Ziele für nachhaltige Entwicklung/Post-2015

Millenniums-Entwicklungsziele: Abschlussbericht 2015 vorgestellt

Die Weltgemeinschaft hat "Grund zu feiern". Das ist das Ergebnis des 15. und damit letzten Berichts zur Umsetzung der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs), der am 6. Juli 2015 in Berlin vorgestellt wurde. Laut Richard Dictus, Vertreter für das UN-Entwicklungsprogramm in Deutschland, haben die MDGs zu einer erfolgreichen Armutsbekämpfung geführt, für die es keinen Präzedenzfall in der Weltgeschichte gibt. Der Abschlussbericht sei die "Baseline, von der wir in die Zukunft gehen" und damit besonders wichtig für die Post-2015-Agenda und die nachhaltigen Entwicklungsziele. Denn noch sei die Agenda unvollendet.

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Die acht Ziele in Zahlen

Nach den Messungen des Berichts ist die weltweite Armut in den letzten zwei Jahrzehnten signifikant gesunken. Während 1990 in Entwicklungsländern fast die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben musste, sind es im Jahr 2015 nur noch 14 Prozent. Damit fiel die Zahl der Menschen in Armut von 1,9 Milliarden auf 836 Millionen. Auch die Zahl der unterernährten Menschen ist seit 1990 um mehr als die Hälfte gesunken. Gleichzeitig wächst in den Entwicklungsländern eine "ökonomisch kräftige Mittelschicht", wie Dictus es ausdrückte, die mittlerweile fast die Hälfte der berufstätigen Bevölkerung ausmacht.

Auch bei der Schulbildung verzeichnet der Bericht große Erfolge. Die Zahl der Kinder, die keine Grundschule besuchen, ist seit dem Jahr 2000 um fast die Hälfte auf geschätzte 57 Millionen gefallen. Besonders in Sub-Sahara-Afrika hätten die MDGs zu einem deutlichen Fortschritt geführt, betonte Dictus. Während die Zahl der Schulkinder zwischen 1990 und 2000 nur um 8 Prozentpunkte anstieg, waren es seit Verabschiedung der Ziele ganze 20 Prozent.

Darüber hinaus besuchen heute wesentlich mehr Mädchen eine Schule als noch vor 15 Jahren. "Das Geschlechtergefälle bei der Grundschulbildung wurde beseitigt", so Dictus. Kamen in Südasien früher auf 100 Jungen nur 74 Mädchen, sind es heute 103 Mädchen und 100 Jungen. 41 Prozent der Arbeitskräfte im nicht-landwirtschaftlichen Bereich sind laut dem Bericht Frauen. Und in 90 Prozent der untersuchten Länder haben Frauen in den letzten 20 Jahren mehr Einfluss in den Parlamenten gewonnen. Im Durchschnitt hat sich ihr Anteil fast verdoppelt. 

Eine starke Veränderung misst der Bericht bei der Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren. Trotz Bevölkerungswachstum ist die Zahl seit 1990 von 12,7 Millionen auf 6 Millionen gesunken. Vor allem die Impfung gegen Masern hätte zwischen 2000 und 2014 mehr als 15 Millionen Todesfälle verhindert, sagte Dictus. Rund 84 Prozent der Kinder weltweit erhalten mittlerweile den Impfstoff.

Auch die Müttersterblichkeit ist seit 1990 fast um die Hälfte gesunken. Immerhin 71 Prozent der Geburten werden inzwischen von medizinischem Fachpersonal betreut. Nach tausenden Jahren der kulturellen Exklusion von Frauen von Sozialleistungen sei diese schnelle Veränderung in nur 15 Jahren besonders hervorzuheben, merkte Dictus an.

Im Bereich HIV/Aids ist die Zahl der Neuinfektionen laut Bericht zwischen 2000 und 2013 um 40 Prozent gefallen. 13 Millionen Menschen erhielten 2014 eine antivirale Therapie, zehn Jahre vorher waren es nur 800.000. So konnten rund 7,6 Millionen Todesfälle durch Aids vermieden werden. Auch die Wahrscheinlichkeit an Malaria zu sterben wurde seit dem Jahr 2000 um 58 Prozent gesenkt, unter anderem durch die Auslieferung von 900 Millionen Moskitonetzen. Maßnahmen gegen Tuberkulose sollen sogar geschätzte 37 Millionen Leben gerettet haben.

Der Bericht gibt an, dass ozonschädliche Substanzen seit 1990 nahezu vollständig abgeschafft wurden. "Wir erwarten, dass sich die Ozonschicht bis Mitte des Jahrhunderts erholt", so Dictus. Weltweit konnte in 147 Ländern das Trinkwasserziel verwirklicht werden. Damit haben fast zwei Milliarden mehr Menschen Zugang zu fließendem Wasser.

Schließlich nennt der Bericht Fortschritte bei dem Versuch, globale Partnerschaften für Entwicklung zu fördern. Demnach ist die öffentliche Entwicklungshilfe zwischen 2000 und 2014 um 66 Prozent auf 135,2 Milliarden US-Dollar angestiegen. Fünf Länder erreichten 2014 das Ziel, mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklung auszugeben. Außerdem waren 79 Prozent der Exporte aus Entwicklungsländern zollfrei. 

Die unvollendete Agenda

Trotz dieser Erfolgsmeldungen räumte Dictus ein, dass es noch viele offene Probleme gibt. So würden zwar mittlerweile weniger Menschen in Armut leben. Gleichzeitig habe jedoch die Ungleichheit zugenommen – einerseits zwischen den Ländern, andererseits innerhalb der Länder. "Es gibt ein großes Gefälle zwischen den Ärmsten und den Reichsten, den ländlichen und den städtischen Gebieten", so Dictus. Diese Ungleichheit führe zu ökonomischer und politischer Instabilität und bedrohe damit die Erfolge der MDGs. Insbesondere die bewaffneten Konflikte in vielen Ländern hätten nachhaltige Konsequenzen. "Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass nur fünf Jahre Konflikt 20 oder 30 Jahre Entwicklung zunichtemachen", mahnte Dictus.

Richard Dictus stellte den neuen MDG-Bericht in Berlin vor und bezeichnete die Umsetzung der Ziele als großen Erfolg. Jens Martens kritisierte die Agenda dagegen scharf. Foto: König

Noch schärfere Worte fand Jens Martens, Geschäftsführer des Global Policy Forum, der zur Vorstellung des Berichts geladen war, um eine kritische Perspektive auf die MDGs zu geben. Zwar erkannte er die Erfolge der Agenda grundsätzlich an, diese seien aber nur deshalb möglich gewesen, "weil die Ziele nicht sehr ambitioniert waren". So würden zwar nur noch halb so viele Menschen von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag Leben. "Auch ein Mensch mit 1,26 Dollar am Tag ist aber noch arm", so Martens. Messe man die Armut nach nationalen Standards, würden die Zahlen noch dramatischer aussehen – "nicht nur in Afrika, sondern auch in Deutschland oder den USA". Auch eine globale Mittelschicht mit 4 Dollar am Tag als Messgrundlage halte er nicht für sinnvoll.

Darüber hinaus seien die Ziele zu selektiv gewesen, was zu politischen Fehlanreizen geführt habe. "Man will zum Beispiel, dass mehr Kinder in die Grundschule gehen", erklärte Martens. "Aber können sie am Ende auch lesen und schreiben? Und gehen sie danach auf eine weiterführende Schule?" Der Fokus auf Grundschulen hätte teilweise zu mehr Schulkindern, aber nicht zu mehr Lehrerinnen und Lehrern geführt. Auch seien Investitionen in die Sekundarstufe vernachlässigt worden. "Die Lehre daraus ist, dass wir Probleme ganzheitlich betrachten und auch bei der Qualität ansetzen müssen." Statt nur Moskitonetze zu verteilen, sollten etwa funktionierende Gesundheitssysteme von unten aufgebaut werden.

Insgesamt könnten die MDGs nur als Erfolg gewertet werden, wenn man die globale Ebene betrachte. Das liege jedoch vor allem daran, dass etwa China bereits im Jahr 2000 viele der Ziele erreicht habe. In Afrika seien dagegen die meisten MDGs bis heute nicht umgesetzt worden. Das liege auch an den illegalen Kapitalflüssen, die jedes Jahr aus dem Land geschleust würden. "Wenn dieses Geld in Afrika bleiben würde, hätten wir noch viel mehr erreichen können", kritisierte Martens.

Der Bericht bildet den Abschluss eines 15-jährigen Prozesses. Im September dieses Jahres soll die UN-Generalversammlung mit der Post-2015-Agenda in New York neue Ziele für eine nachhaltige globale Entwicklung verabschieden. Die Lehren aus den MDGs haben die Verhandlungen entscheidend mitbestimmt. Der letzte Bericht ist damit gleichzeitig der Ausgangspunkt für einen neuen Entwicklungsprozess.

Von Hannah König

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