Journalistenreise

UN-Arbeit im ländlichen Indien

Kleinbauer in Maharashtra (Foto: Thorsten Bothe)

Mit der Ausrufung des Internationalen Jahres der familienbetriebenen Landwirtschaft 2014 wollen die Vereinten Nationen auf den bedeutenden Beitrag aufmerksam machen, den Kleinbauern zur Ernährungssicherung, zur Armutsbekämpfung und damit zur Erreichung der international vereinbarten Entwicklungsziele weltweit leisten. Um einen Beitrag zu einem differenzierteren Bild über die weltweiten Aufgaben und Herausforderungen der UN zu leisten, führte die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) vom 17. bis 23. August 2014 eine Informations- und Recherchereise nach Indien durch. 

Sechs Journalistinnen und Journalisten hatten während der Reise nach Neu-Delhi, Nagpur und in verschiedene Dörfer im Bundesstaat Maharashtra Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit der Residierenden Koordinatorin der Vereinten Nationen, Lise Grande, UN-Habitat-Mitarbeiter Dr. Kulwant Singh, Susan Beccio vom Internationalen Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) sowie Dr. Peter Kenmore von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

Von Toiletten, Frauen-Selbsthilfegruppen und Zukunftsperspektiven der Jugend

Modell einer Toilette mit zwei Gruben
Dr. Bindeshwar Pathak, Gründer von Sulabh International, erklärt die Funktionsweise der kostengünstigen und wassersparsamen Toiletten, die in Städten aber vor allem auch in Haushalten auf dem Land errichtet werden. Bis zu 70 Prozent der Haushalte auf dem Land verfügen über keine Sanitäranlagen. Der Toilettengang im Freien birgt neben hygienischen Risiken insbesondere für Frauen und Mädchen die Gefahr vor gewalttätigen Überfällen.

Im Mittelpunkt standen die Besichtigung der von UN-Habitat geförderten Projektarbeit der gemeinnützigen Organisation Sulabh International, die kostengünstige Toilettensysteme sowohl in Städten als auch auf dem Land errichtet und im Bereich soziale Besserstellung von Dalit-Frauen wichtige Arbeit leistet, sowie eine zweitägige Rundreise zu IFAD-geförderten Projekten in der Vidharba-Region in Maharashtra. Die Armut der Landbevölkerung ist hier sehr hoch, zudem ist die Region von Trockenheit betroffen. IFAD arbeitet vor Ort mit Institutionen der Regierung Maharashtras zusammen und fördert vor allem die Initiativen, die mit dem Projekt CAIM (Convergence of Agricultural Interventions in Maharashtra’s Distressed Districts Programme) umgesetzt werden. Mit dem Programm zur Förderung von sechs besonders armen, landwirtschaftlich geprägten Distrikten im west- und zentralindischen Bundesstaat Maharashtra soll bis zum Jahr 2017 eine nachhaltige, vielfältige Landwirtschaft, die den Haushalten ein sicheres Einkommen gewährleistet, gefördert werden. Dazu wird unter anderem mit Mikrokrediten die Gründung von Kleinstunternehmen und der Aufbau von Produktionsketten gefördert. Im Vordergrund steht, die Beteiligung und Emanzipation der Frauen in der Landwirtschaft voranzutreiben, aber auch Lösungen zu Erleichterung der Arbeitsbedingungen zu bieten, vielfältige landwirtschaftliche Aktivitäten insbesondere in Dörfern einzuführen, vor allem Dorfbewohner ohne Landbesitz zu unterstützen, die Gründung von Selbsthilfegruppen, Bauernkooperativen zu initiieren und Informationszentren in die Dorfstruktur zu etablieren. Der Jugend auf dem Land werden durch Ausbildungsprogramme und Kredite Persepktiven geboten, um so einer Abwanderung in die Stadt entgegenzuwirken.

Journalistenreise zu UN-geförderten Projekten im ländlichen Indien

Frauen, Dalits, Adivasis und die Jugend erfahren besondere Diskriminierung

Neben den Projektbesichtigungen gab es Hintergrundgespräche mit Experten deutscher politischer Stiftungen in der Deutschen Botschaft in New Delhi in Zusammenarbeit mit der Abteilung Entwicklung und Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Mit dem Leiter der Deutschen Welthungerhilfe in Indien Joachim Schwarz und seinen Kolleginnen Nivedita Varshneya und Dr. Rajeswari Raina sprachen die Journalisten über Ernährungssicherheit und den Stand von Mangelernährung vor allem von Frauen und Kindern in Indien, über nachhaltige, vielschichtige Landwirtschaft, sowie über die Initiative POWA (Building Public and Political Will for Agriculture ODA in Germany – Öffentliche und politische Willensbildung in Deutschland für ODA im landwirtschaftlichen Sektor). Ziel von POWA ist es, die G8-Nationen dazu zu bringen, sich mit entsprechenden Mitteln für die Überwindung von Hunger einzusetzen und die Interessen von Kleinbauern in Entwicklungsländern sowie das Thema Landwirtschaft für Ernährungssicherung beim im Jahr 2015 in Deutschland stattfindenden G7/8-Gipfel dringend zu behandeln.

Ergänzt wurden die Projektbesichtigungen durch ein Gespräch zu den Landrechten und der Diskriminierung von Adivasis und Dalits mit Abhay Xaxa und Rajesh Kumar Singh von der National Campaign on Dalit Human Rights (NCDHR). Gelegenheit gab es zudem, die Arbeit des Ecumenical Sangams in Nagpur kennenzulernen, einer deutsch-indischen NGO, die regionale Bauern im ökologischen Anbau ausbildet und bei der Umstellung unterstützt. Zusätzlich betreut die Organisation in ihrem Beratungszentrum Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, und ermöglicht darüber hinaus Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen und jungen Frauen  als medizinische Helferinnen oder Näherinnen.

Indien ist besonders geprägt von kleinbäuerlichen Strukturen. Die Mehrzahl der Kleinbauern bewirtschaftet meist nicht mehr als einen Hektar Land. Doch steht Indien vor massiven Problemen und Herausforderungen. Aufgrund des Bevölkerungs- und Städtewachstums werden die zu bewirtschaftenden Agrarflächen immer kleiner. Landrechte werden nur an Söhne oder männliche Familienmitglieder vererbt, was zu einer problematischen Fragmentierung der Ländereien beiträgt. Frauen verfügen nur selten über Landbesitz.

Inderinnen gehören mit den Dalits (Unberührbaren), Adivasis (verschiedene Stammesangehörige) und Kindern zu den besonders benachteiligten Gruppen in der indischen Gesellschaft; sie werden außerhalb des Kastensystems eingestuft und erfahren in vielen Lebensbereichen Einschränkungen, Benachteiligung und Diskriminierung.

Er­heb­li­che Aus­wir­kun­gen des Klima­wandels, Dür­ren und Über­schwemmungen tragen zu Zerstörung der Böden bei. Laut Welt­ernährungs­organisation (WFP) sind be­reits ein Drit­tel der Land­oberfläche In­di­ens und 60 Pro­zent sei­ner land­wirt­schaft­lichen Nutz­fläche von Boden­erosion und Deserti­fi­ka­tion be­trof­fen.

Eine marode Infrastruktur, ein schlecht ausgebautes Verteilungssystem sowie fehlende Lagerstätten führen dazu, dass beim Transport von landwirtschaftlichen Gütern Kühlketten nicht gewährleistet sind und bis zu 70 Prozent der Produkte verrotten, von Ratten angefallen werden und die Bedürftigen nicht erreichen.

Teilnehmende Journalistinnen und Journalisten

Die Journalistinnen und Journalisten vor dem UN-Büro in Neu-Delhi. (v.l.n.r. Desirée Brenner, Andreas Clasen, Stefan Kegel, Thorsten Bothe, Melanie Kräuter, Astrid Ehrenhauser).

Für eine Reiseteilnahme konnten sich Redakteurinnen und Redakteure der über einhundert regionalen Tageszeitungen in Deutschland bewerben. Ausgewählt wurden Thorsten Bothe (Die Glocke), Desirée Brenner (Donau Kurier), Andreas Clasen (Südwest Presse), Astrid Ehrenhauser (Passauer Neue Presse), Melanie Kräuter (Schwäbische Zeitung) und Stefan Kegel (Märkische Oderzeitung).

Gemeinsam verfügen die auf der Recherchereise vertretenen Medien über eine tägliche Druckauflage von weit mehr als einer Millionen Exemplaren. Hinzuzurechnen ist die Onlineberichterstattung über die häufig frequentierten Regionalportale der sechs Zeitungen. Begleitet und organisiert hatte die Reise für das DGVN-Generalsekretariat Monique Lehmann. Gefördert wurde sie aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Veröffentlichungen zur Reise

Die folgende chronologische Liste von Veröffentlichungen zur Reise wird fortwährend aktualisiert:

Südwest Presse, 10. Dezember 2014, S. 4, Am Tag, als „Baba“ kam. Wie Usha Chaumar sich aus dem starren Kastensystem Indiens befreit hat, Andreas Clasen

Passauer Neue Presse, 28. November 2014, Baumwollanbau in Indien: Der Fluch des weißen Goldes, Astrid Ehrenhauser

Die Glocke, 19. November 2014, 800 Millionen Inder ohne Zugang zu Toiletten - Jetzt sind wir nicht mehr unberührbar, Thorsten Bothe

Passauer Neue Presse, 19. November 2014, S. 3, Die Not mit der Notdurft, Astrid Ehrenhauser

Donau Kurier, 28. Oktober 2014, S. 3, Indische Pionierinnen, Desirée Brenner

Schwäbische Zeitung, 27. Oktober 2014, Gemeinsam der Armut entkommen und als Online-Beitrag, Melanie Kräuter

Schwäbische Zeitung, 27. Oktober 2014, Zwischen Ernteanstieg und Schuldenfalle, Melanie Kräuter

Märkischen Oderzeitung, 22. Oktober 2014, S. 3, Ein drägendes Problem, Stefan Kegel

Passauer Neue Presse, 18. Oktober 2014, Als Frau im Land der Männer, Astrid Ehrenhauser

Märkischen Oderzeitung, 14. Oktober 2014, S. 2, Kleiner Anstoß mit großer Wirkung, Stefan Kegel

Die Glocke, 14. Oktober 2014, Misshandelte Frauen finden bei Beratungsstelle Rat und Hilfe, Thorsten Bothe

Sonderseite, Die Glocke, 7. Oktober 2014, Kleine Farmen, riesige Probleme und als Online-Beitrag mit Bildgalerie, Thorsten Bothe

Die Glocke, 7. Oktober 2014, Titel, Internationales Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft, Thorsten Bothe

Märkischen Oderzeitung, 4. Oktober 2014, S. 3, Gedemütigte Seelen, Stefan Kegel

Sonderseite, Südwest Presse, 16. September 2014, Der Not entkommen. Wie indische Bauern gute Gewinne machen können, wenn sie nicht allein gelassen werden, Andreas Clasen