Entwicklungspolitik Internationale Debatte

Nach 2015: Ungleichheit in den Blick nehmen

Das Nord-Süd-Paradigma hat ausgedient. Die Millenniums-Entwicklungsziele, die auf diesem beruhten, müssen nach 2015 durch neue Ziele ersetzt werden, die nicht mehr Durchschnittserfolge zum Ziel haben, sondern Ungleichheit auch innerhalb von einzelnen Staaten stärker in den Blick nehmen und die Menschenrechte jedes Einzelnen gewährleisten. Zu diesem Schluss kamen Expertinnen und Experten aus der Entwicklungszusammenarbeit auf der internationalen Konferenz "Beyond Crisis – The Future of Global Order(s)" Anfang Juli 2010 in Bonn.

"Die Millenniums-Entwicklungsziele sind das Beste, was uns je passiert ist", meinte Eveline Herfkens, Beraterin für die Millenniumskampagne beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Die MDGs hätten nicht nur zu Maßnahmen geführt, sondern es seien auch konkrete Ergebnisse erzielt worden. "Das Glas ist eigentlich halb voll", lautet deshalb ihre Bilanz. In der Vergangenheit seien die Erfolge bei der Umsetzung entwicklungspolitischer Zielsetzungen oft davon abhängig gewesen, wie bekannt die Ziele waren. Oft habe man nicht gemerkt, wenn Regierungen nicht danach handelten. Für die MDGs gebe es aber ein zunehmendes Bewusstsein und Unterstützung in der Öffentlichkeit. Was allerdings wirklich erreicht werde, hänge von der Politik innerhalb der einzelnen Länder ab. Allerdings behindere die Ungleichverteilung langfristige Fortschritte. Sie müsse expliziter angegangen werden und Regierungen müssen von ihrer Bevölkerung zur Rechenschaft gezogen werden.

Menschliche Entwicklung: Mehr als die MDGs

Eva Jespersen vom Büro für den Bericht über die menschliche Entwicklung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) stellte vorab einige Ergebnisse des neuen "Human Development Reports" (HDR) 2010 vor, der im Herbst dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) wird den "Bericht über die menschliche Entwicklung 2010" in deutscher Übersetzung herausgeben.

Laut Jespersen werde der HDR 2010 zeigen, dass Ungleichheit und Armut noch immer fortbestehen. Um den Blick stärker auf die Verteilungsaspekte zu richten, werde in dem Bericht ein neuer Index für menschliche Entwicklung eingeführt, der um Verteilungsaspekte bereinigt ist. Außerdem werde ein mehrdimensionaler Armutsindex vorgestellt, der der Tatsache Rechnung tragen soll, dass die Armen in verschiedener Hinsicht benachteiligt sind, nicht nur beim Einkommen, sondern zum Beispiel auch im Gesundheits- und Bildungsbereich oder bei der Wasserversorgung. Es habe sich gezeigt, dass wirtschaftliches Wachstum nicht automatisch mit menschlicher Entwicklung einhergehe, so Jespersen.

Menschliche Entwicklung wird im neuen HDR neu definiert: Sie erweitert die Freiheiten der Menschen, ein langes, gesundes und kreatives Leben auf nachhaltiger Grundlage zu führen. Menschliche Entwicklung stärkt die Menschen in ihrem aktiven Engagement, gerechte Entwicklungsprozesse auf unserem gemeinsamen Planeten zu gestalten.

Für globale Entwicklungsziele

Adolf Kloke-Lesch von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) machte deutlich, wie grundlegend sich das Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit seit Verabschiedung der MDGS verändert hat, nicht zuletzt durch die Klima- und Finanzkrise. Einer zunehmenden Ungleichverteilung stehen die großen Entwicklungsambitionen vieler Länder gegenüber – insbesondere von Ländern mit mittlerem Einkommen wie Kolumbien oder Ägypten, die sich nicht als Zielgruppe der Entwicklungszusammenarbeit sehen, die aber auch nicht zu den G20 gehören.

In Zukunft, so Kloke-Lesch, müssten die MDGs ein breiter angelegtes globales Projekt werden, das von allen Ländern umgesetzt wird und zu dem alle Länder beitragen. Globale Entwicklungsziele mit einem Zeithorizont bis 2030 könnten bald nach dem "Rio plus 20"-Gipfel 2012 verabschiedet werden. Jedes Land sollte sich darin wiederfinden. Dazu brauche es einen neuen Ansatz "von unten nach oben".

Menschenrechte für alle

Laut Claire Melamed vom Overseas Development Institute, London, sollten Gerechtigkeits- und Machtfragen in Zukunft im Vordergrund stehen. Die MDGs seien enorm effektiv, um Geber zu mobilisieren. Und sie seien effektiv, um bestimmte gesellschaftliche Bereiche und Problemfelder vorrangig in Angriff zu nehmen. Doch sie hätten auch die Prioritäten verzerrt. So hätten sie zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Landwirtschaft weniger Aufmerksamkeit bekam.

Problematisch sei auch, dass der MDG-Ansatz nur auf Teilerfolgen basiere. Wenn z.B. die Armut halbiert werde, gebe es viele Menschen, die dadurch dann nicht erreicht werden. Viele der ärmsten Menschen der Welt leben in Ländern, die nicht mehr zu den ärmsten zählen. Ein Beispiel ist Indien, das inzwischen selbst Entwicklungshilfe in anderen Ländern leistet, und dessen "Bedürftigkeit" zunehmend in Frage gestellt wird. Hier sei ein Menschenrechtsansatz erforderlich, denn für jeden Menschen sollten die Menschenrechte gewährleistet sein, nicht nur für einen "Durchschnitt". Auf der Suche nach einem neuen Zielkatalog müsse darüber nachgedacht werden, wie Ungleichheit sich messen und sichtbarer machen lässt.

(Christina Kamp)

Die Veranstalter der Konferenz:

Forschungsrat der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) in Zusammenarbeit mit der Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF), Bonn, und dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Duisburg-Essen

 

Siehe auch:

Auf dem Weg zu einer multipolaren Welt.
Internationale Konferenz "Beyond Crisis - The Future of Global Order(s)" am 1. und 2. Juli 2010 in Bonn

 

 

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  • VEREINTE NATIONEN Heft 6/1994