Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung (SDG 8)

Nicht nur Mais, Reis und Weizen

Ein Bauer prüft die Früchte an seinem Sanddornbusch

UN-Programme wie das UN-Entwicklungsprogramm UNDP bemühen sich, die Vielfalt der angebauten Pflanzen zu erhöhen, zum Beispiel Sanddorn in der Mongolei. Foto: UN Photo/Eskinder Debebe

Mehr als 7.000 Pflanzenarten stehen auf dem Speiseplan der Völker der Welt. Nur 150 von ihnen werden international kommerziell gehandelt. Von denen sind es wiederum nur drei, die heute mehr als die Hälfte der Protein- und Kalorienversorgung der Menschheit decken: Mais, Weizen und Reis.

In den letzten Jahrzehnten ist ein globaler Markt für Nahrungsmittel entstanden, und dank Werbung und Marketingstrategien setzen sich auf diesem Markt wenige Produkte durch wie zum Beispiel „Hamburger“. Zu diesem Prozess gehört auch, dass unter den vielen Tausend Getreide-, Obst- und Gemüsesorten, die im Laufe von Jahrtausenden gezüchtet wurden, nur ganz wenige von den internationalen Saatgutkonzernen aggressiv vermarktet werden. Damit einher geht eine große Verarmung an Pflanzen- und Ernährungsvielfalt. 

Im „Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft 2014“ bemühen sich viele Landwirtschaftsbewegungen und -organisationen, traditionelle, in den letzten Jahrzehnten vernachlässigte Pflanzen zu fördern, die einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der globalen Hunger- und Mangelernährungsprobleme leisten können. Die „Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen“ FAO übernimmt hierbei ebenso wichtige Aufgaben wie der „Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung“ IFAD.

Zu den IFAD-Initiativen gehört das „Programm zur Erhöhung des Beitrags vernachlässigter und unzureichend genutzter Nutzpflanzen für Ernährungssicherheit und Einkommen der Armen in ländlichen Gebieten“. Ein wichtiger Ausgangspunkt sind Forschungsarbeiten, um festzustellen, welche traditionell genutzten Pflanzen stressresistent sind, nachhaltig angebaut werden können und mit wenig Inputs für Düngung und Pflanzenschutz auskommen. Es wird vor allem nach Pflanzensorten gesucht, die einen Beitrag zu Ernährungssicherheit und einer ausgewogenen Ernährung leisten können. Dabei knüpft man an den Erfahrungen traditioneller Gemeinschaften an, die seit langer Zeit solche Pflanzensorten gezüchtet haben. Besonders geeignete Pflanzen werden dann Kleinbauernfamilien in verschiedenen Ländern nahegebracht, um ihre Abhängigkeit vom Kauf von Saatgut, Pestiziden und Kunstdünger abzubauen und neue Ernährungs- und Vermarktungsmöglichkeiten zu schaffen.

Orissa: Zurück zur Vielfalt

Wie die Förderung einer traditionellen Vielfalt von Anbauprodukten sich vor Ort auswirken kann, zeigt die Arbeit der indischen Nichtregierungsorganisation „Living Farms“ im Bundesstaat Orissa. Dank einer intensiven Landwirtschaftsberatung bauen dort die Angehörigen des Kondh-Volkes auch auf kleinen Anbauflächen wieder mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Pflanzen an und nicht wie zuletzt lediglich drei. Dabei erlebt auch die nährstoffreiche und genügsame Hirse eine Renaissance, nachdem deren Anbaufläche in Orissa in den letzten vier Jahrzehnten um weit mehr als die Hälfte zurückgegangen war. Demgegenüber war der Reisanbau mit Regierungsunterstützung stark ausgeweitet worden. 

Inzwischen werden auch fast ausgestorbene Hirsesorten erneut angebaut, zum Beispiel die Sorte „kodo“, die wegen ihres hohen Gehalts an Proteinen, B-Vitaminen und Mineralien auch Diabetes entgegenwirken kann. Die 16 traditionellen Hirsesorten der Region sind zudem resistenter gegenüber Hitze und Wassermangel als Neuzüchtungen. „Living Farms“ konnte feststellen, dass die Rückkehr der Kleinbauernfamilien zum Anbau einer Vielfalt von Pflanzen die Ernährungssituation signifikant verbessert hat. 

Drei verschiedene Quinoasorten
Der starke Anstieg des Quinoa-Anbaus in Lateinamerika ist ein Beispiel dafür, dass es gelingen kann, eine Renaissance traditioneller Anbaupflanzen zu erreichen. Inzwischen wird Quinoa auch in größeren Mengen in alle Welt exportiert. Foto: FAO/Claudio Guzmán

Das Beispiel der Renaissance von Quinoa

Mit der Wiederbelebung des Anbaus einer Vielfalt traditioneller Pflanzen ist eine Rückkehr zu einer vielfältigen Ernährung verbunden. Jo Woodman von der Organisation „Survival International“, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, hat festgestellt: „Viele ethnische Gruppen und indigene Völker besaßen ein komplexes und autarkes Nahrungsmittelangebot, das eine vielfältig zusammengesetzte Ernährung mit einem breiten Nährstoffangebot ermöglichte.“ In den letzten Jahrzehnten war aber mit der sinkenden Bedeutung einer traditionellen Lebensweise auch die Einführung von verarbeiteten Lebensmitteln mit vielen Fetten und Ölen verbunden, was die Gesundheitssituation der Bevölkerung deutlich verschlechtert hat. Die Stärkung einer nährstoffreichen traditionellen Anbauvielfalt kann dieser Entwicklung entgegenwirken. In Lateinamerika ist der Boom des Anbaus von Quinoa ein Beispiel dafür, dass dies gelingen kann. Die Pflanze wurde vor 6.000 Jahren gezüchtet und erlebt nicht zuletzt durch das „Internationale Jahr zu Quinoa 2013“ der Vereinten Nationen erneut eine starke Verbreitung. 

Organisationen wie die FAO haben erkannt, dass die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel bei der Wiederbelebung des Anbaus einer Vielfalt traditioneller Pflanzen zu berücksichtigen sind. So wurde zum Beispiel in Peru festgestellt, dass steigende Temperaturen dazu führen, dass man Kartoffeln jetzt besser in höher gelegenen Gebieten anbauen sollte als früher, während in bisherigen Anbaugebieten eine Umstellung auf andere Pflanzen erforderlich ist.

Der damalige FAO-Generaldirektor Jacques Diouf hat im November 2011 im Blick auf die Vielfalt traditioneller landwirtschaftlicher Pflanzen festgestellt: „Die Bewahrung und nachhaltige Nutzung der genetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft ist der Schlüssel dafür, sicherzustellen, dass die Welt genug Nahrungsmittel produziert, um in Zukunft die wachsende Bevölkerung ernähren zu können.“

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Das könnte Sie auch interessieren

  • Ein Bauer prüft die Früchte an seinem Sanddornbusch

    Nicht nur Mais, Reis und Weizen

    Weizen, Mais und Reis haben die Kochtöpfe der Welt erobert. Demgegenüber werden zahllose andere Getreide- und Gemüsearten immer stärker verdrängt. Es droht eine globale „Monoesskultur“, und das schadet der Landwirtschaft in Entwicklungsländern und der Vielfalt und Ausgewogenheit der Ernährung von Milliarden Menschen. Die Agrarfachleute der Vereinten Nationen und viele nationale und lokale… mehr

  • Ein Bauer prüft die Früchte an seinem Sanddornbusch

    Nicht nur Mais, Reis und Weizen

    Weizen, Mais und Reis haben die Kochtöpfe der Welt erobert. Demgegenüber werden zahllose andere Getreide- und Gemüsearten immer stärker verdrängt. Es droht eine globale „Monoesskultur“, und das schadet der Landwirtschaft in Entwicklungsländern und der Vielfalt und Ausgewogenheit der Ernährung von Milliarden Menschen. Die Agrarfachleute der Vereinten Nationen und viele nationale und lokale… mehr

  • Logo

    Internationales Jahr des Bodens 2015

    In einer Handvoll Erde gibt es mehr Lebewesen als Menschen auf dem ganzen Globus. Das komplexe Ökosystem Boden bildet die Grundlage dafür, dass wir auf diesem Planeten leben und uns ernähren können. Aber dieses Ökosystem ist auf vielfältige Weise bedroht, und deshalb haben die Vereinten Nationen den Boden in den Mittelpunkt eines Internationalen Jahres gestellt. Die Menschheit muss die Böden… mehr