Migration Konflikte & Brennpunkte

UN-Resolution für Militäreinsatz in Mali umstritten

Frauen und Kinder haben Priorität bei der Registrierung - hier im Flüchtlingslager in Tillabery, Niger.

Laut des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) ist Niger das größte Fluchtziel, mit über 65 000 Menschen, die in Flüchtlingslagern wie Tillabery, Tabareybarey und Tahoua untergekommen sind. Dazu kommen weitere Flüchtlinge, die in den Städten Nigers Zuflucht gefunden haben, und die einfacher zu erreichen sind als die Menschen, die in den Lagern leben.

Moussa Diam hat eine Wohnung in der nigrischen Hauptstadt Niamey gemietet, und lebt hier mit seinen drei Frauen und drei seiner insgesamt 13 Kinder. Die siebenköpfige Familie lebt hier auf engem Raum. Im nordmalischen Ménaka arbeitete Moussa vor seiner Flucht als Grundschullehrer. Der Ort wurde Ende Januar 2012 als erste Stadt in Mali von den Rebellen erobert. Moussa verließ Mali mit seiner Familie gleich zu Beginn des Angriffs. "Wir konnten nur sehr wenige Besitztümer mitnehmen. Aber Gott sei Dank studieren meine anderen zehn Kinder in Bamako. Sonst hätte ich Schwierigkeiten gehabt, sie alle nach Niamey zu bringen", erklärt Moussa am Telefon.

UN-Resolution für Militäreinsatz umstritten

Der 48jährige Mann hält die UN-Resolution für einen großen Irrtum. "Sie treffen sich in irgendwelchen Büros und lassen sich von Menschen beraten, die die Situation vor Ort nicht kennen". Ein Militäreinsatz würde die Anzahl der Flüchtlinge noch weiter erhöhen. Angaben von der UN-Nothilfe Koordination OCHA zufolge könnte die Zahl der Umgesiedelten im Falle weiterer Gewaltausübungen dieses Jahr um 700 000 Menschen steigern. "Schon 2012 hatten wir Schwierigkeiten, die Flüchtlinge mit Trinkwasser zu versorgen. Wir mussten zusätzliche 17 Millionen Dollar dafür sammeln", erklärt Elisabeth Byrs, Sprecherin von OCHA. Für die Ernährung der malischen Flüchtlinge im nun begonnenen Jahr habe ihre Organisation bereits 2012 eine Kampagne durchgeführt. 150 Millionen US Dollar seien für diesen Zweck gespendet worden.

Nicht nur die Situation der Flüchtlinge bekümmert Moussa, sondern auch ein eventueller Misserfolg des Militäreinsatzes. "Die Rebellen sind dabei, viele Jugendliche zu rekrutieren und  strategische Orte zu besetzen - Orte wie das Tal von Tegargar", erklärt Moussa. Dieses Tal sei hügelig und voller Höhlen. An solchen Orten lagerten die Rebellen ihre Provisionen und Ausrüstungen. "Sie können sich auf diese Weise lange in einem Krieg halten“. Moussa ist der Ansicht, dass der Dialog zwischen den verfeindeten Parteien noch etwas bewirken kann, wenn die Politiker nur versuchen würden, ihn fortzuführen. Denn das malische Volk solle sich zunächst versöhnen und dann Wahlen organisieren. „Eine gewaltsame Intervention mag das Problem vielleicht kurzfristig lösen, aber es wird früher oder später wieder auftauchen“, so Moussa weiter.

Während Moussa eher für eine weitere Friedensverhandlung mit den Rebellen ist, findet Ibrahim Bokum, dass der Militäreinsatz zu lange auf sich warten lässt. Früher war er Philosophielehrer in einem Gymnasium in Kidal, im Nordosten Malis. Heute lebt er als Flüchtling in Niamey. "Wir erhalten nichts von den Hilfsorganisationen. Ich bezahle die Miete für eine Vier-Zimmer Wohnung, in der meine Familie und viele andere Verwandte wohnen. Wir leben zu elft in dieser Wohnung", sagt er.

Ibrahim weiß um das Leid der Flüchtlinge, vor allem derer, die in der Wüste in Zelten leben. Aber er ist der Meinung, dass es besser ist, "einmal für allemal zu leiden". Lieber solle die UN den Militäreinsatz schnell durchführen und damit die Rebellen bezwingen, selbst wenn dies vorerst weitere Flüchtlinge bedeute. Mit seinen 50 Jahren hat der Malier schon viel erlebt, und kennt die Geschichte der Rebellion. "Man darf nicht zulassen, dass diese Aufständischen die Jugendlichen weiter für ihre Miliz anwerben und unser Land in zwei Hälften spalten", bemängelt er.

Die Situation der Menschen in den Flüchtlingslagern ist trotz aller Mühe der Hilfsorganisationen noch immer Besorgnis erregend. Neben dem Mangel an Trinkwasser haben die Flüchtlinge auch mit einer Cholera-Epidemie zu kämpfen. Alleine im Flüchtlingslager in Tillabery, im Westen Nigers, sind bis jetzt schon über 60 Menschen an dieser Krankheit gestorben.

Kinder im Flüchtlingslager in Mangayzé bekommen an vier Tagen pro Woche Besuch von einem Lehrer.

Überfüllte Schulen 

Sorgen macht vielen auch die Situation der Kinder und Jugendlichen in den Lagern. Neben den gesundheitlichen Problemen sind diese vor allem von dem mangelnden Zugang zu Bildung in den Lagern betroffen. „In den meisten Flüchtlingslagern gibt es keine Schulen. Die Schulen in der Nähe sind auch schon voll belegt und können keine weiteren Kinder aufnehmen“, erklärt Hapsatou Aboubacar, Koordinatorin von „Tin Hinan“, ein Partnerverein von OCHA in Niamey, der sich um die Registrierung der Flüchtlinge kümmert. „Grundschulen wurden im Moment nur in den großen Lagern, wie Mangayzé, Aballa und Ayéru eingerichtet“. Die Registrierung, die ihr Verein leistet, soll unter anderem dazu beitragen, größere Lager zu bilden, um den Zugang zu Schulen zu erleichtern.

Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen, ihrer Not diskutieren die Flüchtlinge auch über den geplanten Militäreinsatz. "Die Meinungen in den Flüchtlingslagern sind sehr unterschiedlich", erklärt Olivier Eyenga, Verantwortlicher für Humanitäre Hilfe von OCHA in Niger. "Es gibt offensichtlich Flüchtlinge, die dafür sind. Andere befürchten, dass sich ihre Situation dadurch weiter verschlechtern wird, und machen sich Sorgen wegen weiterer Flüchtlingswellen".

Besorgt sind auch viele Hilfsorganisationen, die bei einem Militäreinsatz mit einem massiven Andrang von weiteren Flüchtlingen rechnen. Bereits nach der Verabschiedung der Resolution hatten sich zehn internationale humanitäre Organisationen zusammengeschlossen und gemeinsam für eine friedliche Lösung der Krise plädiert.

Die UN Hilfsorganisationen vor Ort sorgen sich darüber hinaus nicht nur um eine eventuelle Zunahme der Flüchtlingsströme, sondern auch um eine Verschlechterung ihrer Situation. Nachdem die Diskussionen um einen Militäreinsatz in Mali begonnen hatten, beschlossen die UN Hilfsorganisationen im Juli 2012 einen Plan, wie sie mit den Folgen eines solchen Einsatzes umgehen können. „Dieser Plan wird nun weiter verfeinert und überdacht werden müssen“, so Oliver Eyenga.

Wendpanga Eric Segueda

NB: Die Namen der beiden Flüchtlinge wurden auf deren Wunsch hin geändert.

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