Berichte & Studien Millenniums-Entwicklungsziele

Weniger Armut, aber noch viel Hunger in der Welt

Frauen mit Ziegelsteinen auf dem Kopf stapeln Ziegelsteine zu großen Mauern auf

Dass die Armut in Entwicklungsländern deutlich zurückgegangen ist, beruht ganz entscheidend auf der Arbeit von Frauen wie hier von Arbeiterinnen in der indischen Ziegelindustrie. Foto: Kaushik Majumber, Indien/UNDP

Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut lebt, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch vermindert. Das ist ein positives Ergebnis des UN-Berichts „Millenniums-Entwicklungsziele 2012“ der Vereinten Nationen. Gab es 1990 noch mehr als zwei Milliarden Menschen, die von unter 1,25 Dollar am Tag leben mussten, so waren es 2008 weniger als 1,4 Milliarden. Damit wird ein wichtiges Millenniums-Entwicklungsziel (Millennium Development Goal – MDG) erreicht. Im Jahre 2000 hatten sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt bei einem Treffen in New York auf eine Reihe von Zielen geeinigt, die bis zum Jahre 2015 erreicht werden sollen. Und die Armutsbekämpfung stand ganz oben auf dieser Liste.

1990 lebten 47 Prozent aller Menschen in Entwicklungsländern in extremer Armut, 2008 waren es 24 Prozent, nach Schätzung ist dieser Anteil seither weiter gesunken. Damit ist bereits jetzt das Ziel erreicht, den Bevölkerungsanteil der Armen im Vergleich zu 1990 zu halbieren. Dies beruht vor allem auf Erfolgen in China und Südasien. In China ist der Bevölkerungsanteil der absolut Armen seit 1990 von 60 auf 16 Prozent gesunken. Angesichts dieser und weiterer positiver Ergebnisse des Engagements für die Verwirklichung der MDGs schreibt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon im Vorwort des Berichtes: „Diese Ergebnisse belegen, dass menschliches Leid enorm gemindert wurde und dass der mit den Millenniums-Entwicklungszielen verfolgte Ansatz richtig ist. Sie bieten uns jedoch keinen Grund, in unseren Bemühungen nachzulassen.“

Beachtliche Erfolge verbessern die Lebenssituation vieler Millionen Menschen

Neben der Armutsreduzierung gibt es eine Reihe weiterer Erfolge bei der Umsetzung der MDGs. Besonders wichtig für viele Menschen im Süden der Welt ist die Erhöhung des Anteils der Bevölkerung mit einem Zugang zu sauberem Trinkwasser von 76 auf 89 Prozent.

Dieser Erfolg hat es erleichtert, auch andere Ziele zu erreichen. Viele Krankheiten werden durch verunreinigtes Trinkwasser verursacht, und viele Mädchen können bisher nicht zur Schule gehen, weil sie lange Strecken zurücklegen müssen, um Trinkwasser auf dem Kopf nach Hause zu schleppen.

Mädchen mit einheitlichen Schulkleidern in einem Klassenzimmer
Wenn nur wenige Kinder zur Schule gehen können, haben Mädchen meist keine Chance auf Bildung. Aber je höher der Anteil der Schulkinder ist, desto mehr Familien schicken auch die Töchter in eine Schule. Foto: Kibae Park/UN Photo

Bemerkenswert ist auch, dass inzwischen neun von zehn Kindern in Entwicklungsländern eine Grundschule besuchen können, auch wenn die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern noch groß sind. Der Erfolg ist umso positiver zu bewerten, als in vielen Ländern weiterhin hohe Geburtenraten schon erhebliche Investitionen erfordern, um den Anteil der Schulkinder an einer Altersstufe auf dem gleichen Niveau zu halten. Von den größeren Bildungsmöglichkeiten haben vor allem Mädchen profitiert, sodass in den Grundschulklassen heute fast ebenso viele Schülerinnen wie Schüler sitzen (im Sekundar- und Hochschulbereich ist man noch deutlich von diesem Ziel entfernt).

Die Sterbefälle von Kindern unter fünf Jahren haben sich weltweit zwischen 1990 und 2010 von 12,0 Millionen auf 7,6 Millionen im Jahr vermindert. Auch wenn das Ziel, die Kindersterblichkeitsrate um zwei Drittel zu vermindern, vor allem in Afrika südlich der Sahara, Südasien und Ozeanien vermutlich verfehlt wird, sind überall die Fortschritte der letzten zwei Jahrzehnte beachtlich.

Hier wirkt sich aus, dass in vielen Ländern im Süden der Welt deutliche Erfolge bei der Verbesserung der Gesundheitsversorgung erzielt worden sind. Das hat es auch ermöglicht, die Malariasterblichkeit deutlich zu vermindern, die Ausbreitung von Tuberkulose zurückzudrängen und weit mehr Menschen, die mit HIV/Aids leben, eine lebensverlängernde Behandlung zukommen zu lassen.  

Es bleiben noch viele ungelöste Probleme

Beunruhigend ist, dass weiterhin etwa 850 Millionen Menschen unterernährt sind. In Afrika südlich der Sahara beträgt der Anteil weiterhin 27 Prozent der Bevölkerung. Im UN-Bericht schreibt Sha Zukang, Untergeneralsekretär für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten, hierzu: „Diese anhaltend hohen Werte zeigen, dass mehrere Regionen trotz gesunkener Einkommensarmut keine Fortschritte bei der Beseitigung des Hungers verzeichnen. Auch die Verringerung der Unterernährung von Kindern geht schleppend voran.“

Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß schauen sich innig an.
Besonders in Afrika ist die Müttersterblichkeit weiterhin sehr hoch. Es ist dringend Abhilfe erforderlich, damit Mütter und Kinder einer besseren Zukunft entgegensehen können. Foto: Nancy Palus/IRIN

Enttäuschend sind weiterhin die Ergebnisse der Bemühungen um eine Senkung der Müttersterblichkeit in Entwicklungsländern. Noch immer ist die Wahrscheinlichkeit einer Frau, bei der Geburt eines Kindes zu sterben, in Entwicklungsländern 15 Mal so hoch wie in Industrieländern. Dabei bestehen auch große regionale Unterschiede im Süden der Welt. In Südasien sterben bei 100.000 Lebendgeburten 37 Mütter, in Afrika südlich der Sahara sind es hingegen 500. Das Ziel, die Müttersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 um drei Viertel zu senken, wird für die Gesamtheit der Entwicklungsländer und in den meisten Regionen deutlich verfehlt werden.

Für eine umfassende und nachhaltige Entwicklung sind die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Ermächtigung der Frauen unverzichtbare Voraussetzungen. Auf diesen Gebieten bestehen weiterhin große Defizite, diagnostiziert Sha Zukang: „Frauen sind Männern noch immer nicht gleichgestellt und werden beim Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Wirtschaftsgütern und bei der Teilhabe an staatlichen Entscheidungsprozessen weiter diskriminiert. Gewalt gegen Frauen untergräbt nach wie vor die Bemühungen um die Erreichung aller Ziele.“

Industrieländer stehen in der Pflicht

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hält es für schwierig, aber möglich, die MDGs bis 2015 zu erreichen. Er hält hierfür ein verstärktes Entwicklungsengagement der Industrieländer für unverzichtbar. Deshalb schreibt er im Vorwort des Berichts: „Viel hängt von der Erreichung des Ziels 8, der weltweiten Entwicklungspartnerschaft, ab. Wir dürfen nicht erlauben, dass die derzeitigen Wirtschaftskrisen, die einen Großteil der entwickelten Länder heimsuchen, den Fortschritt verlangsamen oder rückgängig machen. Bauen wir auf den bisherigen Erfolgen auf, und lassen wir nicht nach, bis alle Millenniums-Entwicklungsziele erreicht sind!“

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen wird im September den Bericht diskutieren. Sie wird auch beraten, welche Schritte erforderlich sind, damit bis 2015 „Nachhaltige Entwicklungsziele“ vereinbart und anschließend auch erreicht werden.

Die deutsche pdf-Version des Berichts „Millenniums-Entwicklungsziele 2012“ finden Sie hier.   

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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