Humanitäre Hilfe

UN Truppen mitverantwortlich für Cholera-Ausbruch in Haiti

Soldaten der UN-Mission MINUSTAH während der medizinischen Versorgung der Bevölkerung Haitis. UN-photo Eskinder DebebeIm Oktober 2010, nur zehn Monate nach dem verheerenden Erdbeben, brach in Haiti eine Cholera-Epidemie aus, die sich in extrem kurzer Zeit verbreitete und mehr als 4.500 Menschen das Leben kostete. 300.000 Erkrankte wurden bislang gezählt. Bisher beträgt die Sterblichkeitsrate 1,7% (normal sind weniger als ein Prozent). Die von der Infektionskrankheit am stärksten betroffene Gruppe sind Personen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren. Als umherziehende Wanderarbeiter oder landwirtschaftliche Beschäftigte nahe des Flusses Artibonite weisen sie ein erhöhtes Infektionsrisiko auf. Zur Untersuchung der Epidemie ließ UN-Generalsekretär Ban Ki-moon eine Expertenkommission bestehend aus vier Wissenschaftlern einsetzen, die epideminologische und molekulare Analysen vornahm und die Wasserqualität sowie sanitäre Anlagen begutachtete. Bis zur Veröffentlichung der Studie standen sich zwei Erklärungsansätze des Cholera-Ausbruchs gegenüber: Eine geht von lokalen Ursachen der Epidemie- wie dem Erdbeben oder einer natürlichen Präsenz des Virus in Haiti- aus, der andere sieht im Land stationierte UN-Truppen der UN-Stabilisierungsmission MINUSTAH als Ursache.

Mangelde Hygienevorkehrungen begünstigen Vordringen der Cholera

Nach Auskunft des medizinischen Personals wurde der erste Cholera-Fall am 17. Oktober 2010 in Meye, nahe des MINUSTAH-Camps in Mirabalais, registriert. Die Gegend beherbergt UN-Soldaten aus Nepal, Argentinien, Peru und Bangladesh. Nepalesische Truppen erreichten das Camp Mitte Oktober nach einem Gesundheitschek, der ohne Befund blieb. In den übrigen Regionen entlang des Artibonite breitete sich das Virus drei Tage expolsionsartig später aus. Die sanitären Bedingungen in den Krankenhäusern lassen sich als mangelhaft bezeichnen. Aufgrund fehlender Hygienemaßnahmen konnte der Erreger auf Familienangehörige, Besucher, andere Patienten und medizinisches Personal übergreifen.

Im MINUSTAH-Camp weist vor allem die Entsorgung gebrauchten Wassers erhebliche Defizite auf. Schmutzwasser mit Fäkalien lagert in Tanks neben medizinischen Einrichtungen. Diese Behälter werden von einem einheimischen Entsorgungsunternehmen auf einer offenen, nicht umzäunten Müllhalde geleert, in deren unmittelbarer Nähe sich häufig Kinder aufhalten. Unterhalb der Abfallstelle befindet sich ein Zufluss des Artibonite. Berechnungen ergaben, dass das Wasser von der Deponie aus in zwei bis acht Stunden den Hauptfluss erreicht. Während der Regenzeit fließt das Wasser von dort aus in maximal zwei bis drei Tagen zur Küste. Folglich konnten die Cholera-Viren in kürzester Zeit auf das gesamte Kanalsystem des Artibonite ausgreifen. Entlang dieser Gebiete leben viele Menschen, die das Flusswasser zum Waschen, Duschen, zum Bewässern ihrer Felder sowie als Trinkwasser nutzen.

Die dargestellten Zeitabstände legen nach Auskunft des Panels die Vermutung nahe, dass sich die Cholera über diesen Übertragungsweg verbreitete.

Virus stammte nicht aus Haiti

Molekulare Analysen des Virus ergaben, dass es sich um eine verwandte Form eines bereits exisitierenden Virenstamms handelt, der zuvor in Südasien und Teilen Afrikas auftrat. Der haitianische Stamm entwickelte sich somit nicht in der natürlichen Umwelt Haitis sondern ist das Resultat menschlicher Entwicklung. Als wahrscheinlichste Ursache des Cholera-Ausbruchs gilt der Gebrauch verseuchten Wassers aus dem Artibonite.

Zusammenfassend ist von einer Kette von Faktoren auszugehen, die die umfassende Ausbreitung der Cholera in Haiti verursachten: Fehlende Immunität der Bevölkerung gegen Cholera, schlechte sanitäre Verhältnisse und unzureichende medizinische Bedingungen begünstigten das weitere Vordringen des Virus. Das Auftauchen des Cholera-Stamms als eine Folge der Naturverschmutzung mit Fäkalien hätte nach Auskunft des Panels ohne gleichzeitige enorme Defizite in der Wasserversorgung, im Sanitärbereich und im Gesundheitswesen nicht die Quelle eines solch raschen Ausbruchs des Virus sein können.

Aufgrund einer vor ihrer Stationierung in der Region um Mirebalais erfolgten medizinischen Untersuchung ist eine Vorerkrankung der UN-Truppen unwahrscheinlich. Allerdings trugen mangelnde Hygienestandards im Camp zweifellos zur Verunreinigung des Artibonite und zur Ausbreitung der Cholera bei.

Empfehlungen der Wissenschaftler

Um zukünftig ein wiederholtes Auftreten von Pandemien zu verhindern, plädieren die Experten für vorsorgliche Impfungen des UN-Personals sowie bessere hygienische Standards in Krankenhäusern und privaten Haushalten Haitis. Weitere Schwerpunkte legt der Bericht auf die Ausbildung von Fachleuten im Gesundheitswesen und eine optimierte Trinkwasserversorgung.                     

Eine ausführliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse des Panels ist unter http://www.un.org/News/dh/infocus/haiti/UN-cholera-report-final.pdf nachzulesen.     UN-Soldaten versorgen die Bevölkerung Haitis mit Trinkwasser. UN-photo Marco Dormino

                                                            

Isabelle Unger