Veranstaltungsbericht Humanitäre Hilfe

Nordkorea: Humanitäre Hilfe von Politik trennen

Jedes dritte Kind in Nordkorea ist unternährt. Chronische Nahrungsmitteldefizite, die durch Naturkatastrophen zusätzlich verschlimmert werden, bestimmen die Notlage von Millionen Menschen. Eine der wenigen humanitären Hilfsorganisationen, die das Regime akzeptiert, ist das Weltenährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Über die schwierige Lage in dem Land  sprach  die WFP-Landesdirektorin Claudia von Roehl im Rahmen des Berliner Mittagsgesprächs auf Einladung von DGVN und WFP Deutschland.

Gründe für die schlechte Versorgungslage mit Nahrungsmitteln sind vor allem veraltete Maschinen, fehlende Investitionen, geringe Düngung der Böden und die sehr aufwendige Handarbeit bei der Lebensmittelproduktion. Doch auch die Hilfe des WFP erreicht nur zehn  Prozent der Bevölkerung und so konnte in den vergangenen Jahren, wie bei der Hungerkrise von 2011, nur wenig Linderung erreicht werden.

WFP bei der Arbeit in Nordkorea. © WFP/Lena Savelli

„Die angespannte Situation wird auch dadurch deutlich, dass zwei von drei Nordkoreanern vom staatlichen Lebensmittel-Verteilungssystem (PDS) abhängig sind“, meinte von Roehl. Dabei erhalten privilegierte Gruppen, wie Sicherheitskräfte, Bauern und Schwerstarbeiter bei der Verteilung der Rationen Vorrang gegenüber dem Rest der Bevölkerung. Die Folgen sind akute Unterernährung bei Frauen, Alten und vor allem Kindern. So ist nach Angaben des WFP jedes dritte Kind unterernährt und jedes vierte in seinem Wachstum beeinträchtigt. Deshalb stehen die 2,3 Millionen Kinder und Schwangeren des Landes im Fokus der Arbeit des WFP.

Dem besonders starken Mangel an Proteinen und Fetten versucht das Programm unter anderem mit der Produktion von proteinreichen Keksen und Riegeln entgegenzuwirken. Auf Forderungen des WFP und anderer UN-Organisationen, vermehrt auf die Produktion von Hülsenfrüchten wie Soja zu setzen, hat die Regierung reagiert und in Aussicht gestellt, die Lebensmittelversorgung zu verbessern. Um die ohnehin schon schwierige Nothilfe in dem Land und damit die Versorgung der schwächsten Bevölkerungsgruppen nicht zu gefährden, forderte von Roehl nachdrücklich, die humanitäre Hilfe abseits von den politischen Entwicklungen im Land zu betrachten. Die Arbeit der humanitären Organisationen, mit ihren 20 Mitarbeitern vor Ort, müsse getrennt von der Politik des Landes gesehen werden.

Fakten zu Nordkorea

Fakten zu Nordkorea

  • 24 Mio. Einwohner
  • 1/3 der Bevölkerung sind Bauern
  • 2/3 der Bevölkerung abhängig vom staatlichen Lebensmittelverteilungssystem
  • Hilfe des WFP erreicht 10% der Bevölkerung

Nordkorea verharrt im politischen Status Quo

Der Moderator des Mittagsgeprächs, Dr. Markus Tidten von der Stiftung Wissenschaft und Politik, gab einen Einblick in die aktuelle politische Lage des Landes. Er schätze diese trotz des Machtwechsels als weiterhin stabil ein. Die neue Führung unter Kim Jong-Un setze wie unter seinem Vater auf das Militär als Garant für das Überleben des Regimes. Dem Erhalt der Macht und dem Schutz vor dem Ausland werden ungebrochen alle anderen Belange untergeordnet. Der fehlende Friedensvertrag nach dem Koreakrieg und die atomaren Ambitionen des Landes belegen den dominanten Anspruch des Militärs, das nach wie vor die stärkste Kraft in dem weitgehend isolierten Land ist. Zudem scheint die Sechs-Ländergruppe um China, Japan, Nord- und Südkorea, Russland und die USA, die mit dem Regime über die Begrenzung der atomaren Aufrüstung verhandelt, auch an einem Beibehalten des politischen Status Quo interessiert zu sein und instabile Verhältnisse in der Region vermeiden will. Das WFP wird dessen ungeachtet den humanitären Auftrag weiterführen.

Lorenz Schmidt