Vereinte Nationen & int. Organisationen

UN-Preis: Klimaschutzvorreiter gesucht

Blick auf ein Tal in dem dichter Nebel steht, davor sieht man die Netze, die das Neblwasser auffangen soll

Mit gutem Beispiel voran: Hightechnetze, mit denen sich der stete Nebel in den Bergen auffangen lässt, um Trinkwasser für die Menschen und Tiere am Rande der marokkanischen Sahara zu gewinnen. Foto: UNFCCC, Dar Si Hmad

Auch in diesem Jahr hat das Klimasekretariat UNFCCC den Wettbewerb „Momentum for Change Awards 2017“ ausgerufen. Organisationen, Städte, Unternehmen und andere Akteure weltweit können sich bis zum 9. April mit ihren innovativen Klimaschutzmaßnahmen und Anpassungsstrategien bewerben und Initiativen vorstellen, die zum Handeln inspirieren und zum Nachahmen anregen. Die Gewinner werden auf der UN-Klimakonferenz in Bonn im November 2017 (COP 23) bekanntgegeben.

Diesen Wettbewerb, den es bereits seit 2011 gibt, haben im letzten Jahr 13 Leuchtturmprojekte gewonnen, vier von ihnen möchten wir an dieser Stelle vorstellen. „Indem wir diese bemerkenswerten Beispiele für Kreativität und grundlegenden Wandel und die außergewöhnlichen Menschen, die dahinterstehen, besonders herausstellen, können wir alle inspirieren, die Zukunft voranzubringen, die wir alle wollen und brauchen.” Das sagt auch Patricia Espinosa, Generalsekretärin des UNFCCC.

Zum ersten thematischen Schwerpunktbereich innerhalb des Awards zählen Maßnahmen, die von Frauen initiiert und organisiert werden („Women for Results“), in diesem Fall geht es um eine überzeugende Strategie zur Anpassung an den Klimawandel.

 

Nebelfängerinnen in Marokko

Logo Momentum for Change

Der Wind drückt den Nebel durch die gespannten, mikrofeinen Textilstrukturen. Feinste Tröpfchen bleiben an dem Netz hängen und vereinen sich zu großen, schweren Tropfen, die nach unten abfließen. In einem einfachen Leitungssystem wird das gewonnene Wasser weitergeführt und in Zisternen gesammelt. Je nach Region und Jahreszeit kann die tägliche Wasserausbeute bei bis zu 14 Liter pro Quadratmeter liegen, schätzt die gemeinnützige Wasserstiftung. Die Stiftung wurde von der lokalen marokkanischen Frauenorganisation Dar Si Hmad (DSH) beauftragt, ein effizientes Nebelwasser-Ernte-System zu entwickeln. Das Ergebnis ist der „CloudFisher“, das erste serienmäßige System, das den großen Windgeschwindigkeiten in der Region standhalten kann,  einfach in der Montage und wartungsarm ist und vor allem keinerlei Energie benötigt.

Die Lebensumstände in der Region Aït Baamrane nahe der Sahara, im Südwesten von Marokko, sind durch den Klimawandel extrem schwierig geworden. Seit Jahren nimmt die Dürre zu und der Grundwasserspiegel sinkt stetig. Frauen und Mädchen sind stundenlang mit Wasserholen beschäftigt und viele Männer sind in die entfernten Städte gezogen, um Arbeit zu finden und damit ihre Familien besser finanziell unterstützen zu können.

Durch das Projekt werden bereits fünf Dörfer konstant und ausreichend mit Wasser für sich und ihre Tiere versorgt.  Das gewonnene Nebelwasser hat Trinkwasserqualität nach WHO-Standard. Es geht bereits mit großen Schritten weiter. Dieses Jahr will die DSH die nächste CloudFisher-Generation installieren lassen, die dann sogar doppelt so effizient sein soll. Und es sollen weitere Regionen in Marokko mit diesem System ausgestattet werden. Dieses Projekt sei ein großartiges Beispiel für eine direkt vor Ort von Frauen initiierte Maßnahme, zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels, so der UNFCCC.

Wie sich Frauen für Frauen stark machen können und damit erfolgreich zum Klimaschutz beitragen, zeigt das Leuchtturmprojekt W+ aus Nepal in Indien, das vom „International Fund for Agricultural Development“ – IFAD gefördert wird.

Zeit ist Geld – Frauenpower in Nepal

Gebt den Frauen Geld in die Hand und sie werden es in ihre Familie und ihre Dorfgemeinschaft investierten. Die von Frauen ins Leben gerufene und von Frauen geführte Organisation WOCAN (Women Organizing for Change in Agriculture and Natural Resource Management) verbindet diese Grundidee der Frauenförderung mit Klimaschutzmaßnahmen. 

Eine junge Frau steht in einer einfachen Küche am Herd und hält lächelnd einen großen Topf in beiden Händen
Über 7.000 Frauen in Nepal besitzen bereits einen klimafreundlichen Biogasofen und haben damit nicht nur Zeit gewonnen. Foto: UNFCCC

In den meisten ländlichen Haushalten in Nepal wird heute noch ein offenes Holzfeuer im Wohnraum zum Kochen benutzt. In dem Projekt W+ werden Frauen in den Distrikten Kavre and Sindhuli  bei der Umstellung von Holz- auf CO2arme Biogasöfen unterstützt. Für die Biogasproduktion werden organische Abfälle und Tierexkremente unter Sauerstoffabschluss vergoren - es entsteht ein brennbares Gasgemisch mit bis zu 70 % Methangehalt. Mühsames Holzsammeln und langandauerndes Feuerhüten ist so nicht mehr notwendig. Fast 2,5 Stunden pro Tag haben die Frauen jetzt für andere Dinge Zeit: Sie können den Anbau neuer Feldfrüchte ausprobieren, sich in Dorfprojekten engagieren und vieles mehr. So wird nicht nur die Gesundheit der Frauen gefördert, der Wald geschont und Treibhausgasemissionen reduziert, sondern auch die soziale und ökonomische Situation des ganzen Dorfes nachhaltig verbessert.

Die eingesparte Zeit wurde von WOCAN genau quantifiziert, das ist dann der sogenannte „W+“-Standard. In W+ Einheiten kann diese virtuelle Zeit gekauft werden und damit Projekte der Frauen in den Dörfern direkt unterstützt werden. Eine Einheit kostet aktuell 2,26 €. Damit habe dieses Projekt den ersten frauenspezifischen Standard etabliert, um zu messen und in Geldwerten auszudrücken, welchen Nutzen die Stärkung der Rolle von Frauen für den Klimaschutz hat, so der UNFCCC  in einer Pressemitteilung.

Um Messbarkeit geht es auch im nächsten Projekt, das in der Kategorie „Information and Communications Technology Solutions“ (ICT) ausgezeichnet wurde.

Klimafreundlicher Lifestyle - die schwedische „Klimaträtt“-App

Mit alten Gewohnheiten brechen und neue Verhaltensweisen anzunehmen, das fällt schwer. Um jedoch einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und den Eintrag auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten, müssen wir unseren Konsum von Produkten und Dienstleistungen verändern. Doch wie geht das konkret und wie lässt sich das überhaupt messen?

Die Klimaträtt-App überzeugte die Testuser in Uppsala, Schweden. Quelle: YouTube-Film von Klimaträtt

Uppsala, viertgrößte Stadt in Schweden, hat 2015 ein halbes Jahr lang alle Bewohnerinnen und Bewohner eines Appartementgebäudes die Smartphone-App „Klimaträtt“, zu Deutsch so viel wie „Klima, gut!“,  testen lassen.  Das Projekt Climate Right wurde von der schwedischen Supermarktkette ICA und dem kommunalen Wohnungsunternehmen Uppsalahem ins Leben gerufen. Die Bewohner sollten ihre alltäglichen Entscheidungen – welche Lebensmittel sie kaufen, mit welchem Verkehrsmittel sie zur Arbeit fahren oder wo sie ihre Freizeit verbringen - mit dieser APP aufzeichnen. So konnten sie nachverfolgen, wie klimafreundlich sie leben.  Ihr CO2-Fußabdruck wird mit Klimaträtt visualisiert. Die Probanden konnten sofort reagieren und ihr Verhalten ändern. In Gemeinschaftsprojekten lernten sie zusammen mit anderen Hausbewohnern, was sie tun können, um nachhaltiger zu leben.

Das Ergebnis dieser Studie kann sich sehen lassen: Jede Person hat durchschnittlich 31 % CO2 eingespart, insgesamt 1,6 Tonnen! Rechnet man das hoch auf die Einwohnerzahl Schwedens wären dies 16 Millionen Tonnen CO2 und das wäre schon die Hälfte von dem, was sich Schweden als C02-Einsparziel bis 2020 gesteckt hat.  

Auch die kleinen Dinge können viel bewirken: Es lohnt sich, das Licht auszuschalten, wenn es nicht gebraucht wird, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder öfter vegetarisch zu kochen. Klimafreundlicher Lifestyle kann zusammenbringen, das zeigt auch der Film zum Projekt.

Karten können das Klima schützen - Kameruns Bevölkerung lernt GPS Tracking

Eine junge Frau steht mitten in einem dichten Wald und hält ein Latop in der Hand in dem sie konzentriert hineinschaut
Eine Frau sammelt GPS-Daten für eine Online-Karte zum Schutz ihres Lebensraums vor illegalem Kahlschlag. Foto: UNFCCC

Die indigenen Bevölkerungsgruppen in dem zentralafrikanischen Dorf in Kamerun kennen keinen Privatbesitz. Ihnen allen gehört das Land gemeinschaftlich und sie leben im und mit dem Wald. Dieser Wald liegt im Kongobecken und ist der nach dem Amazonasgebiet zweitgrößte zusammenhängende tropische Regenwald der Erde.  So ein Regenwald spielt eine große Rolle für unser Klima, nicht nur als riesiger C02-Speicher. Regenwälder sind wie große Schwämme, sie saugen Regenwasser auf und geben es über ihre Blätter wieder in die Atmosphäre ab. Ein riesiger Verdunstungszyklus sorgt auch in entfernten Trockengebieten für Niederschläge.

Doch der Lebensraum der indigenen Bevölkerung ist bedroht durch illegalen Holzeinschlag, industrielle Landwirtschaft, Bergbau und den abgeriegelten Schutzzonen für Wildtiere. Das Projekt „Mapping for Right“ – initiiert von Rainforest Foundation UK und lokalen Partnern vor Ort, unterstützt die Bevölkerung dabei, ihre eigenen Landnutzungsrechte durchzusetzen, in dem sie überhaupt erst einmal sichtbar machen, wo diese genau liegen.

Zunächst wird dafür im Dorf gemeinsam eine Karte in den Sand gemalt und genau eingezeichnet, wohin sich die Männer und Frauen im Laufe des Jahres im Wald bewegen, wo sie welche Pflanzen und Früchte sammeln und wo Tiere leben, die sie jagen wollen. Erst während der exakten Visualisierung auf dem Boden, erkennen die Bewohner das Problem und erkennen das Projekt als sinnvolle Hilfe an. Sie lernen in einer zweitägigen Schulung den Umgang mit den GPS-Geräten und der Software. Dann geht es mehrere Tage in den Wald und es werden Punkte digitalisiert, die später in den Online-Karten übertragen werden (siehe Film).

Der Film zeigt, wie das Projekt von den Bayaka angenommen wird. Quelle: YouTube-Film von Rainforestfoundation UK

Indem die indigene Bevölkerung selbst ihre traditionelle Waldnutzung auch in den entlegensten Gebieten exakt nachweisen und sichtbar machen, wird es möglich, dass sie selbstbewusst ihren Anspruch auf den Wald durchsetzen können. 2017 sollen 700 indigene Gemeinschaften im Kongobecken ihr Lebensraum kartographiert und online gestellt haben - das entspricht etwa sechs Millionen Hektar Wald.

„Mit den Impulsen für grundlegende Veränderungen, die wir in Paris gemeinsam auf den Weg gebracht haben, haben wir eine neue Phase in der globalen Klima-Agenda erreicht.“ Das sagte Teresa Ribera, Vorsitzende des ’Momentum for Change’-Beratergremiums bei der Präsentation der Gewinner im November 2016 in Marokko.  Das spiegele sich in den Leuchtturm-Aktivitäten wider, die für eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze sorgen und sicherstellen, dass die notwendigen Mittel zur Verfügung stehen, um in den Bereichen Klimaschutz, Umweltbewusstsein und gesellschaftliche Verantwortung Ergebnisse zu erzielen.  Es bleibt wie so oft abzuwarten, wie der Funke gesellschaftlich überspringt. Bei den vorgestellten Projekten mache ich mir keine Sorgen. Klimaträtt würde ich sofort herunterladen, wenn ich besser Schwedisch verstehen würde.

(Birgit Linde)

 

 

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