UN-Aktuell Entwicklungspolitik

Kleinbauern brauchen mehr Förderung und mehr Mitspracherechte

Man sieht drei Strichmännchen vor einem grünen Kreis mit Getreideähren. Um den Kreis herum steht der Schriftzug "2014 International Year of Family Farming"

Das „Internationale Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft“ eröffnet die Gelegenheit, Initiativen zur Verbesserung der Lebenssituation von mehr als 500 Millionen Bauernfamilien zu ergreifen.

„Dadurch, dass wir beschlossen haben, dieses Internationale Jahr zu begehen, erkennen wir an, dass Familienbetriebe in der Landwirtschaft eine führende Rolle bei der Beantwortung von zwei dringenden Aufgaben haben, vor denen die Welt heute steht: die Verbesserung der Ernährungssicherheit und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen.“ Dies betonte José Graziano da Silva, der Generaldirektor der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, anlässlich der Eröffnung des „Internationalen Jahres der familienbetriebenen Landwirtschaft 2014“. Weltweit betreiben mehr als 500 Millionen Familienbetriebe Ackerbau, Viehzucht und Fischerei. In Asien und Afrika nutzen sie 80 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Ihr Beitrag zur Ernährung der Welt und zur Überwindung von Armut und Unterentwicklung wird oft unterschätzt. Aber drei von vier Menschen in ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer hängen von einer landwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit ab.

Die Initiative für das Internationale Jahr ging von Bauern-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen aus, die die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung und eine umfassende ländliche Entwicklung anstreben. 2011 hat die UN-Generalversammlung diese Initiative aufgegriffen und die FAO beauftragt, die Vorbereitung und Durchführung dieses Internationalen Jahres zu übernehmen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Programmen innerhalb des UN-Systems, die sich mit Themen der landwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung befassen, so das UN-Entwicklungsprogramm UNDP und der „Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung“ (IFAD). Eine wichtige Rolle übernimmt auch das „World Rural Forum“, in dem mehr als 360 zivilgesellschaftliche
Organisationen in allen Regionen der Welt kooperieren, die sich für die Interessen der kleinbäuer-
lichen Landwirtschaft einsetzen.

Ein indonesischer Bauer pflügt mit einem Ochsen ein Reisfeld.
Bauernfamilien leisten harte Arbeit, um ein bescheidenes Einkommen zu erzielen wie dieser Bauer in Indonesien, der mit Ochsen ein Reisfeld pflügt. Mehr Land, staatliche Unterstützung und Beratung würden es den kleinen Betrieben ermöglichen, ihre Erträge stark zu erhöhen und damit einen größeren Beitrag zu Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung zu leisten. Foto: UN Photo/L. Groseclose

Immer noch unterschätzt und vernachlässigt

In den letzten Jahrzehnten haben in den meisten Regionen der Welt industriell betriebene Landwirtschaftsgroßbetriebe an Bedeutung gewonnen, die riesige Flächen mit vielen Maschinen und wenig Personal bearbeiten. Demgegenüber haftet den Familienbetrieben häufig der Ruf an, rückständig zu sein und nur eine geringe Produktivität aufzuweisen. Tatsächlich stehen landwirtschaftliche Familienbetriebe besonders in Entwicklungsländern vor gravierenden Problemen, wie die FAO und andere UN-Organisationen und -Programme anlässlich des Internationalen Jahres betonen. Einem Großteil dieser Betriebe fehlt es an ausreichend großen Anbau- oder Weideflächen, an Kapital, an angepasster Agrartechnik, an genügenden Kenntnissen und an Beratung.

Oft wird neben dem Eigenbedarf an Nahrungsmitteln nur ein geringer Überschuss erzielt, der verkauft werden kann. In schlechten Jahren reicht die Ernte nicht einmal zur Ernährung der Familie bis zur nächsten Ernte aus. Das erklärt, warum mehr als 70 Prozent aller vom Hunger bedrohten Menschen in ländlichen Gebieten zu Hause sind. Fakten zur Situation der Kleinbauernfamilien und zu ihrem Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung sind in einem FAO-Faltblatt zusammengefasst.

Die UN-Agrarexperten und die zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüsse von Landwirten sind überzeugt, dass viele Millionen Familienbetriebe einen weit größeren Beitrag zu Ernährungssicherheit und ländlicher Entwicklung leisten könnten, wenn die Hindernisse für ihre Expansion beseitigt würden. Eine Grundvoraussetzung wäre eine umfassende Landreform, die die Anbau- und Weideflächen der Familienbetriebe vergrößern würden. Stattdessen werden aber in vielen Entwicklungsländern große Agrarflächen an kapitalstarke ausländische Unternehmen verkauft oder verpachtet, die dort unter hohem Maschineneinsatz vor allem Agrarerzeugnisse für die internationalen Märkte anbauen. Dadurch verlieren vielerorts kleinbäuerliche Betriebe ihre Existenzgrundlage, und die Vertriebenen müssen sich als schlecht bezahlte Arbeiter bei den Agrarkonzernen verdingen oder in städtische Slums ziehen.

Die aktuelle „Eine-Welt-Presse“ der „Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ informiert über Fragen der Ernährungssicherheit und der nachhaltigen Umgestaltung der Landwirtschaft. Die Zeitung mit dem Titel „Hunger ist kein Schicksal“ können Sie herunterladen oder gedruckte Exemplare bestellen. Weitere Informationen zur aktuellen „Eine-Welt-Presse“ erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.

Große Ambitionen für das Internationale Jahr

Die UN-Organisationen und -programme sowie die zivilgesellschaftlichen Akteure, die sich an der Durchführung des „Internationalen Jahres der familienbetriebenen Landwirtschaft 2014“ beteiligen, haben sich ein Bündel von Initiativen vorgenommen, um die wirtschaftliche und soziale Situation der Kleinbauernfamilien zu verbessern. Ein Ausgangspunkt ist die Bewusstseinsbildung in den jeweiligen Gesellschaften dafür, welchen Beitrag die Familienbetriebe bereits jetzt leisten und potenziell noch wesentlich stärker leisten können zu Ernährungssicherheit, ausgewogener Ernährung, Armutsbekämpfung, wirtschaftlicher Entwicklung, Beschäftigung und verschiedenen anderen Entwicklungszielen.

Damit sie ihr Potenzial wirklich nutzen können, brauchen diese Betriebe neben ausreichend Land auch eine intensive Beratung insbesondere für nachhaltige Anbaumethoden, die Bereitstellung angepasster Technologie, die Verfügbarkeit günstiger Kredite und den Zugang zu Märkten (u. a. durch die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur). Wie wichtig eine Stärkung und Förderung der Frauen in der Landwirtschaft ist, lässt sich daran ablesen, dass sie in Entwicklungsländern weniger als zwei Prozent des Landes besitzen und weniger als fünf Prozent der ohnehin geringen landwirtschaftlichen Beratung in Anspruch nehmen können.

Eine Landwirtschaftspolitik, die Familienbetriebe ernst nimmt und aktiv einbezieht

Den Beitrag der Regierungen zur Stärkung der Familienbetriebe hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zur Eröffnung des Internationalen Jahres so formuliert: „Regierungen können landwirtschaftliche Familienbetriebe – und besonders Frauen und Jugendliche – dadurch stärken, dass sie eine Politik betreiben, die eine gerechte und nachhaltige ländliche Entwicklung unterstützt.“ Das Internationale Jahr solle genutzt werden, um landwirtschaftliche Familienbetriebe wieder zu einem zentralen Werkzeug der nachhaltigen Entwicklung zu machen.

UN-Programme wie FAO und IFAD sind überzeugt, dass diese Ziele nur erreichbar sind, wenn die Organisationen der Kleinbauern und die übrige Zivilgesellschaft in ländlichen Gebieten in den Dialog über die Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik einbezogen werden. In manchen Ländern muss es darum gehen, dass vonseiten der Regierungen die Bauernvereinigungen endlich als legitime Interessenvertretungen der Kleinbauernfamilien anerkannt werden, denen ein Mitspracherecht bei der Formulierung politischer Schwerpunktsetzungen eingeräumt wird.

José Maria Zeberio, der Exekutivsekretär des „World Rural Forum“ betont: „Unsere Herausforderung und die Verpflichtung im Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft 2014 besteht darin, eine staatliche Politik und deren Umsetzung zu fördern, die die Entwicklung und die Zukunft von Bauernfamilien in aller Welt unterstützen.“

Weitere Informationen zu den Themen des „Internationalen Jahrs der familienbetriebenen Landwirtschaft“ ist in dem Bericht „Feeding the World, Caring for the Earth“ (Die Welt ernähren, Sorge tragen für die Erde) zu finden. Im Internet gibt es ein Portal zum Internationalen Jahr und zusätzliche Informationen u. a. auf den Seiten von FAO und IFAD.

 

Frank Kürschner-Pelkmann

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