die Pflicht genommen werden, während die Industrienationen die Ziele automatisch erfüllt hatten.

Befürworter der Nachhatligkeitsziele merken meist an, dass diese eine explizit langfristige Sichtweise wiederspiegeln. Wichtige Politikbereiche aus der Umwelt- und Sozialpolitik sind ebenfalls enthalten. Die Rolle sogenannter enabler (Befähiger), wie zum Beispiel Steuern auf internationale Finanzgeschäfte, wird deutlicher betont. Sie sind selbst keine Ziele für die Entwicklung eines einzelnen Menschen, sondern sollen Chancengleichheit herstellen und Verantwortung gerechter verteilen.

Die Liste der SDGs ist deutlich länger als die acht MDGs. Sie ergänzen die bisherigen Entwicklungsziele auf vielerlei Art und Weise: von nachhaltigem Tourismus über menschenwürdige Arbeit und soziale Sicherheit zu Schutz der Biodiversität, Wälder und Gewässer.

Das Ziel muss schlußendlich sein, beide Arbeitswege in einer post-2015 Agenda zu vereinen. Das bedeutet nicht, dass es lediglich Nachhaltigkeitsziele oder Entwicklungsziele geben wird. Vorstellbar wäre auch die Verabschiedung zweier sich ergänzender Vorhaben.

Unser Online-Autor Frank Kürschner-Pelkmann kommentiert den Prozess.

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