Humanitäre Hilfe Veranstaltungsbericht DGVN-Nachrichten Konflikte & Brennpunkte

Wenn Helfer zu Opfern werden

Das Bild zeigt die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos.

UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. Foto: DGVN

Humanitäre Nothilfe in Not

Im letzten Jahrzehnt hat sich die Zahl der getöteten humanitären Helfer verdreifacht. Jedes Jahr sterben über 100 Menschen, die im Rahmen humanitärer Hilfe andere Menschen in Not unterstützen wollen. Diese alarmierende Zahl war Anlass für das „Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen“ (OCHA), eine Studie zu den Ursachen dieser Gewalt und vor allem zu Möglichkeiten für einen stärkeren Schutz der Helfer in Auftrag zu geben. Diese Studie wurde am 23. Februar 2011 bei einer Veranstaltung der „Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ (DGVN) in Berlin vorgestellt, an der etwa 200 Personen teilnahmen.

Im Rahmen der Veranstaltung stellten Valerie Amos, UN-Untergeneralsekretärin und Nothilfekoordinatorin der Vereinten Nationen, und Jan Egeland, der die Arbeit an der Studie leitete, die Ergebnisse vor und diskutierten sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion.
Die Studie „Vor Ort bleiben und die Aufgaben erfüllen“ beruht auf Feldstudien und weit über 1.000 Interviews mit ausländischen und lokalen humanitären Helfern. Die umfangreiche Studienarbeit wurde vom Auswärtigen Amt in Berlin finanziell gefördert. Die Studie bestätigt, dass die Gewalt in Ländern wie Afghanistan, Pakistan und Somalia die Arbeit von Organisationen der humanitären Hilfe immer stärker gefährdet, und dies vor allem in den Landesteilen, wo humanitäre Hilfe am dringendsten benötigt wird. Bei der Hilfe muss immer abgewogen werden, betonte Valerie Amos in Berlin, welchen Risiken man die Helfer aussetzen kann und welche Auswirkungen es auf die hilfsbedürftigen Menschen haben würde, wenn man die Helfer abzieht. Es gehe darum, „Sicherheit zu schaffen, die es erlaubt zu bleiben und nicht gehen zu müssen“.

Gefahren der Politisierung der Hilfe

Jan Egeland stellte bei der Veranstaltung ein Ergebnis der Studie besonders heraus: „In den letzten zehn Jahren ist es zu einer Politisierung und fast Militarisierung der humanitären Hilfe gekommen, und das hat es viel schwieriger und gefährlicher gemacht, humanitäre Hilfe zu leisten.“ Zu der Politisierung gehöre, dass Druck auf Hilfsorganisationen ausgeübt wird, keine Gespräche mit politischen Akteuren zu führen, die de facto Gebiete kontrollieren, aber als „Terroristen“ angesehen werden. Ohne solche Gespräche sei es aber nicht möglich, den Menschen humanitäre Hilfe zukommen zu lassen, die in Gebieten leben, die sich unter Kontrolle dieser bewaffneten Gruppen befinden. Zugleich erhöhen sich die Gefahren für die Helfer, wenn sie nicht mit allen Konfliktbeteiligten im Gespräch sind. Jan Egeland betonte: „Humanitäre Helfer müssen Akzeptanz durch alle anstreben.“
Die große Bedeutung der Akzeptanz betonte auch Bärbel Dieckmann, die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe: „Wir wollen im engen Kontakt mit der Bevölkerung arbeiten, und dort, wo Bürgerkriege sind und es Rebellengruppen gibt, auch den Kontakt - soweit möglich und nötig - zu diesen Gruppen suchen.“ Sie fügte hinzu: „Wir müssen langfristig in diesen Ländern die Möglichkeit haben, diesen Kontakt aufzubauen.“

Die Kontakte zu Aufstandsbewegungen oder Gruppen, die sich terroristischer Methoden bedienen, sind nicht unproblematisch, betonten die Beteiligten an der Podiumsdiskussion. Jan Egeland formulierte dies so: „Man muss vermeiden, bewaffneten Akteuren eine Legitimität zu verleihen, die sie nicht verdienen.“ Aber ohne Gespräche zum Beispiel mit der Gruppierung Al-Shabaab in Somalia komme man auch nicht aus, weil sie den Süden des Landes beherrscht und man dort ohne Abstimmung mit ihr keine humanitäre Hilfe leisten könne. Es sei deshalb problematisch, dass die US-Regierung es humanitären Organisationen untersagt, mit bestimmten Organisationen Gespräche zu führen, die als terroristisch angesehen werden. Sensibilität ist aber in den Gesprächen gefragt, und Valerie Amos stellte heraus: „Ich finde es sehr wichtig, dass wir erkennen, dass unsere Arbeit politische Konsequenzen haben kann.“

Markus Löning, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, äußerte in der Diskussion: „Die Grenze für humanitäre Organisationen sind andere als die für politische Organisationen.“ Er sprach sich gegen Gesprächsverbote für humanitären Organisationen aus. Dabei sei zu bedenken, dass auch die Politiker in Afghanistan irgendwann mit den Taliban am Tisch sitzen werden, weil ein Frieden verhandelt werden muss und das nicht ohne die Taliban geht. Der Maßstab für humanitäre Organisationen muss es nach Auffassung Lönings sein: „Für wie viele Menschen können wir das Überleben sichern“. Er fügte hinzu: „Mit humanitärer Hilfe sollte keine Konditionierung verbunden werden. Es geht um das Überleben von Menschen.“ Deshalb setze die Bundesregierung sich auch in der EU gegen eine Politisierung der humanitären Hilfe ein.

Das Bild zeigt das Publikum der DGVN-Veranstaltung.
Reges Interesse im Publikum. Foto: DGVN

Wenn Soldaten Hilfe verteilen

Weitere Probleme entstehen dann, wenn in Ländern wie Afghanistan ausländische Soldaten humanitäre Hilfe verteilen, um so Unterstützung in der Bevölkerung zu gewinnen. Valerie Amos fordert aufgrund solcher Erfahrungen: „Die lokale Bevölkerung muss klar unterscheiden können zwischen dem, das Soldaten tun, und dem, was humanitäre Helfer tun.“ Als Beispiel nannte sie: „Wenn Militärs zur Gewinnung von Unterstützung humanitäre Hilfe verteilen, untergräbt das die Ziele der humanitären Organisationen.“ Sie könnten nicht anschließend in das gleiche Gebiet kommen, um den Leuten zu helfen, ohne mit den Militärs identifiziert zu werden, was große Risiken mit sich bringt.
Auch Bärbel Dieckmann plädierte für eine deutliche Trennung von militärischem Engagement und humanitärer Hilfe. Das schließe nicht aus, miteinander im Gespräch zu sein. Aber es gebe klare Grenzen. Barbara Diekmann betonte in der Diskussion: „Humanitäre Organisationen können sich nicht in militärischen Schutz begeben. Sie wären nicht in der Lage zu arbeiten, wenn auch nur der Eindruck entstehen würde, dass sie eng mit dem Militär zusammenarbeiten.“ Um Missverständnisse zu vermeiden, erläuterte die Welthungerhilfe-Präsidentin: „Dies ist keine Aussage gegen Soldaten, die in Afghanistan ihren Dienst tun, aber es würde weder die Sicherheit der deutschen Soldaten erhöhen noch die Sicherheit der Nichtregierungsorganisationen, wenn es diesen Zusammenhang geben würde.“

Markus Löning plädierte ebenfalls für eine Trennung, gab aber zu bedenken: „Es gibt ein Spannungsverhältnis: Wo zieht man die Grenzen, was kann ein Soldat noch machen, was kann er nicht machen … Darf er zum Beispiel keine Nahrungsmittelhilfe mehr geben oder Brücke bauen. Ich bin dafür, dass man die Aufgaben sauber trennt und dass man an der jeweiligen Situation vor Ort definiert, was hier richtig ist.“ Es müsse aber immer so sein, dass die humanitären Helfer nicht durch das gefährdet werden, was die Soldaten tun.
Jan Egeland räumte ein, dass es in Situationen wie Afghanistan schwierig sein könne zu entscheiden, was die Soldaten machen und was nicht. „Aber wenn die Militärs sagen, wir engagieren uns in der humanitären Hilfe, um die Herzen und Köpfe der Menschen zu gewinnen, dann ist das immer falsch.“ In Ländern wie Afghanistan und Irak müsse die Bevölkerung mit Argumenten von der Richtigkeit ausländischer Interventionen überzeugt werden, nicht durch die Verteilung von Hilfsgütern.

Umstritten blieb in der Diskussion das Konzept der Bundesregierung für eine vernetzte Sicherheit in Afghanistan, die eine koordinierte Zusammenarbeit ziviler und militärischer Akteure vorsieht. Markus Löning betonte: „Es muss miteinander gesprochen werden, wie die optimale Sicherheit für alle vor Ort gewährleistet wird. Da sind die Bundeswehrsoldaten genauso einzubeziehen wie die humanitären Akteure, aber auch die Entwicklungsleute, die vor Ort sind. Es geht darum, dass miteinander gearbeitet wird und nicht gegeneinander.“ Bärbel Dieckmann antwortete: „Ich teile die Einschätzung so nicht.“ Auch ihr geht es darum, dass die deutschen Soldaten und die deutschen Entwicklungshelfer in Afghanistan möglichst sicher und effizient arbeiten können. „Aber die vernetzte Sicherheit als auch noch offen gelegtes Konzept der Zusammenarbeit hilft keinem, weder den deutschen Soldaten noch den Entwicklungseinrichtungen. Das heißt nicht, dass es nicht im Einzelfall auch eine Abstimmung gibt.“ Aber sie hält es für falsch, die Vergabe von staatlichen Mitteln davon abhängig zu machen, sich an der Verwirklichung dieses Konzepts der vernetzten Sicherheit zu beteiligen.

Valerie Amos verwies auf eine andere Rolle des Militärs, ihre Mitwirkung bei vielen Naturkatastrophen, wo besonders in der ersten Phase die Hilfe des Militärs nicht zu ersetzen sei. Aber sobald zivile Organisationen die Nothilfe und Wiederaufbauhilfe übernehmen könnten, sollte die militärische Hilfe beendet werden. 

Humanitäre Prinzipien müssen verteidigt werden

Valerie Amos betonte bei der DGVN-Veranstaltung die Notwendigkeit, die drei zentralen humanitären Prinzipien zu verteidigen: Menschlichkeit, Neutralität und Unparteilichkeit. „Sie sollten uns leiten bei all dem, was wir im humanitären Bereich tun.“ Allerdings würden diese Prinzipien von allen Konfliktparteien auf schwerwiegendste Weise untergraben, auch von Regierungen. Die UN-Nothilfekoordinatorin stellte heraus, dass nur bei einer Einhaltung der Prinzipien eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen sei, und diese Akzeptanz die größte Sicherheit für die Helfer biete. Wichtig ist auch ein weiterer Punkt, betonte Jan Egeland: „Es darf keine Straffreiheit für Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter geben.“ Wenn diese Angriffe ungestraft bleiben, erhöhe dies ihre Gefährdung drastisch.

Organisationen wie die Welthungerhilfe stehen angesichts akuter Gefährdungen immer wieder vor der Frage, „können wir wirklich verantworten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krisengebieten zu belassen“, berichtete Bärbel Dieckmann. Dies war zum Beispiel nach der Ermordung von drei Mitarbeitern in Afghanistan der Fall. Zwar sind die Sicherheitsmaßnahmen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort in den vergangenen Jahren verstärkt worden, aber es gebe keine Sicherheitsmaßnahmen, die die Mitarbeiter in schwierigen Situationen auf dem Land wirklich schützen könnten. Unverzichtbar sei in jedem Fall die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Lokale Helfer besser schützen

Es gebe eine Fürsorgepflicht der Hilfsorganisationen für alle Helfer, stellte Valerie Amos heraus. Insbesondere müsse die Sicherheit lokaler Helfer stärker beachtet werden. In der Vergangenheit haben sich viele Hilfsorganisationen zu stark auf die Frage der Sicherheit ausländischer Helfer konzentriert. Vielerorts sind aber, so geht aus der Studie hervor, gerade die einheimischen Mitarbeiter, die in den Dörfern arbeiten, besonders großen Risiken ausgesetzt.
Die Podiumsteilnehmer warnten vor einem Rückzug der Helfer hinter hohe Mauern. Wenn sie sich verschanzen, sinkt ihre Möglichkeit zur Hilfe drastisch. Valerie Amos wies darauf hin, dass die Hilfsorganisationen so auch den täglichen Kontakt zur Bevölkerung verlieren. Sie hält es für notwendig, Risiken realistisch einzuschätzen, aber notwendigerweise ein gewisses Maß an Risiken zu akzeptieren: „Wir müssen versuchen, Risiken zu minimieren und trotzdem die bedürftigen Menschen zu erreichen.“
Eine Reihe von Organisationen hat ihre Fähigkeit zur Risikobewältigung gestärkt und neue Konzepte entwickelt, um eine höhere Akzeptanz für ihre Aktivitäten zu gewinnen. Ein gutes Risikomanagement kann in Krisensituationen die Voraussetzung dafür schaffen, eine wirksame Präsenz fortzusetzen. Dazu gehört nach Einschätzung von Jan Egeland, dass man aus Gefahrensituationen lernt, dass man Strategien entwickelt, wie man ihnen begegnen kann, und dass man versucht, vor Ort die Akzeptanz auszubauen.

Die Zivilgesellschaft stärken

In der Diskussion in Berlin wurde wiederholt hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Zivilgesellschaft in den Ländern zu stärken, um den Weg in eine friedliche Zukunft zu ebnen. So sagte Bärbel Dieckmann: „Wir müssen die Zivilgesellschaft stärken, damit die Menschen ihre Rechte wahrnehmen können.“ Im Blick auf die Krisenregionen der Welt stellte sie fest: „Kaum einer dieser Konflikte kann durch militärische Einsätze von außen gelöst werden. Am Ende ist es entscheidend, dass die Menschen in den Ländern selbst stark genug sind, um diese Konflikte zu lösen.“ (Frank Kürschner-Pelkmann) 


Weitere Informationen:
"To Stay and deliver" Vollständiger Bericht als PDF
OCHA-Website
DGVN-Schwerpunkt Humanitäre Hilfe


Presseberichterstattung zur Veranstaltung

- Onlinebeitrag der Deutschen Welle
- Radiobeitrag Deutsche Welle

Das könnte Sie auch interessieren

  • Das Bild zeigt die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos.

    Wenn Helfer zu Opfern werden

    Humanitäre Hilfe in Not Jedes Jahr sterben über 100 Menschen, die im Rahmen humanitärer Hilfe andere Menschen in Not unterstützen wollen - mit steigender Tendenz. Das „Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen“ (OCHA) hat eine Studie zu den Ursachen dieser Gewalt und wie man die Helfer schützen kann vorgelegt. Auf einer Veranstaltung der „Deutschen Gesellschaft… mehr

  • Das Bild zeigt die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos.

    Wenn Helfer zu Opfern werden

    Humanitäre Hilfe in Not Jedes Jahr sterben über 100 Menschen, die im Rahmen humanitärer Hilfe andere Menschen in Not unterstützen wollen - mit steigender Tendenz. Das „Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen“ (OCHA) hat eine Studie zu den Ursachen dieser Gewalt und wie man die Helfer schützen kann vorgelegt. Auf einer Veranstaltung der „Deutschen Gesellschaft… mehr

  • Titelseite der Blaue Reihe
    Koning Abu Zayd, Margret Johannsen

    Humanitäre Hilfe zwischen den Fronten Blaue Reihe 104