Ruanda 20 Jahre nach dem Genozid

Ruanda 20 Jahre danach: Lehren für die Zukunft? Die Folgen von Völkermord und sexueller Gewalt – der Existenzkamp ruandischer Frauen

Die Autorin Katja Weickert

Zwischen April und Juni 1994 wurden in dem kleinen zentralafrikanischen Staat Ruanda zwischen 800 000 und 1 Millionen Tutsi und gemäßigte Hutu auf brutalste Art und Weise getötet. Erschossen, verbrannt, erwürgt, enthauptet, mit Macheten, Hämmern, Äxten und Keulen erschlagen, zerstückelt und zerhackt. Über Nacht wurden aus Nachbarn, Lehrern, Priestern und Freunden Mörder und Vergewaltiger. Häufig töteten sie dabei als erstes die männlichen Tutsi, wobei sie deren Frauen und Kinder zwangen, sich die Folterungen und Exekutionen ihrer engsten Familienangehörigen mitanzusehen. Die Hutu-Milizen setzten sexuelle Gewalt, Folter und Ausbeutung gezielt als Kriegswaffe gegen die Tutsi-Frauen ein. Für die Frauen folgte eine Zeit grausamster Misshandlungen und Mehrfach - Vergewaltigungen: mehrfach täglich und mehrfach durch verschiedene Männer. Oftmals überlebten sie die grausamen Vergewaltigungen nicht. Über die tatsächliche Zahl der Vergewaltigungen gibt es allerdings kaum Informationen. Einer Studie von Human Rights Watch zufolge sind schätzungsweise bis zu 500 000 Frauen während des Völkermords vergewaltigt worden- der Versuch, die ethnische Gruppe der Tutsi systematisch zu vernichten, und den Frauen und auch der nächsten Generation unsagbares Leid zuzufügen. Doch wie schaffen es Menschen zu überleben, denen alles genommen wurde - ihre Familien, ihre Körper, ihre Gesundheit, ihre Hoffnung auf eine Zukunft, vor allem aber ihre Würde? Wie „leben“ Menschen als „Bapfuye Buhagazi“, als „lebende Tote“ in der Sprache des Landes jener, die sich von dem Entsetzen nicht mehr erholt haben?

Die Frauen in Ruanda haben die schwerste körperliche und seelische Folter erlebt und überlebt, und haben bis heute mit den traumatischen Folgen zu kämpfen. Die meisten der Frauen leiden infolge des Erlebten unter bleibenden körperlichen und seelischen Verletzungen, v.a. schwerwiegenden Traumata. Eine ganze Frauengeneration sowie deren Kinder wurden körperlich, emotional und moralisch irreparabel geschädigt.

Weil ein Teil der Frauen den Gedanken nicht ertragen konnte, das Kind eines brutalen Milizionärs auszutragen, der ihre Familien vor ihren Augen ermordet hatte, nahmen sie mit primitivsten Methoden einen oftmals tödlichen Schwangerschaftsabbruch vor oder sie reisten ins benachbarte damalige Zaire, um dort abzutreiben. Viele der Frauen aber schenkten den Kindern ihrer Peiniger das Leben - ein Leben in Ausgrenzung, in extremer Armut, in Krankheit, ohne eine Chance auf Bildung, ohne Perspektive, ohne Zukunft. Oft ein Leben ohne Liebe - zu sehr erinnern die Kinder die Frauen an die Schrecken der Vergangenheit. Kinder, die in grenzenlosem Hass und dem Wunsch nach Zerstörung und Vernichtung gezeugt wurden. Mehr als die Hälfte der während der Zeit des Völkermords vergewaltigten Frauen wurden zudem durch die Hutu-Milizionäre mit HIV infiziert. In den meisten Fällen sind die bereits stigmatisierten Frauen unheilbar krank und werden an Aids sterben. Sie werden im Durchschnitt sogar früher sterben als andere, weil ihnen der Zugang zu Medikamenten oder zu einer lebensverlängernden Antiretrovirale Therapie häufig verwehrt bleibt oder dieser mit einem „Outing“ verbunden wäre, der ihren Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge hätte.  Eine Wahl zwischen Pest und Cholera? Oder wie empfinden Sie das?

Einige sind bereits an Aids gestorben, weitere werden sterben und werden ihre Kinder sich selbst überlassen müssen, denn die „Kinder des Krieges“ aus Ruanda haben keine Familien.

Entweder, weil die Familien ihrer Mütter im Zuge des Völkermords ausgerottet wurden oder - falls es überlebende Familienangehörige gibt, diese mit den Kindern nichts zu tun haben wollen. Wer sorgt dann für diese Kinder, wenn die einzigen, die sich jemals um sie gekümmert haben, nicht mehr sind? Die Gemeinschaft? Die Frauen, die den grauenhaften Völkermord als Vergewaltigungsopfer überlebten und in der Folge ein Kind zur Welt brachten, werden wegen des Stigmas bis heute von ihren Familien und der Gemeinschaft verstoßen. Selbst heute noch, 20 Jahre nach dem grausamen Völkermord, würde es Schande über sie, über ihre durch Vergewaltigung gezeugten Kinder und ihre Familien bringen, wenn sie das in der Vergangenheit Geschehene öffentlich machen würden. Daher überrascht es nicht, dass es bei den meisten Frauen viele Jahre gedauert hat, bis sie ihre Geschichte erzählen und der Heilungsprozess einsetzen konnte. Ein Heilungsprozess, der bis heute andauert. Manche schweigen bis heute, zu groß ist ihre Angst vor den Folgen.

Die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedstaaten - alle diejenigen, die damals weg geschaut haben und handlungsunfähig waren, haben bereits oder sind noch immer dabei, die Geschehnisse auf rechtlicher, politischer und diplomatischer Ebene aufzuarbeiten und ihre Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Aber was betrifft jeden von uns? Was sagt jedem Einzelnen von uns die Geschichte von Ruanda? Was sagen Ihnen die Worte „Ruanda 20 Jahre danach: Lehren für die Zukunft“?

Mir sagen sie:

1. Schau' hin und hör' hin!
Anstatt betreten zur Seite zu blicken und so zu tun, als hätten wir mit alldem nichts zu tun, weil wir weit weg sind und uns in Sicherheit wähnen, weil wir selbst ja nicht unmittelbar betroffen sind.

Wir müssen aufhören weiterhin so zu tun, als ginge uns der Rest der Welt nichts an! Wenn wir nicht wollen, dass sich derartige Verbrechen an der Menschheit wiederholen, dann gilt es aufmerksam zu sein und aufmerksam zu bleiben - aufmerksam für uns selbst und aufmerksam für das, was um uns herum passiert - für das, was auf dieser, „unserer“ Erde, vor sich geht.

2. Übernimm' Verantwortung!
Für das eigene Leben, für diese Gesellschaft und für diese Welt in der wir leben, damit sich solch grausame Geschehnisse nicht wiederholen können.
Nirgendwo, nirgendwann! „Ntidigasubire“ - nie wieder!
Es gilt Verantwortung zu übernehmen - für uns selbst und die nachfolgenden Generationen - für die Generation „unserer“ Kinder und damit meine ich die Kinder dieser Erde, denn sie werden die Gesellschaft von morgen sein.

3. Werde aktiv und handele!
Nicht zurücklehnen, ducken oder abwarten, dass sich die Dinge von alleine regeln werden, ein großes Wunder geschieht oder ein anderer sich der Sache annimmt. Nein! Jeder Einzelne von uns ist gefragt. Jeder! Wie? Gesellschaftliches Engagement. Im Kleinen oder im Großen - jeder nach seinen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Möglichkeiten. Keine Zeit? Ein sehr guter Freund von mir hat einmal gesagt: „Zeit? Zeit ist immer eine Frage von Priorität.“ Sehr Recht hat er damit.

Was aber noch nicht einmal etwas von unserer wenigen, so wertvollen Zeit, und das dem Menschen daneben Liebste - noch nicht einmal sein Geld kostet: Mitgefühl, Empathie für das Schicksal anderer Menschen, unserer Mitmenschen!

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein wenig mehr Menschlichkeit in unseren Reihen schon einiges bewirken könnte.
Wir alle hatten Glück - wir waren 1994 nicht in Ruanda und mussten dieses Verbrechen miterleben, andere mussten.

Für jeden Einzelnen von uns gilt es, die Augen, die Ohren, vor allem aber das Herz offen zu halten für das Schicksal anderer Menschen, für deren Geschichten und deren Leben - um daraus zu lernen, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt.

Bis heute setzt sich die Gewalt gegen Frauen und junge Mädchen fort. Erst Anfang April diesen Jahres bekannte sich die islamistische Terrorgruppe Boko Haram zu der Entführung von 200 Schülerinnen in Nigeria. Was die Entführer in den Wochen der Verschleppung mit den Mädchen gemacht haben? Einzelne Staaten versuchen sich auf diplomatischem Wege zu verbünden, halten Antiterrorgipfel ab, vereinbaren einen Aktionsplan. Das ist gut gemeint, nur, was geschieht derweil mit den Mädchen? Wie geht es deren Familien, deren Müttern und Vätern? Würden die mächtigen Männer wie Mahamadou Issoufou, Paul Biya, Goodluck Jonathan, Francois Hollande, Idriss Deby Itno und Thomas Boni Yayi auf ihren Stühlen verweilen, würden sie ihre eigenen Töchter oder Söhne in den Händen von Terroristen wähnen?

Haben Sie Kinder?

Ich persönlich hege die Hoffnung, dass in diesen Tagen, in denen die Welt auf Ruanda schaut und weiterhin um Aufarbeitung und Versöhnung bemüht ist, sich der ein oder andere einzelne Mensch angesprochen fühlt, sich bewusst zu machen, welch grauenvolle Dinge Menschen in der Vergangenheit angetan wurden - um daraus zu lernen und sich zukünftig dafür einzusetzen, dass derartige Verbrechen an der Menschheit, die nicht nur gegen formales Gesetz und moralische und ethische Grundsätze, sondern vor allem gegen die Menschlichkeit verstoßen, verhindert werden.

Den Worten, denen ich mich abschließend anschließen möchte, stammen von einer der betroffenen Frauen selbst:

“Wir haben zerbrochene, zerrissene Familien. Wir haben Menschen, die entwürdigt und wie Tiere behandelt wurden. Ich möchte, dass die Welt den Schutz der Menschenrechte für alle gewährleistet. Aber vor allem möchte ich, dass die Welt dafür sorgt, dass nie wieder jemand vergewaltigt wird. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Kinder, die durch die Vergewaltigungen geboren wurden, sind Opfer dieser Gewalt.“ (ruandische Frau, 33 Jahre)

Ein Appell an diese Welt, auch heute noch das Schicksal ruandischer Frauen und deren Kinder nicht zu vergessen und sie in ihrem Ringen um Lebensunterhalt und Bildung zur Kenntnis zu nehmen - auch 20 Jahre nach diesem grausamen Verbrechen - an Männern, an Frauen, an deren ungeborenen Kindern und an der Menschheit!

 

Die Autorin:

Katja Weickert ist zurzeit Rechtsreferendarin am Kammergericht Berlin. Neben ihrem Studium beschäftigte sie sich im Rahmen ihres Freiwilligendienstes und ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF intensiv mit den Rechten von Frauen und Kindern und Menschenrechtsfragen. 

 

Quellenangaben:

Die dem Essay zugrundeliegenden Angaben und Interviews sind schwerpunktmäßig den beiden Büchern entnommen:

„Kinder des Krieges – Ruanda und die unbekannten Folgen des Völkermords“ - Forografien und Interviews von Jonathan Torgovnik, 1.Auflage, Mai 2009.

„Nichts getan, nichts gesehen, nicht darüber reden – RUANDA“ - Herausgeber: Georg Brunhold, Andrea König, Guenay Ulutuncok, 1. Auflage 2004

Amnesty International 2004. Rwanda: “Marked for Death”, Rape Survivors living with HIV/AIDS in Rwanda

Human Rights Watch 1999.  "Mid-May Slaughter: Women and Children as Victims“ in "Leave none to tell the story: Genocide in Rwanda“

Human Rights Watch 2014. „Struggling to survive: Barriers to justice for rape victims in Rwanda“

Human Rights Watch. RWANDA Human Rights Developments

Human Rights Watch 1996. “SHATTERED LIVES“ Sexual Violence during the Rwandan

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