UN-Aktuell

Weltweite Diskriminierung Homosexueller angeprangert

Navi Pillay, Hochkommissarin für Menschenrechte spricht an einem Rednerpult

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navi Pillay spricht anlässlich des Internationalen Tages gegen Homophobie und Transphobie

UN-Hochkommissarin fordert Achtung der Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und transgeschlechtlichen Personen

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, hat weitverbreitete Menschenrechtsverletzungen gegenüber homo- und transgeschlechtlichen Personen scharf kritisiert. Feindseligkeiten und Vorurteile gegen Homosexuelle und transgeschlechtliche Personen (Homophobie bzw. Transphobie) seien nichts anderes als Sexismus, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. „Doch während Regierungen diese letztgenannten Arten von Vorurteilen universell verurteilen, werden Homophobie und Transphobie allzu häufig übersehen“, sagte Pillay in einer Videobotschaft anlässlich des Internationalen Tages gegen Homophobie und Transphobie am 17. Mai (IDAHO).

Pillays bewegende Rede ist Teil der zunehmenden Bemühungen einiger UN-Organisationen, Homo- und Transphobie anzuprangern. So haben vier UN-Organisationen – das Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR), das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP), die UN-Aidshilfe (UNAIDS) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) – zusammen eine Broschüre gegen Homo- und Transphobie veröffentlicht. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon solidarisierte sich anlässlich des Internationalen Tages für Menschenrechte am 10. Dezember 2010 mit dem Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Identität.

Gespaltene Weltorganisation

Trotz dieses erfreulichen Engagements einiger UN-Organisationen bleibt die Weltorganisation in Hinblick auf das Problem tief gespalten. Der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie ist beispielsweise kein offizieller UN-Tag, denn er wurde von der Generalversammlung nicht als solcher angenommen. Der Grund dafür ist, dass viele Staaten selbst homo- und transphobe Positionen einnehmen und sich deshalb in der Generalversammlung mit aller Kraft gegen Initiativen wehren, die diese Diskriminierung thematisieren. „In über 70 Ländern bleibt Homosexualität kriminalisiert, so dass Schwule und Lesben dem Risiko von Arrest, Gefängnis, und, in einigen Fällen, Folter und Todesstrafe ausgesetzt sind“, heißt es dazu auf der Seite des OHCHR. Der Vorschlag für eine UN-Erklärung über sexuelle Orientierung und Gender-Identität im Jahr 2010 provozierte sogar den Vatikan und Staaten der Arabischen Liga dazu, eine Gegen-Erklärung einzubringen – allerdings wurde keiner der beiden Vorschläge von der Generalversammlung angenommen. Auch die Yogyakarta Prinzipien, die die Grundprinzipien der universellen Menschenrechte detailliert bezüglich Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender (LGBT) ausbuchstabieren, konnten keine Mehrheit in der Generalversammlung finden. Homo- und Transphobie wird also nicht nur oft übersehen, wie Navi Pillay kritisiert, sondern ist vielmehr die offizielle Politik vieler Staaten.

Gerade in Anbetracht dieser Machtverhältnisse in der Generalversammlung ist die Positionierung der UN-Organisationen gegen Homo- und Transphobie so bedeutsam. Doch nicht nur die vier UN-Organisationen engagieren sich in der internationalen Politik für die Rechte von LGBT-Personen, sondern auch zivilgesellschaftliche Organisationen spielen eine bedeutende Rolle. So ist der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), mit dem die DGVN im Forum Menschenrechte zusammenarbeitet, ein führender Akteur im internationalen Kampf für LSBT-Rechte. Der LSVD wurde vom Wirtschafts- und Sozialrat der UN sogar noch vor der Internationalen Lesben- und Schwulenorganisation (ILGA) als beratende Organisation akkreditiert und kann seine Expertise direkt in die Arbeit des Wirtschafts- und Sozialrats einfließen lassen.

Homophobie und Fremdenfeindlichkeit

Der Kampf gegen Homo- und Transphobie ist ein internationales Thema und hat weltweit Bedeutung. Navi Pillay eröffnet ihre Rede mit der Schilderung von Hassverbrechen gegen Schwule in New York, das als einer der schwulenfreundlichsten Orte der Welt gilt und betont so: Das Problem gibt es überall – nicht nur in den Staaten, deren Politik offen homo- und transphob ist. Das bedeutet insbesondere, dass Homo- und Transphobie keine grundsätzliche Eigenschaft bestimmter Kulturen oder Religionen ist, sondern ein generelles Problem. Dies zu betonen ist entscheidend, denn die oben skizzierte Spaltung der internationalen Gemeinschaft zwischen westlich orientierten und eher islamisch geprägten Staaten führt leicht zu dem Fehlschluss, dass „der Islam“ ein zentrales Moment des Problems sei, während westliche Gesellschaften von einer grundsätzlichen Toleranz geprägt seien. Dieser Fehlschluss ist nicht nur deshalb problematisch, weil er die Homo- und Transphobie in westlichen Gesellschaften herunterspielt und relativiert. Vielmehr trägt er auch zu anderen Arten der Diskriminierung bei, indem er ein Bild von homophoben und rückständigen Moslems reproduziert, die eine Gefahr für die westliche Moderne darstellten. So interpretiert würde sich der Kampf gegen Trans- und Homophobie einreihen in die bedenklich zunehmende Islamophobie westlicher Gesellschaften und damit eine fremdenfeindliche Wendung nehmen. Pillays Rede ist der Komplexität des Problems gerade deshalb angemessen, weil sie diese problematische Unterscheidung zwischen westlich und islamisch geprägten Gesellschaften nicht bedient, sondern universelle Rechte für alle Menschen fordert, wobei diese selbstverständlich nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

Sensibles Thema Intersexualität

Der Kampf gegen die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Identität befindet sich auf der internationalen Ebene erst am Anfang. Ein sensibler Punkt ist die Integration von Intersexualität in diesen Kampf. Intersexualität beschreibt Menschen, die mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, und dann oft direkt nach der Geburt operativ an ein Geschlecht angepasst werden. Stimmen, die  für die Menschenrechte von Intersexuellen eintreten, kritisieren dies als Verstümmlung. Das OHCHR schreibt auf seiner Webseite ausdrücklich über LSBTI-Menschen und integriert durch das ‚I‘ die Kategorie Intersexualität in die Forderung nach Menschenrechten bezüglich sexueller Identität und Orientierung. Dies ist eine sehr progressive und unterstützenswerte Position, die sich jedoch noch nicht überall durchgesetzt hat. So erwähnen leider weder Ban Ki-moon noch Navi Pillay in ihren Reden das Thema Intersexualität und auch in der gemeinsamen Broschüre von OHCHR, UNDP, UNAIDS und WHO taucht Intersexualität nicht auf. Dennoch ist das zunehmende Engagement von UN-Organisationen ein hoffnungsvolles Zeichen für den Kampf um universelle Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung, der auch intersexuelle Menschen berücksichtigt – denn, wie Navi Pillay am Ende ihrer Rede emphatisch betont: „Einstellungen ändern sich! In diesen und in anderen Gebieten halten Vorurteile und Intoleranz nicht gegen Information und Bildung stand. Also, erinnern wir uns, für was wir arbeiten: Gleiche Rechte für alle Menschen, egal wer sie sind, egal wen sie lieben.“

 

Links zum Thema:

GLADT (Organisation von türkisch- und kurdischstämmigen LSBT-Menschen)
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität

 

Begriffserklärung:

Transgeschlechtlich (oder auch trans*) bezieht sich auf Menschen, die ihr Geschlecht verändern. Wenn Menschen ihr biologisches Geschlecht verändern lassen, beispielsweise durch Operationen oder Hormone, werden sie als transsexuell bezeichnet. Wenn Menschen ihr soziales Geschlecht ändern, also die Art und Weise wie sie bestimmte Geschlechterrollen leben, oder wenn sie Geschlechterrollen für sich neu erfinden, können sie als transgender bezeichnet werden. Das Wort intersexuell beschreibt Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden.

Als homosexuell bezeichnet man Menschen, die sich zu Menschen des gleichen Geschlechts hingezogen fühlen, also Schwule und Lesben.Menschen werden heterosexuell genannt, wenn sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Als bisexuell gelten Menschen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen.

 

Karsten Schubert

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