Veranstaltungsbericht Entwicklungspolitik

„Wir brauchen eine enge internationale Zusammenarbeit“

Vorstellung des Berichts: Dr. Günther Bachmann, Detlef Dzembritzki und Dr. Inge Kaul (v.l.) (©DGVN/Gensch)

Seit 1990 veröffentlicht das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) jährlich den Bericht zur menschlichen Entwicklung (Human Development Report). Bereits einen Tag vor der offiziellen Vorstellung des Berichts am 24. Juli 2014 in Tokio lud die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) – die seit 1994 die deutsche Übersetzung des Berichtes publiziert – zu einem Presse-Hintergrundgespräch in die Hessische Landesvertretung beim Bund ein.

Problem der Anfälligkeit betrifft die Armen und die Reichen

Nach den einleitenden Worten durch Detlef Dzembritzki stellte Dr. Inge Kaul den Bericht vor. Die frühere Leiterin des Human Development Report Office in New York betonte dabei vor allem, wie mutig der diesjährige Bericht sei: Unter dem Titel „Den menschlichen Fortschritt dauerhaft sichern: Anfälligkeit verringern, Widerstandskraft stärken" sei mit dem Begriff der Anfälligkeit bzw. Verletzlichkeit ein Problem thematisiert worden, das arme und reiche Gesellschaften gleichermaßen betreffe und ein ernsthaftes Hindernis für nachhaltigen Entwicklungsfortschritt sei. Verletzlichkeit kann z.B. durch die Folgen des Klimawandels, bewaffnete Konflikte oder auch durch Wirtschafts- und Finanzkrisen entstehen. Von solchen externen Schocks sind die ärmeren Gesellschaften in höherem Maße betroffen, da ihnen oft die notwendigen Kapazitäten fehlen, mit diesen umzugehen. Gerade durch hochgesteckte Ziele wie das weltweite Streben nach Vollbeschäftigung oder die Bereitstellung sozialer Sicherungssysteme (Kap. 5) werde verdeutlicht, dass eine enge internationale Zusammenarbeit erforderlich sei, um die vielfältigen Quellen der aktuellen Probleme zu lösen. Alle Akteure müssten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Verbesserung nicht über Nacht geschehen könne. Zeit sei ein entscheidender Faktor. Zwar würden, so Kaul, im Bericht wenige wirklich konkrete Vorschläge formuliert, wie Vollbeschäftigung oder eine soziale Grundsicherung für alle erreicht werden könnte, aber durch die Formulierung der Forderungen werde ein notwendiges und globales Nachdenken über die Herausforderungen menschlicher Entwicklung angeregt.

Auch Dr. Günther Bachmann verdeutlichte in einem anschließenden Kommentar seine positive Grundhaltung zum Bericht, wies allerdings auf drei Herausforderungen hin: Erstens lege der Bericht seinen Fokus zu wenig auf die Verantwortlichen für die Anfälligkeiten, mache also nicht deutlich, was Regierungen tun müssten, um die bestehenden Probleme zu beseitigen. Zweitens sei der Universalitätsgedanke zwar ein guter und wichtiger Punkt. Da für die Umsetzung universeller Ziele jedoch die jeweiligen Nationalstaaten zuständig sind, müssten die daraus resultierenden Folgen für die Staaten selbst mehr Beachtung finden. So müsse sich beispielsweise die Bundesregierung fragen, was ihr Einsetzen für globale Ziele für den Industriestandort Deutschland bedeuten könnte: Die ursprünglich als Entwicklungshilfe gedachte deutsche Förderung von Photovoltaikanlagen auf dem chinesischen Markt hat anfangs auch den deutschen Markt gestärkt, bedeutete allerdings auf langfristige Sicht einen hohen Grad an Konkurrenz für den Industriestandort Deutschland. Zudem stellte Bachmann drittens in Frage, ob der Human Development Index (HDI) tatsächlich als aussagekräftiges Messinstrument für menschliche Entwicklung etabliert sei – wie es der Bericht für sich einfordert.

Mehr deutsches Engagement durch Entwicklungspolitik und zivile Arbeit vor Ort

In einer anschließenden Diskussion mit der Presse spielte vor allem die Forderung nach Vollbeschäftigung eine wichtige Rolle. An dieser Stelle verdeutlichten Kaul und Bachmann, dass das Streben nach Vollbeschäftigung nur dann erfolgreich verfolgt werden kann, wenn es mit nachhaltigen Wirtschaftsformen weltweit einhergeht. Um einen wichtigen Beitrag zu leisten, so Kaul, sollte die Zivilgesellschaft die Bundesregierung zu mehr entwicklungspolitischem Handeln weltweit bewegen. Deshalb wies Detlef Dzembritzki in seinem Schlusswort noch einmal darauf hin, dass es für die DGVN auch in Zukunft wichtig sei, den jährlichen Bericht zur menschlichen Entwicklung in enger Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern der Presse zu begleiten, um ihn somit möglichst vielen Menschen näher zu bringen.

 

Weitere Informationen zum Bericht finden Sie hier:

Anfälligkeit verringern, Widerstandskraft stärken - Bericht über die menschliche Entwicklung 2014

Menschliche Entwicklung kommt langsamer voran - Neues Länderranking beim HDI

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