Meinung

Klimawandel und Gesundheit - Ein Kommentar anlässlich des Weltgesundheitstages

Managing Klimawandel: eine Herausforderung in vielfältiger Hinsicht, auch und besonders für die menschliche Gesundheit

Ein Kommentar von Dr. Kerstin Leitner

    1. Im Jahr 1988 schufen die Vereinten Nationen das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Unter der Schirmherrschaft der UNEP (United Nations Environmental Programme (UNEP) wurden internationale Wissenschaftler damit beauftragt, gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse aufzuarbeiten und mit diesen die Regierungen der Mitgliedsländer darüber zu informieren, welche Auswirkungen der Klimawandel haben würde und welche Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden könnten oder müssten, um die schlimmsten Auswirkungen zu vermeiden.  Vielleicht zum ersten Mal in der globalen Geschichte wurde mit dieser Initiative den Politikern weltweit nahegelegt, Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu initiieren, auch dann, wenn diese Entscheidungen gegen gruppenspezifische Interessen laufen. Klimawandel im wirtschaftlichen Sinne rational zu managen heißt, die Kosten und Preise von Produkten und Dienstleistungen im Rahmen eines rational nachvollziehbaren gesellschaftlichen Nutzens festzulegen. Heute, mehr als 30 Jahre nach den ersten Warnungen, dreht sich deshalb die Mehrzahl der politischen Debatten um die Festlegung der Kosten/Preise und des Nutzens.

    2. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit werden in der öffentlichen Wahrnehmung unterbewertet. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon seit Jahren Studien zu diesem Thema vorgelegt hat, gibt es bisher nur wenige medizinische Wissenschaftler weltweit, die den Umweltfaktoren im Allgemeinen und denen des Klimawandels im Besonderen als Ursache für Krankheiten und Todesfälle Beachtung schenken. Deshalb ist es umso mehr zu begrüßen, dass die WHO den diesjährigen Weltgesundheitstag (7.4.) dem Thema des Klimawandels gewidmet hat. Die Wahl des Themas ist vermutlich auch dem Interesse des UN Generalsekretärs geschuldet, der alle UN Organisationen aufgefordert hat, sich des Klimawandels aus der Sicht ihres jeweiligen Mandats anzunehmen. Aber wie gesagt, die WHO hat schon seit Jahren internationale wissenschaftliche Netzwerke ins Leben gerufen, um die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die damit verbundenen Kostensteigerungen für die Gesundheitsversorgung aufzuzeigen.

    3. Als gesicherte Erkenntnisse können die folgenden Auswirkungen angesehen werden: Extrem heißes oder kaltes Wetter führt zu Todesfällen, sei es durch Hitzschläge oder Erfrieren. Zum Beispiel wurden der europäischen Hitzewelle im Sommer 2003 mindestens 27000 Todesfälle, meistens von alten Menschen, zugeschrieben. Wir alle erinnern uns noch an die Auswirkungen von Hurrikan Katrina in New Orleans sowie des Zyklons in Orissa/Indien, und werden die Bilder nicht vergessen, wie die Ärmsten unter der Bevölkerung alles verloren.  Eine zunehmende Zahl von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen (Lungenentzündungen und Erkältungen) gehen auf das Konto von starken Wetterschwankungen. Ungünstige Wetterbedingungen können auch dazu führen, dass Luftverschmutzung sich länger als normal in städtischen Ballungsräumen ansammelt und zur Krankheitsursache wird (Asthma und Entzündungen der Atemwegsorgane). Besonders Kinder sind für diese Gefahren anfällig. Eine zweite als gesichert geltende Auswirkung ist die Veränderung im Wasserhaushalt der Erde, die der Klimawandel bringt. Klimatische Zonen verschieben sich, und damit die Tier- und Pflanzenwelt. Regenfallmengen verändern sich und führen in Verbindung mit der Verschiebung der klimatischen Zonen zu einem veränderten Auftreten von Krankheitsübertragenden Insekten. Zum Beispiel Malaria, die seit den 1940er Jahren in Europa ausgerottet war, erobert Südeuropa zurück. Durch stehendes Wasser nach Überflutungen verbreitet sich die Malaria, wo sie vorher nicht auftrat, z.B. in Accra, der Hauptstadt Ghanas. All dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch keinen erprobten Impfstoff gegen Malaria haben. Vorkehrungen können deshalb nur durch den Mückenschutz erreicht werden, der kostspielig ist und im Falle des Sprühens von DDT auch nicht ungefährlich für die Gesundheit.

    4. Am aller alarmierendsten ist jedoch die Zunahme an Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden. Zwar kann dafür nicht der Klimawandel allein oder in Isolation von anderen Faktoren verantwortlich gemacht werden. Die zunehmende Verunreinigung von Wasser durch die Abwässer der Landwirtschaft, der Industrie und menschlicher Ansiedelung würden auch ohne den Wandel des Klimas  global unsere Trinkwasserreserven in große Bedrängnis bringen. Aber der Klimawandel wirkt beschleunigend. Meeresspiegel steigen, und verursachen eine Kontamination des Süßwassers, das deshalb zusätzlich gereinigt werden muss für den menschlichen Gebrauch oder für die Nutzung der Landwirtschaft. Nicht alle Länder, die davon betroffen sind, können sich diese zusätzlichen Wasseraufbereitungsanlagen leisten. In einigen armen Ländern stellt eine solche Veränderung des Wassers schon eine erhebliche Gefahr für den Fortbestand der landwirtschaftlichen Produktion dar. Das wiederum verschlechtert direkt und unmittelbar die Ernährungslage der betroffenen Bevölkerung. Geschwächt müssen diese Menschen eine neue Lebensgrundlage finden.

    5. Zum Schluss möchte ich noch die größte Niederlage nennen, die der Klimawandel der menschlichen Gesundheit beifügt. Seit dem 18. Jahrhundert wissen wir in Europa, dass viele Durchfall-Erkrankungen durch den Genuss verunreinigten Wassers verursacht werden. Entsprechend wurden sanitäre Systeme eingeführt und verbessert. Ein großer Anteil öffentlicher und privater Entwicklungshilfe wurde darauf verwendet, diese Systeme auch in den Entwicklungsländern einzuführen. Trotz punktueller und manchmal umfassender Erfolge, wie z.B. in China nach 1949, bleibt eine globale Verbreitung sicherer und erschwinglicher sanitärer Anlagen in menschlichen Behausungen oder Gemeinden ein unerfüllter Traum. Selbst die Millennium Development Goals haben ein eher bescheidenes Ziel, nämlich die Anzahl derer, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen haben, bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Im Klartext heißt dies, dass 2015 immer noch weit über eine Milliarde Menschen verunreinigtes Wasser trinken und ihre Abfälle nicht sicher entsorgt werden!  Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen  das Jahr 2008 zum  Internationalen Jahr der Sanitären Grundversorgung ausgerufen.  

    6. Die Auswirkungen des Klimawandels führen nun noch zusätzlich dahin, dass bei Naturkatastrophen Krankheiten wie Cholera wieder auftreten, selbst in Ländern und Gegenden wo es diese Krankheiten seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gab.  Deshalb ist eines schon jetzt zu konstatieren: Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit werden in Zukunft zu einem höheren Gesundheitsrisiko in allen Ländern führen und entsprechende Kosten verursachen. Wir beginnen erst diese Zusammenhänge gut zu verstehen und die entstehenden Kosten für den Einzelnen wie auch die Gesellschaft im Ganzen können wir im Moment nur erahnen.

Zur Autorin: Dr. Kerstin Leitner war über 30 Jahre für die Vereinten Nationen tätig, zuletzt als Beigeordnete Generaldirektorin der WHO. Sie lebt heute in Berlin und ist Lehrbeauftragte an der Freien Universität Berlin.