Vereinte Nationen & int. Organisationen

Weltklimarat IPCC legt Kurs für neuen Klimabericht fest

Der neue IPCC-Vorsitzende Hoesung aus Südkorea lächelt bescheiden, er steht in einem hellen, modernen Anzug in einem lichtdurchfluteten Raum

Der neue IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee aus Südkorea verfügt über große Erfahrungen an der Schnittstelle von Ökonomie, Politik und Klimawissenschaft. Foto: IPCC

Der Weltklimarat IPCC hat die Weichen gestellt für eine zielgerichtete Vorbereitung des nächsten umfangreichen Sachstandsberichts, der noch stärker die Klimaentwicklungen in einzelnen Weltregionen und besonders in Entwicklungsländern berücksichtigen soll. Das IPCC-Plenum, in dem Regierungsvertreter aus 195 Ländern stimmberechtigt sind, tagte vom 5. bis 8. Oktober 2015 in Dubrovnik/Kroatien.

Einen Schwerpunkt dieser Plenarsitzung bildete die Wahl eines neuen Vorsitzenden. Der bisherige Vorsitzende Rajendra Pachauri war im Februar 2015 zurückgetreten, nachdem ihm die sexuelle Belästigung einer Wissenschaftlerin seines Instituts in Delhi vorgeworfen worden war. Außerdem wurde in Dubrovnik ein neuer IPCC-Vorstand bestimmt. Um die Repräsentanz der Entwicklungsländer zu verstärken, wurde dieser Vorstand von 31 auf 34 Mitglieder erweitert.

Koreanischer Ökonom zum neuen Vorsitzenden gewählt

Längere Zeit betrieben fünf Kandidaten aus Industrie- und Schwellenländern einen intensiven Wahlkampf, um den prestigeträchtigen Posten des IPCC-Vorsitzenden zu erlangen. Kurz vor der Wahl kam mit einem Kandidaten aus dem westafrikanischen Sierra Leone ein Wissenschaftler aus den armen Ländern des globalen Südens hinzu. In der Vergangenheit hatte es nie eine so große Kandidatenzahl gegeben.

Im ersten Wahlgang erhielten der koreanische Ökonom Hoesung Lee und der belgische Klimawissenschaftler Jean-Pascal van Ypersele so viele Stimmen, dass sie sich für die Stichwahl qualifizierten. Der Schweizer Physiker Thomas Stocker verfehlte dieses Ziel trotz eines intensiven Wahlkampfs um zwei Stimmen. In der Stichwahl setzte sich Hoesung Lee deutlich mit 78 Stimmen durch, sein Gegenkandidat erhielt 56 Stimmen.

Im Gegensatz zur Wahl von Rajendra Pachauri im Jahre 2002 gab es keine massiven politischen Interventionen. Damals hatte der amerikanische Präsident George W. Bush verhindert, dass der amtierende Vorsitzende wiedergewählt wurde – der US-amerikanische Wissenschaftler Robert Watson. Dessen „Manko“ bestand aus der Sicht von George W. Bush darin, dass er eine entschlossene Klimaschutzpolitik für unverzichtbar hielt.

Bemerkenswert am jetzigen Ergebnis war, dass sich der einzige Ökonom unter den Kandidaten gegen fünf Naturwissenschaftler durchsetzte. Das könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass die wahlberechtigten Regierungsvertreter eine Persönlichkeit an der Spitze des Weltklimarates sehen wollen, dem es wichtig ist, in den IPCC-Analysen ökonomische und soziale Fragen bei der Bewertung des Klimawandels, bei Strategien zur Begrenzung der Folgen dieser Prozesse und bei Anpassungskonzepten stärker zu berücksichtigen.

„Die nächste Phase unserer Arbeit wird eine Zunahme unseres Verständnisses von regionalen Auswirkungen (des Klimawandels), besonders in Entwicklungsländern, hervorbringen und ebenso eine Verbesserung der Art und Weise, wie wir unsere Ergebnisse in der Öffentlichkeit kommunizieren. Vor allem müssen wir mehr Informationen bereitstellen über die existierenden Optionen zu Verhinderung und zur Anpassung an den Klimawandel.“

Hoesung Lee nach seiner Wahl zum neuen IPCC-Vorsitzenden

Dass ein Kandidat aus Südkorea gewählt wurde, bringt vielleicht auch die Anerkennung dafür zum Ausdruck, dass dieses Land in den letzten Jahren eine aktive und konstruktive Rolle in der internationalen Klimapolitik übernommen hat und zum Beispiel auch der Sitz des „Green Climate Fund“ ist.

Hoesung Lee: Ein Vorsitzender mit viel Erfahrung und klaren Zielen   

Der 69-jährige neue IPCC-Vorsitzende wurde vor allem aufgrund seiner bisherigen Leistungen an der Schnittstelle von Ökonomie, Politik und Klimawissenschaft gewählt. Er hat für internationale Energie- und Industrieunternehmen gearbeitet und sich in den letzten Jahren als Professor an der Universität von Korea und Berater verschiedener Regierungen und Institutionen wie der Asiatischen Entwicklungsbank einen Namen als Fachmann auf dem Gebiet einer klimafreundlichen Energiepolitik gemacht. Auch gehörte er bisher zu den drei stellvertretenden IPCC-Vorsitzenden.

Hoesung Lee plädiert dafür, dass die Kenntnisse und Erfahrungen von Unternehmen stärker in die IPCC-Arbeit einbezogen werden, um diese Arbeit praxisnäher zu gestalten. Er ist aber schon deshalb kein unkritischer Verfechter von kurzfristigen Industrieinteressen, weil er für hohe Preise im Handel mit Emissionsrechten eintritt.

Professor Lee setzt sich für eine intensivere Klimaforschung in Entwicklungsländern, eine größere Mitwirkung von Klimaforschern aus diesen Ländern an der IPCC-Arbeit, eine stärkere Frauenbeteiligung und eine stärkere Berücksichtigung der Beziehungen des Klimawandels zu sozialen Fragen wie Gesundheit und Armutsbekämpfung ein.

Kluge Wahl von Stellvertretern und Vorstandsmitgliedern

Wohl auch als Antwort auf die Kritik daran, dass keine einzige Frau für den Posten des IPCC-Vorsitzenden nominiert worden war, wurden mehr Frauen als je zuvor in andere leitende Positionen gewählt. Zwei der drei Stellvertreterposten des Vorsitzenden wurden mit Frauen besetzt. Gewählt wurden die brasilianische Treibhausgasexpertin Thelma Krug, die US-Ozeanexpertin Ko Barrett und der malische Klima- und Nachhaltigkeitsfachmann Youba Sokona. Unter den 34 Mitgliedern des IPCC-Vorstandes sind acht Frauen, in der letzten Wahlperiode waren es lediglich fünf gewesen. Bei der Bestimmung der verantwortlichen Positionen wurde gleichzeitig darauf geachtet, dass alle Weltregionen angemessen berücksichtigt werden.

Professor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven wurde zu einem Ko-Vorsitzenden der IPCC-Arbeitsgruppe II gewählt, die sich mit Fragen der Verwundbarkeiten sozio-ökonomischer und natürlicher Systeme gegenüber dem Klimawandel und seinen Folgen sowie Anpassungsstrategien beschäftigt. Professor Pörtner ist Biologe und befasst sich u. a. mit den Anpassungsstrategien maritimer Organismen. Er hat bereits als ein leitender Autor am letzten IPCC-Sachstandsbericht mitgearbeitet, und gemeinsam mit seiner südafrikanischen Ko-Vorsitzenden Debra Roberts wird er nun einen der drei Teile des nächsten Sachstandsberichts mitgestalten. In der letzten Arbeitsperiode hatte Professor Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) als einer der Ko-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe III an der Erarbeitung des Fünften Sachstandsberichtes mitgewirkt.

Mit der Wahl von Hoesung Lee, seiner Stellvertreter und der weiteren Vorstandsmitglieder kann der Weltklimarat den Prozess der Erarbeitung des Sechsten Sachstandsberichts mit einem profilierten Team beginnen. Der mehrere Tausend Seiten umfassende Bericht wird erst Anfang des nächsten Jahrzehnts vollständig vorliegen.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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