Ziele für nachhaltige Entwicklung/Agenda 2030 Energiefragen & Treibhausgase

Paris-Abkommen & Nachhaltige Entwicklungsziele: "United they stand, divided they fall?"

Projizierung der Nachhaltigen Entwicklungsziele am UN-Hauptsitz in New York (© UN Photo / Cia Pak)

Projizierung der Nachhaltigen Entwicklungsziele am UN-Hauptsitz in New York (© UN Photo / Cia Pak)

Die Pfade zum Erreichen des in Paris beschlossenen Ziels der Begrenzung der globalen Erderwärmung auf weniger als 2°C haben große Auswirkungen auf die Umsetzbarkeit der nachhaltigen Entwicklungsziele (engl. Sustainable Development Goals - SDGs). Daher müssen die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und der Agenda für nachhaltige Entwicklung zusammengedacht werden. So könnte man das zentrale Ergebnis einer Studie des Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) zusammenfassen, die im März 2016 unter dem Titel "2°C and SDGs: United they stand, divided they fall?" veröffentlicht worden ist.

Dass die Realisierung der 17 SDGs und des Pariser Klimaabkommens eng miteinander verbunden sind, liegt auf der Hand. Dies wird insbesondere mit Blick auf das Entwicklungsziel Nr. 13 deutlich, welches unter der Überschrift "Maßnahmen für Klimaschutz" steht und auf einen ambitionierten Klimaschutz abzielt. Die MCC-Studie zeigt allerdings erstmals auf, welche Auswirkung verschiedene Pfade, um das 2°-Ziel zu erreichen, auch auf mehrere der nicht direkt mit dem Klimawandel befassten nachhaltigen Entwicklungsziele haben.

 

Ambitionierter Klimaschutz erleichtert die Umsetzung der SDGs

Obwohl ein ambitionierter Klimaschutz oft als Hindernis für kurzfristige Entwicklungsprozesse gesehen wird, zeigt die Studie klar auf, dass alle nachhaltigen Entwicklungsziele langfristig insgesamt deutlich schwerer zu erreichen sind, wenn das Vorhaben einer Begrenzung der globalen Erderwärmung auf weniger als 2°C nicht umgesetzt werden kann. So heißt es in der Pressemitteilung zur Studie, dass alle Klimaschutzstrategien zwar Risiken für Entwicklung mit sich bringen, diese jedoch nicht mit denen eines ungebremsten Klimawandels vergleichbar seien. Aus Sicht von Jan Minx, Professor für Science-Policy and Sustainable Development an der Hertie School of Governance und einer der Autoren der Studie, tickt die Uhr "und je länger die Welt ambitionierte Klimapolitik verschleppt, desto schwieriger sind viele andere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen".

© Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, MCC
© Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, MCC

 

Verschiedene Lösungsansätze haben unterschiedliche Auswirkungen

Gleichzeitigt zeigt die Studie auf, dass verschiedene Ansätze zum Erreichen des 2°-Ziels sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Umsetzung verschiedener Entwicklungsziele haben können. Bestimmte Lösungswege können dabei die Umsetzung einiger Entwicklungsziele erleichtern, während sie gleichzeitig andere erschweren können. Als mögliche Pfade identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei beispielsweise den Ausbau von Solar- und Windenergie und die Nutzung von Atomenergie, Bioenergie sowie CO2-Abscheidung und -Speicherung (engl. Carbondioxide Capture and Storage - CCS). Umstrittene Technologien wie die Atomenergie und CCS beispielsweise könnten zwar wichtige CO2-Einsparungen bewirken, bringen gleichzeitig aber Risiken für die Umsetzung der Entwicklungsziele mit sich.

Während ein deutlicher Ausbau der Bioenergie sinnvoll erscheint, um das 2°-Ziel zu erreichen, würde es die Nahrungssicherheit und somit das Ziel zur Bekämpfung der Armut massiv gefährden. Entscheidet man sich hingegen im Interesse der Nahrungsmittelsicherheit dafür, weniger stark auf Bioenergie zu setzen, könnten damit zwar auch andere Ziele, wie zum Beispiel eine gute Luftqualität, leichter realisiert werden, würde die Erreichbarkeit des Ziels bezahlbarer Energie allerdings erschwert und müssten andere Wege zur CO2-Einsparung stärker vorangetrieben werden. Christoph von Stechow, einer der Autoren der Studie, sagt: "Alle UN-Nachhaltigkeitsziele bilden ein komplexes Gebilde. Wer an einer Schraube dreht, sollte die komplizierte Mechanik verstehen lernen."

Schaubild zu den Synergien und Zielkonflikten zwischen Pfaden zum 2°C-Ziel und den nachhaltigen Entwicklungszielen (© MCC)
Schaubild zu den Synergien und Zielkonflikten zwischen Pfaden zum 2°C-Ziel und den nachhaltigen Entwicklungszielen (© MCC)

 

Energieeffizienz und Verringerung des Energiebedarfs

Ein wichtiger Lösungsansatz ist die erhebliche Steigerung der globalen Energieeffizienz sowie eine Verringerung des Energiebedarfs. In einem Gastbeitrag für die ZEIT schreiben Jan Minx und Christoph von Stechow, dass "[j]ede Einheit Energie, die nicht produziert werden muss, Nachhaltigkeitsrisiken insgesamt [verringert]." Bereits eine jährliche Steigerung der Energieeffizienz um 2% anstatt der derzeitigen durchschnittlichen 1,2% könne die Notwendigkeit, auf umstrittene Technologien und Atomenergie zurückzugreifen, um das 2°-Ziel zu erreichen, um bis zu ein Drittel reduzieren. Auch auf Wachstumsaussichten und die Nahrungsmittelsicherheit wären die Auswirkungen geringer als bei anderen Lösungswegen.

 

Klimapolitik als Schlüssel zur Lösung von Entwicklungsherausforderungen?

Wie es in der Pressemitteilung zu der Studie heißt, könnte die Klimapolitik im besten Fall zu einem Schlüssel werden, um auch andere nachhaltige Entwicklungsziele zu erreichen. Luftverschmutzung, Ernährungssicherheit und Energiesicherheit beispielsweise würden alle deutlich davon profitieren, wenn es nicht nur zu deutlichen CO2-Einsparungen, sondern zu einer deutlichen Reduzierung des Energiebedarfs insgesamt käme. Aus Sicht der Studie bieten Energieeffizienz und Verringerung des Energiebedarfs also das größte Potenzial, um mit einem Lösungsweg sowohl dem 2°-Ziel möglichst nahe zu kommen und gleichzeitig möglichst viele der nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen oder deren Umsetzung zumindest nicht zu gefährden. Insgesamt, so die Studie, bedarf es bei der Wahl von Pfaden zum Erreichen des 2°-Ziels einer ausgewogenen Flexibilität, welche keines der Entwicklungsziele gefährdet.

In jedem Fall verdeutlicht die Studie einmal mehr, dass sich das Pariser Klimaabkommen und die nachhaltige Entwicklungsagenda nicht gegeneinander ausspielen lassen dürfen, sondern nur gemeinsam zu einem wahren, langfristigen, nachhaltigen Erfolg gelangen können. Ein Scheitern des Paris-Abkommens würde nicht nur ein Erreichen des Entwicklungsziels Nr. 13 zum Klimaschutz verhindern, sondern die Kosten zum Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele insgesamt deutlich verteuern und die gesamte Nachhaltigkeitsagenda in Frage stellen.

 

Oliver Hasenkamp

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