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Nachruf: Maurice Bertrand (1922 – 2015)

Maurice Bertrand

Maurice Bertrand

Am 23. Dezember 2015 ist Maurice Bertrand im Alter von 93 Jahren verstorben. Mit ihm hat die internationale Öffentlichkeit   einen herausragenden Forscher verloren, der sich mit seinem Engagement für eine Reform des Systems der Vereinten Nationen höchste Verdienste erworben hat. Der DGVN war er seit langem eng verbunden. Bereits 1986 referierte er auf einem DGVN-Symposium  zur Leistungsfähigkeit des VN-Systems. 1988  veröffentlichte die DGVN in deutscher Übersetzung sein Buch „Für eine Weltorganisation der Dritten Generation“ im UNO-Verlag.  Ende 2005 erschien sein Beitrag „Lehren aus einer gescheiterten Reform“ in unserer Zeitschrift VEREINTE NATIONEN.

Geboren 1922 in Saint Gilles du Gard hat Bertrand Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Montpellier und  Lyon studiert.  Während des Zweiten Weltkriegs hat er sich der Résistance angeschlossen.  Später wurde er  Mitglied des französischen Rechnungshofes und lehrte gleichzeitig an der Ecole Nationale d’Administration. 

Zwischen 1968 und 1985 ist er Mitglied der Gemeinsamen Inspektionseinheit (Joint Inspection Unit; JIU) der Vereinten Nationen  gewesen, deren Arbeitsweise er entscheidend prägte. Kein anderer Inspektor hat so lange und so wirkungsvoll in der JIU gearbeitet. Niemand kannte die Organisation von innen so gut wie er; kein Wunder, dass er nicht nur Freunde hatte, wenn er seine zahlreichen Reform-Vorschläge in den VN-Gremien unterbreitete.

Bertrand hat sich als  Inspektor besondere Verdienste erworben. Er war nicht nur zweimal Vorsitzender und zweimal stellvertretender Vorsitzender der JIU, sondern ist auch äußerst fleißig gewesen. Sein professionelles Engagement zeigte sich auch darin, dass er in seiner Amtszeit mehr als 30 Berichte erstellte.   Dabei bildete der Bereich Planung, insbesondere  die Programmplanung und Evaluierung einen besonderen Schwerpunkt. 1969 erschien sein „Report on Programming and Budgets in the United Nations Family of Organizations“ unter anderem mit der Forderung, Programmhaushalte in allen Institutionen des VN-Systems zeitlich synchronisiert einzuführen.

Auch dem Bereich Personal widmete er besondere Aufmerksamkeit. 1971 unterbreitete er in seinem „Report on Personnel Problems in the United Nations“ erstmals detaillierte Reformvorschläge zu Ausbildungsvoraussetzungen und  Einstellungsverfahren, die dann 1974 von der Generalversammlung  angenommen wurden. Da sie jedoch vom UN-Sekretariat nicht umgesetzt wurden, hat Bertrand diese Thematik bis in die 1980er Jahre hinein immer wieder aufgenommen. Im Jahre 1974 erschien sein „Report on Medium-term Planning in the United Nations System“, in dem er für sämtliche Institutionen des VN-Systems die Einführung einer mittelfristigen Planung forderte. Diese gehört mittlerweile inzwischen zu den selbstverständlichen Planungsinstrumenten.

1985 erschien  zum 40. Jahrestag der Weltorganisation sein äußerst kritischer Bericht „Some Reflections on Reform of the United Nations“, dem ohne Zweifel das bisher größte öffentliche Interesse an einem JIU-Bericht zugeschrieben wird. In dieser Studie, gleichsam sein Vermächtnis am Ende seiner 17jährigen Tätigkeit als Inspektor, ging Bertrand weit über den meist recht spezifischen Rahmen der üblichen JIU-Studien hinaus. Nach einer umfassenden Analyse zum Zustand des VN-Systems entwickelte er Vorschläge für radikale Reform-Maßnahmen.  Dazu gehörte, den Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) durch einen „Wirtschafts-Sicherheitsrat“ mit einer deutlich verringerten Mitgliederzahl zu ersetzen, die nach der Höhe des Brutto-Sozialprodukts, der Bevölkerungsgröße und nach einem Regionalschlüssel zu bestimmen gewesen wäre. Sein Vorschlag wurde bis heute in unterschiedlichen Variationen wieder aufgenommen, ohne jedoch bisher umgesetzt zu werden.

Wenig später wurde Bertrand auf Vorschlag Frankreichs von der  UN-Generalversammlung zum Mitglied der „Gruppe der 18“  ernannt, die in einer ungewohnt scharfen Kritik am Zustand des VN-Verwaltungsapparates  im August 1986 insgesamt 71 Empfehlungen zur Verbesserung der „administrativen  und finanziellen Effizienz“ der Vereinten Nationen unterbreitete. Ebenfalls 1986 wurde Bertrand Berater eines ambitionierten Reform-Projekts der der UN-Gesellschaft der USA, das 1987 zu einem Abschlussbericht unter dem Titel „A Successor Vision: The United Nations of Tomorrow“ führte.

In der ersten Hälfte der 1990er Jahre lehrte Bertrand am Institut de Hautes Etudes Internationales in Genf, wo er an einer „Neuen Charta für eine Weltorganisation“ arbeitete, die 1996 veröffentlicht wurde.

1994 erschien erstmals sein Taschenbuch „L’ONU“ zur Entstehung und Arbeitsweise der Vereinten Nationen, das im letzten Jahr  in 7. Auflage veröffentlicht wurde (die erste Auflage erschien auch in deutscher Sprache).

An dieser Stelle kann nicht auf weitere politikwissenschaftliche Arbeiten von Maurice Bertrand zu anderen Themen eingegangen werden. Vielmehr sollte hier sein reichhaltiges Wissen über die Vereinten Nationen gewürdigt werden. Er ist ein Intim-Kenner par excellence gewesen, dem wir viele Einsichten zu verdanken haben. Mit ihm hat die UN-Forschung einen großartigen Kämpfer für eine immer noch in vielfacher Hinsicht zu verbessernde Weltorganisation verloren. 

Abschließend seien aus dem oben genannten Aufsatz von 2005 einige seiner Schlussfolgerungen zum Problem der politischen Globalisierung zitiert, die deutlich veranschaulichen, worum es auch heute in der VN-Agenda 2030 geht: „Alle Länder – die armen wie die reichen, die schwachen wie die mächtigen – stehen heute vor dem Problem der politischen Globalisierung. Es geht nicht darum, eine Weltregierung zu erreichten, und auch nicht darum, sich die Weltanschauung und die Lebensart einer Großmacht  mit Gewalt aufzwingen zu lassen, sondern darum, eine Antwort auf die Probleme zu finden,  die durch die offensichtlichen Missstände  der heutigen Welt entstanden sind. Es geht darum, Armut und Unwissenheit zu beseitigen, allen Menschen einen angemessenen Lebensstandard zu ermöglichen, die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen sicherzustellen, die nationale Identität eines jeden Volkes zu achten, über Verhandlungsinstrumente zu verfügen, die einen Beitrag  zur Entwicklung völkerrechtlicher Regeln und Grundsätze leisten können, und schließlich zu garantieren, dass Krieg nie wieder ‚die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‘ sein wird“.

 

Prof. Dr. Klaus Hüfner

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