Vereinte Nationen & int. Organisationen

„Wir erleben die ganze Wucht des Klimawandels“

Großer, im Kreis angelegter, gut besuchter Sitzungssaal

Die UN-Klimaverhandlungen in Bonn waren bestimmt von Gegensätzen zwischen Industrie- und Entwicklungsländer. Foto: UNFCCC

„2014 muss das Jahr verstärkten Handelns gegen den Klimawandel werden.“ Dies forderte Christiana Figueres, die Exekutivsekretärin des UN-Klimasekretariats UNFCCC, bei den internationalen Klimaverhandlungen in Bonn vom 10.-14. März 2014. 

Die Verhandlungen sollten ein neues internationales Klimaabkommen vorbereiten und dabei auf der „Durban-Plattform“ aufbauen, auf die sich die Regierungen aus über 190 Ländern bei der UN-Klimakonferenz 2011 geeinigt hatten, um bis 2015 ein neues Abkommen auszuhandeln und bis 2020 zu ratifizieren. Daneben wurde in Bonn über Fragen der erneuerbaren Energie und der Energieeffizienz beraten.

Verfestigte Positionen vor der nächsten UN-Klimakonferenz

Die Position der Europäischen Union bei den Verhandlungen in Bonn wurde ein weiteres Mal dadurch geschwächt, dass kein einvernehmliches Angebot für die Emissionsreduzierung im Rahmen des geplanten UN-Klimaabkommens vorgelegt werden konnte. Während viele EU-Staaten eine Reduzierung von mindestens 40 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 anbieten wollen, blockiert vor allem Polen eine solche Selbstverpflichtung. Der Grund: Das Land hängt stark von der Energieerzeugung mit Kohlekraftwerken ab. Die Verhandlungsposition der Bundesregierung wurde dadurch beeinträchtigt, dass sich nach aktuellen Angaben des Umweltbundesamtes die deutschen CO2-Emissionen 2013 um 1,5 Prozent erhöht haben.

Die USA bieten weiterhin lediglich eine Reduzierung der Emissionen von 3,5 Prozent im Vergleich zu 1990 an, was das Land dadurch verschleiert, dass es willkürlich das Jahr 2005 als Basisjahr für die Berechnungen wählt. Damals waren die Emissionen weit höher als 1990. Damit wird ein Reduktionsangebot von 17 Prozent postuliert, ein „Taschenspielertrick“, den längst alle anderen Verhandlungsdelegationen durchschaut haben. Zudem verkündete die US-Delegation in Bonn, dass es schwierig sein würde, irgendeine Vereinbarung zur Emissionsreduzierung in der US-Öffentlichkeit zu vertreten, wenn nicht alle Länder und vor allem die Schwellenländer eigenen verbindlichen Reduzierungen zustimmen würden. 

Dies lehnten China und andere Schwellenländer wie Indien in Bonn erneut entschieden ab. Sie interpretieren die Vereinbarungen von Durban so, dass in Nachfolge zum Kyoto-Protokoll allein die Industrieländer die historische Verantwortung haben, verbindliche Emissionsreduzierungen einzugehen. Es wird befürchtet, dass diese gegensätzlichen Positionen bis zur UN-Klimakonferenz 2015 in Paris nicht beseitigt werden können, wo ein neues internationales Klimaabkommen verabschiedet werden soll. 

Im Foyer wuseln viele Menschen herum, unterhalten sich oder sitzen und lesen etwas
Die UN-Klimaverhandlungen in Bonn boten auch die Gelegenheit zu zahlreichen informellen Gesprächen wie hier im Foyer des Konferenzgebäudes. Foto: UNFCCC

Die Erwartungen der Inselstaaten

Die Inselentwicklungsländer forderten gleich zu Beginn der Bonner Verhandlungen erneut entschiedene Schritte, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen (während andere Staaten 2 Grad anstreben). Aber mit dieser Forderung blieben sie wiederum einsame Rufer angesichts des drohenden Untergangs ihrer Inseln durch den weltweiten Anstieg der Meeresspiegel.

Amatlain Kabua, die UN-Botschafterin der Marshallinseln im Südpazifik, äußerte: „Die USA und China sollten einsehen, dass sie die schlimmsten ‚bad boys“‘ sind und dass dies jeder weiß. Deshalb sollten sie versuchen, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen.“ Die Marshallinseln, die aus 29 flachen Atollen bestehen, waren kurz vor den Verhandlungen von Riesenwellen heimgesucht worden, die großen Schaden anrichteten und zahlreiche Menschen zwangen, Zuflucht in etwas höher gelegenen Teilen der Atolle zu suchen. „Wir sind das kleinste Land, aber wir erleben die ganze Wucht des Klimawandels“, betonte Amatlain Kabua in Bonn. 

Link zur Broschüre
Die UN-Basis-Informationen 48 „Klimaschutz und die Vereinten Nationen“ gibt u. a. einen Überblick über die bisherigen UN-Klimakonferenzen. Sie können diese Broschüre auf der Website der „Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ herunterladen oder die Druckfassung bestellen. Foto: DGVN

Misstrauen in Finanzfragen

In Bonn wurde nicht deutlich, ob und auf welche Weise die Industrieländer dem Ziel nahekommen werden, bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaprogramme in Entwicklungsländern bereitzustellen. Im Namen der 48 am wenigsten entwickelten Länder forderte Quamrul Chowdhury aus Bangladesch in einem Pressegespräch: „Es sollte von heute bis 2020 eine schrittweise Steigerung geben.“ 

Solange dies nicht der Fall ist, besteht vor allem bei den ärmeren Entwicklungsländern die Befürchtung, dass das 100-Milliarden-Ziel nicht erreicht wird. Zudem haben sie den Verdacht, dass ein wesentlicher Teil der Mittel für die Klimaprogramme aus den bestehenden Etats für Entwicklungsprogramme umgeschichtet wird. Die Industrieländer hatten in einen Dreijahresplan bis 2012 jährlich 10 Milliarden Dollar für Programme zur Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel und zur Begrenzung dieses Klimawandels zugesagt. Seither fehlen konkrete Pläne, wie dieses Niveau bis 2020 auf das Zehnfache gesteigert werden soll. 

Der steinige Weg nach Lima

Nach den bescheidenen Ergebnissen der Verhandlungen in Bonn wird es schwer werden, bei der nächsten UN-Klimakonferenz in Lima/Peru im Dezember 2014 das geplante internationale Abkommen so weit vorzubereiten, dass es bei der Klimakonferenz 2015 verabschiedet werden kann. 

Die Entwicklungsländer konnten in Bonn durchsetzen, dass formale „Kontaktgruppen“ eingerichtet werden, um den Vertragstext vorzubereiten. Demgegenüber hätten viele Industrieländer einen informelleren Verhandlungsprozess bevorzugt, aber sie mussten zur Kenntnis nehmen, wie groß das Misstrauen ist, dass die Verhandlungen sich immer weiter hinschleppen werden. Die nächsten Klimaverhandlungen im Rahmen der Vereinten Nationen werden vom 4.-15. Juni 2014 in Bonn stattfinden.

Christiana Figueres erklärte am Ende der Verhandlungen in Bonn: „In den nächsten neun Monaten ist es erforderlich, über ein ‚business-as-usual‘ hinauszublicken, um den Bedrohungen zu begegnen und die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die sich ergeben, wenn man sich rasch auf eine sauberere, gesundere und CO2-ärmere Welt hinbewegt.“

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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