Frauen & Kinder Menschenrechte aktuell

Nach Flucht folgt Zwang und Elend

Mehr als 150.000 Menschen leben mittlerweile im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Prostitution und Korruption nehmen auch in anderen Lagern immer größere Ausmaße an. UN Photo/IRIN/UNHCR/Areej Abu Qudairi

Mehr als 150.000 Menschen leben mittlerweile im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Prostitution und Korruption nehmen auch in anderen Lagern immer größere Ausmaße an. UN Photo/IRIN/UNHCR/Areej Abu Qudairi

In den Flüchtlingslagern Zaatari (Jordanien) und Domiz (Irak) werden immer mehr Frauen in die Prostitution gezwungen. Dennoch sind Camps wie diese oft der einzige Zufluchtsort für tausende Menschen, vor allem jedoch für Frauen und Kinder. Um irgendwie für ihre Familien zu sorgen, prostituieren sich mittlerweile viele Syrerinnen, oft für weniger als 10 Dollar pro Freier. Andere werden von ihren eigenen Angehörigen unter Zwang an zahlungskräftige Männer verkauft.

Mehr als 150.000 Menschen leben mittlerweile im UN-Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens. 50.000 bis 60.000 Flüchtlingen sollte hier ursprünglich Zuflucht gewährt werden. Doch immer noch kommen täglich bis zu 2.000 Menschen dazu. Jordaniens Grenzen sind noch offen, zum Glück vieler Flüchtender. Die Menschen in Zaatari erhalten das Nötigste: ein Zelt, etwas Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung. Eine Geburtsstation wurde eingerichtet. Dies war dringend nötig, denn im mittlerweile zehnten Monat seit der Errichtung des Camps steigt die Zahl der Geburten stetig an. Ein Grund dafür ist auch das Geschäft mit dem Sex, welches in Zaatari aber auch in anderen Flüchtlingslagern rund um Syrien blüht.

Nada, ein zierliche junge Frau, bietet ihren Körper für umgerechnet sieben Dollar an, 70 für den ganzen Tag. Für viele Frauen ist Prostitution die einzige Möglichkeit ein Einkommen zu generieren, da ihre Männer in Syrien verblieben sind. Die Situation wird immer verzweifelter, denn viele Familien müssen auch für ihre Groß- und Schwiegereltern sorgen, die aus verschiedenen Gründen in Syrien zurück blieben. Allnächtlich verwandeln sich die Toiletten der Camps in Bordelle, obwohl Prostitution in Jordanien strikt verboten ist. Immer mehr Kinder kommen zur Welt, ohne dass es Angaben zu den Vätern gibt. Einige Familien verheiraten ihre Töchter für 1.000 Dollar an jordanische Männer oder verkaufen sie für ca. 2.000 Dollar an „Interessierte“ aus dem benachbarten Saudi-Arabien. Der Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks Andrew Harper zeigte sich „Angesichts der Verwundbarkeit der Frauen, der steigenden Zahl der Flüchtlinge und der unzureichenden Hilfsgüter“ nicht überrascht, dass viele Frauen dieses Schicksal erleiden. Die Tore der Flüchtlingslager werden zwar von der jordanischen Polizei bewacht, innerhalb des Camps gibt es jedoch kaum Kontrollen. Gerüchten zufolge sollen Polizisten selbst in illegale Geschäfte verwickelt sein.

Für einen besseren Schutz der Familien sorgen einige tausend vorgefertigte Wohncontainer. Täglich kommen jedoch oft bis zu 2.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Jordanien. Die Differenz zwischen dem Bedarf und der Verfügbarkeit von Hilfsgütern wird
Für einen besseren Schutz der Familien sorgen einige tausend vorgefertigte Wohncontainer. Täglich kommen jedoch oft bis zu 2.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Jordanien. Die Differenz zwischen dem Bedarf und der Verfügbarkeit von Hilfsgütern wird daher immer größer. UN Photo/UNHCR/B. Sokol

Die meisten Familien möchten nicht über das reden, wozu sie gezwungen sind. Vor allem für Kinder, von denen viele schon in Syrien unter psychologischen Traumata litten, ist die Situation besonders dramatisch. Einige mussten zusehen wie Familienangehörige vergewaltigt oder gefoltert wurden. Psychologen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF sind auch in Zaatari im Einsatz, um die aufkommenden Aggressionen vieler Kinder zu behandeln. Alexis Masciarelli von UNICEF-Jordanien berichtet: „Eine der größten Schwierigkeiten ist es, aus Kindern wieder Kinder zu machen. Alle wurden Gewalt ausgesetzt. Einige wurde gefoltert weil sie Nahrungsmittel für die Rebellen bereitstellten oder sich ihre Väter diesen anschlossen. Unsere Aufgabe ist es nun, die Kinder wieder mit dem ‚Kind sein’ zu verbinden.“ Die Perspektivlosigkeit mit denen die meisten Kinder und Jugendlichen konfrontiert sind, verhindert dies jedoch oft.

Auch Korruption und Drogenhandel nehmen zu. Im Flüchtlingslager Domiz im Nordirak werden täglich bis zu drei Personen wegen illegalem Drogenbesitz festgenommen. Ca. 100.000 Menschen leben mittlerweile im Camp. Die 250.000 Einwohner Stadt Duhok liegt nur einige Kilometer entfernt. Dort stieg die Arbeitslosigkeit in den letzten Wochen dramatisch an, da mittlerweile bis zu 20.000 Flüchtlinge in Duhok beschäftigt sind. Die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich zwangsläufig in vielen Städten rund um die Flüchtlingslager. Bewohnern zufolge werden Hilfsgüter zudem ungerecht im Camp verteilt und es kommt zu Missmanagement. Grund dafür ist auch die wachsende Korruption. Eine Frau, die ursprünglich aus Damaskus kommt, beschwerte sich darüber, dass freie Zelte von den Camp-Mitarbeitern für 200 Dollar verkauft würden, oder für etwa die Hälfte gemietet werden könnten. Auch Aufenthaltsgenehmigungen würden zum Verkauf angeboten. Zunehmend nutzen Kriminelle Flüchtlinge aus, die sich seit ihrer Flucht im „Überlebensmodus“ befinden und oft mit nichts als mit ihrem Leben über die Grenze kamen.

„Zivilisten werden von Rebellengruppen als menschliche Schutzschilde missbraucht“, berichtet Navi Pillay zu beginn der 23. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats. UN Photo/Jean-Marc Ferré
„Zivilisten werden von Rebellengruppen als menschliche Schutzschilde missbraucht“, berichtet Navi Pillay zu beginn der 23. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats. UN Photo/Jean-Marc Ferré

Die meisten der Flüchtlinge wünschen sich daher eine schnelle Rückkehr nach Syrien. Abuj Asad, ein Beduine aus dem Süden Syriens, vergleicht das Leben im Flüchtlingslager Zaatari mit einem Gefängnisaufenthalt. „Ich möchte hier nicht jeden Tag herumsitzen wie ein Gefangener. Wir lebten im Himmel - wir hatten eine Farm mit Tieren, Geld und Wasser und jetzt müssen wir hier Leben wie Hunde. Solange Assad noch in Syrien an der Macht ist, können wir jedoch nicht zurückkehren“, erklärt er.

Auch der UN-Menschenrechtsrat rief zu Beginn seiner 23. Sitzung in Genf zu einem unverzüglichen Stopp der Gräueltaten in Syrien auf. Navi Pillay, Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR) forderte den UN-Sicherheitsrat dazu auf, den Internationalen Strafgerichtshof mit der Aufklärung der in Syrien begangenen Kriegsverbrechen zu beauftragen. „Eine humanitäre, politische und soziale Katastrophe haben wir bereits, aber was den Menschen zukünftig bevorsteht ist ein wahrer Alptraum. Zivilisten tragen die Hauptlast der Krise, in der Menschenrechtsverletzungen mittlerweile schrecklichen Dimensionen erreicht haben“, so Pillay.

 

Weitere Informationen:

Eine ständig aktualisierte Zahl der syrischen Flüchtlinge finden sie hier.

Aufruf der DGVN: Krieg endlich beenden, humanitäres Engagement verstärken

Bomben, Nervengas, Entführungen und eine Konferenz. Neue Entwicklungen in Syrien

Florian Demmler

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