Presseinformationen

Kleine Betriebe, große Bedeutung

Cover The State of Food Insecurity in the World 2014

Cover The State of Food Insecurity in the World 2014

Sie sind die wichtigste Stütze der globalen, landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion: Bäuerliche Familienbetriebe. Von 570 Millionen landwirtschaftlichen Betrieben weltweit können laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agricultural Organization, FAO) über 500 Millionen als bäuerliche Familienbetriebe eingestuft werden (FAO (2013, International Year of Family Farming 2014: Master Plan. Rome, FAO). Sie bilden somit das Grundgerüst der Versorgung der Weltbevölkerung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen – und das in Entwicklungsländern genauso wie in Industrieländern. Die allermeisten der bäuerlichen Familienbetriebe verfügen nur über geringe Anbauflächen: Rund um den Globus bewirtschaften über 410 Millionen landwirtschaftliche Betriebe eine Fläche von weniger als 1 Hektar Land.

Im Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft weist die FAO anlässlich des Welternährungstags am 16. Oktober auf die besondere Bedeutung dieser Form der Agrarwirtschaft hin. Bäuerliche Familienbetriebe leisten weltweit essentielle Beiträge zur Ernährungssicherung, Armutsminderung, zum Schutz natürlicher Ressourcen sowie zur nachhaltigen Lebensmittelproduktion. Die DGVN unterstützt im Jahr 2014 das Anliegen der Vereinten Nationen, die besondere Rolle von kleinbäuerlicher, familienbasierter Landwirtschaft hervorzuheben. Bereits zu Beginn des Jahres wies sie auf einer eigenen Themenseite darauf hin, dass Kleinbauern einige der „wichtigsten Förderer und Anreger der ökologisch nachhaltigen Lebensmittelproduktion“ sind und durch umweltverträglichen Anbau dem Klimawandel und seinen verheerenden Folgen entgegenwirken. Daneben führte die DGVN im August 2014 eine Recherchereise für sechs Journalistinnen und Journalisten regionaler Zeitungen nach Indien durch, um UN-geförderte Projekte in ländlichen Gebieten zu besuchen und über die Herausforderungen sowie die Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen und des Einkommens der Landbevölkerung, insbesondere von Frauen und Jugendlichen, zu berichten.

Unter das FAO-Konzept von „Family Farming“ fallen alle Formen familienbasierter, landwirtschaftlicher Betätigung (Lowder, Skoet und Singh (2014) What do we really know about the number and distribution of farms and family farms worldwide? Background Paper for The State of Food and Agriculture 2014, ESA Working Paper No. 14-02, FAO.). Ob Ackerbau, Forstwirtschaft, Fischerei, Weidewirtschaft oder Aquakultur – wenn die landwirtschaftlichen Betriebe von Familien geführt und überwiegend von Familienangehörigen als Arbeitskräfte bewirtschaftet werden, gelten sie als „bäuerliche Familienbetriebe“. Wie unterschiedlich jedoch die Gestalt von familienbetriebener Landwirtschaft sein kann, wird bei einem Vergleich verschiedener nationaler Definitionen deutlich. Während die offizielle brasilianische Definition beispielsweise nur einkommensschwache Landwirtschaftsbetriebe umfasst, werden nach US-amerikanischer Definition Betriebe unterschiedlichster Größenordnung als bäuerliche Familienbetriebe eingestuft – von der kleinen Farm mit geringem Einkommen bis zum Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen. Dennoch zeigen offizielle Statistiken, dass auch in den USA über 90% aller Familienbetriebe in die Kategorie „small family farms“ (kleine landwirtschaftliche Familienbetriebe) fallen (FAO, 2013, International Year of Family Farming 2014: Master Plan. Rome, FAO).

Hintergrund „Welternährungstag“

Logo World Food Day

Der Welternährungstag, der rund um den Globus am 16. Oktober jeden Jahres begangen wird, wurde im November 1979 von den Mitgliedsstaaten der FAO ins Leben gerufen. Die Ernährungs- und Landwirtschafts- organisation der Vereinten Nationen erinnert mit dem internationalen Tag an ihre eigene Gründung, die am 16.10.1945 stattfand. Ziel ist es, ein globales Bewusstsein für die anhaltende Hungerproblematik und die damit verbundenen menschlichen Leiden zu schaffen. Außerdem soll der Technologietransfer in Entwicklungsländer gefördert sowie durch die mit dem Welternährungstag verbundenen Bewusstseinskampagnen die nationale und internationale Solidarität im Kampf gegen Hunger, Mangelernährung und Armut gestärkt werden.

Die anhaltende globale Hungerproblematik verdeutlicht, wie wichtig es ist, bäuerliche Familienbetriebe und ihre Beiträge zur weltweiten Ernährungssicherung weiter zu fördern und zu stärken. In ihrem jüngsten Bericht zur globalen Ernährungssicherung (State of Food Insecurity in the World 2014, „SOFI-Report“) schätzt die FAO zwar, dass der Hunger in der Welt immer weiter abnimmt und die Zahl der unterernährten Menschen weltweit sinkt. Dennoch waren im Zeitraum 2012-14 noch 805 Millionen Menschen rund um den Globus chronisch unternährt (SOFI-Report 2013: 842 Millionen). Damit sind weiterhin 11,3% der Menschen weltweit auf Dauer von Hunger und Mangelernährung betroffen. Trotz aller Fortschritte – beispielsweise, dass seit dem Zeitraum 1990-92 weltweit über 200 Millionen Menschen weniger unter Ernährungsunsicherheit leiden – macht die FAO deutlich, dass nach wie vor markante und beachtenswerte Unterschiede zwischen einzelnen Weltregionen bei der Bekämpfung des  Hungers bestehen. So verzeichneten beispielsweise Länder in Lateinamerika und der Karibik-Region die größten Fortschritte, während sich afrikanische Länder südlich der Sahara und die Region Westasien dem Ziel der Ernährungssicherheit nur äußerst langsam annäherten. Gerade in diesen Ländern spielen bäuerliche Familienbetriebe eine entscheidende Rolle in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, was die Notwendigkeit der Schaffung von speziellen Fördermaßnahmen und günstigen politischen, regulatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für nachhaltige familienbetriebene Landwirtschaft hervorhebt.

Weiterhin fordern die Vereinten Nationen von ihren Mitgliedsstaaten in Zukunft ein noch stärkeres, nachhaltiges politisches  Bekenntnis zum Ziel der Bekämpfung des weltweiten Hungers. Das Engagement der Geberländer spielt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle: Ihr finanzieller Beitrag zur weltweiten Ernährungssicherung bleibt weiterhin ein entscheidender Bestimmungsfaktor im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. Gefragt ist aber auch ein verstärktes Engagement der betroffenen Länder selbst. Vielfach halten beispielsweise afrikanische Staaten – unter ihnen einige derjenigen Länder, deren Bevölkerung am stärksten von Hunger und Mangelernährung betroffen ist – ihre eigenen Versprechen nicht ein, ausreichend öffentliche Ausgaben in Kernentwicklungsfelder wie beispielsweise Gesundheit, Landwirtschaft oder Bildung zu lenken. Der diesjährige DATA-Bericht der internationalen Lobby- und Kampagnenorganisation ONE weist auf diese Zusammenhänge hin: Im Zeitraum 2008-2010 haben beispielsweise im Durchschnitt nur 8 von 41 afrikanischen Ländern südlich der Sahara das in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo gemeinsam gemachte Versprechen eingehalten, 10% ihres nationalen Haushalts für Landwirtschaft auszugeben. Hätten sich alle Länder an dieses Versprechen gehalten, wären die für ländliche Entwicklung verfügbaren Mittel im genannten Zeitraum um rund 18,5 Milliarden US-Dollar höher ausgefallen. Möglich gewesen wäre dies durchaus: ONE weist flankierend darauf hin, dass sich die gesamten Staatsausgaben in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara seit 2004 verdreifacht haben und inzwischen rund 376 Milliarden US-Dollar betragen (ONE (2014) THE 2014 DATA REPORT: Fighting Poverty and Financing Africa’s Future.).

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Die deutsche Bundesregierung hat sich seit Beginn der neuen Legislaturperiode dem Kampf gegen den weltweiten Hunger und der Durchsetzung des Rechts auf Nahrung verschrieben. Im Koalitionsvertrag vom Herbst 2013 heißt es: „Ziel unserer Entwicklungspolitik ist es, (…) weltweit Hunger und Armut zu überwinden“ (S. 180). Dr. Gerd Müller, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, legte entsprechend von Beginn seiner Amtszeit an einen deutlichen Schwerpunkt auf die Themen Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung. 

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An seinem ersten Tag im Amt, benannte Müller vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Bonn sowohl Ziel als auch Mittel: „Der Koalitionsvertrag beschreibt den Weg: die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft in unseren Partnerländern ist eine zentrale Aufgabe, um dem weltweiten Hunger entschieden entgegenzutreten“. Mit der Gründung der BMZ-Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“, durch die 1 Milliarde Euro pro Jahr für Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung bereitgestellt werden soll, setzte der Minister neue Akzente in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Als Schwerpunkte der Initiative benennt das BMZ die Überwindung von Unter- und Mangelernährung, die Vermeidung von Hungerkrisen, die Entwicklung bäuerlicher Familienbetriebe, den Aufbau von Innovationszentren, den Schutz natürlicher Ressourcen sowie die Förderung eines sicheren und gerechten Zugangs zu Land.

International ist Deutschland einer der größten Beitragszahler an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Programme, WFP). Über die vergangenen fünf Jahre hinweg hat Deutschland insgesamt knapp 810 Millionen US-Dollar für die Nahrungsmittelhilfe des WFP zur Verfügung gestellt und liegt damit auf Rang 6 der größten Geber. Zum Vergleich: Die USA sind mit rund 7,2 Milliarden US-Dollar im gleichen Zeitraum der mit Abstand größte Geber im Bereich der multilateralen Nahrungsmittelhilfe durch das Welternährungsprogramm. Der deutsche Beitrag fiel im Jahr 2014 mit 137 Millionen US-Dollar deutlich geringer aus als im Vorjahr (2013: 230 Millionen US-Dollar) und lag damit ungefähr auf dem Beitragsniveau des Jahres 2009. Auf dem „Future Food Forum“ am 9. Oktober 2014 in Berlin kündigte der parlamentarische Staatssekretär im BMZ Thomas Silberhorn jedoch an, dass sein Ministerium im Jahr 2015 den Etat für Ernährungssicherung auf 1,4 Milliarden Euro erhöhen werde. Ob sich dies auch in einer Wiedererhöhung der deutschen Beiträge an das Welternährungsprogramm niederschlagen wird, bleibt abzuwarten.

 

Von Matthias Böhning

Weitere Informationen zum International Year of Family Farming finden Sie hier hier.

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