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Nachruf auf Dr. Helga Timm

Dr. Helga Timm

Dr. Helga Timm

Helga Timm starb am 6. Dezember 2014 im Alter von 90 Jahren in Darmstadt. Sie hat in beeindruckender Weise ihr Leben der Festigung der parlamentarischen Demokratie, der internationalen Verständigung, der Jugendbildung sowie der Stärkung der Frauen in Parlament und Gesellschaft gewidmet. Helga Timm war von 1979 bis 1993 die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN). Zuvor war sie ab 1976 Vorstandsmitglied und seit 1977 Stellvertretende Vorsitzende. Seit 1994 hat sie uns als Mitglied des Präsidiums unterstützt. Wir verneigen uns in Dankbarkeit und Trauer und bewahren  ihr ein ehrendes Andenken.

Helga Timm wurde am 11. Juli  1924 in Hamburg geboren. Sie wurde in ihrer Heimatstadt 1952 mit einer Arbeit zur Parlamentsgeschichte der Weimarer Republik promoviert. Schon ihre erste berufliche Station führte sie in den Bereich der Vereinten Nationen: von 1953 bis 1965 arbeitete sie als einzige deutsche wissenschaftliche Referentin am UNESCO-Institut der Jugend in Gauting. Das  Institut bot ihr die Chance, durch kulturellen und wissenschaftlichen Austausch an der internationalen Integration der jungen Bundesrepublik aktiv mitzuwirken. Später unterrichtete Helga Timm als Dozentin an der Akademie der Arbeit in der Goethe-Universität in Frankfurt junge Gewerkschaftsmitglieder.

Helga Timm, die in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen war, trat bereits 1946 in die SPD ein und gehörte während ihres Studiums dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der damaligen Hochschulorganisation der SPD, an. Aus dieser Zeit in Hamburg stammten auch viele ihrer späteren politischen Kontakte; so war sie ihr Leben hindurch mit Loki und Helmut Schmidt freundschaftlich verbunden. Nach der erfolgreichen Wahl 1969 blieb sie bis 1990 Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Von 1973 bis 1987 war Helga Timm Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion und damit maßgeblich an der parlamentarischen Gestaltung der Regierungszeiten der Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt beteiligt.

In dieser Zeit wurde sie vom SPD-Fraktionsvorsitzenden für den Vorstand der DGVN vorgeschlagen. Als Vorsitzende der DGVN spielte sie eine bedeutende Rolle als Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Parlament bzw. Regierung und forderte nach Kräften das deutsche UN-Engagement. Auch bei höchst kontroversen Fragen, wie dem Austritt der USA aus der UNESCO, besaß sie den Mut, kritische Stellungnahmen von einzelnen Mitgliedern des Vorstands öffentlich zur Diskussion zu stellen.

Richard von Weizsäcker empfängt Helga Timm
Richard von Weizsäcker und Helga Timm (© DGVN)

Nach dem Ende ihrer Zeit als Parlamentarische Geschäftsführerin wurde sie Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und war maßgeblich daran beteiligt, den überparteilichen Konsens zur Gründung des Unterausschuss Vereinte Nationen  zu erzielen, den der Auswärtige Ausschuss seit 1991 in jeder Legislaturperiode neu eingerichtet hat.

14 Jahre hindurch lenkte Helga Timm als Vorsitzende mit Geschick, Umsicht und Engagement die DGVN; sie war stets auf Ausgleich zwischen den unterschiedlichen politischen, fachlichen und regionalen Strömungen in der DGVN bedacht. In ihrer  Amtszeit als Vorsitzende entwickelte sich die DGVN zu einer selbstbewussten Nichtregierungsorganisation und modernen Informationsstelle über die Vereinten Nationen. Dank ihrer parlamentarischen Kontakte ermöglichte sie den personellen Ausbau der DGVN. Unter ihrer Obhut wurde die DGVN-Kommission für internationale Bevölkerungsfragen einberufen. Sie verantwortete sowohl das Engagement der DGVN in  Fragen der internationalen Abrüstung und in der Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit als auch die koordinierende Funktion der DGVN bei der Gründung des Forums Menschenrechte. Ebenso unterstützte sie die internationalen Aktivitäten der DGVN. Die Integration von ehemaligen Mitglieder der DDR-Liga für die Vereinten Nationen nach 1990 hat sie engagiert begleitet. Die Zusammenarbeit mit Helga Timm war durch ihre außerordentliche Verlässlichkeit, durch Vertrauen und menschliche Wärme gekennzeichnet.

Die DGVN verliert mit Helga Timm nicht nur ihre langjährige ehemalige Vorsitzende, die Bundesrepublik Deutschland verliert mit ihr auch eine Demokratin der ersten Stunde, die sich um die internationale Einbindung unseres Landes verdient gemacht hat.