UN-Aktuell Menschliche Sicherheit

Kinder in bewaffneten Konflikten

DGVN-Generalsekretärin Dr. Beate Wagner (links) und die Untergeneralsekretärin und Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Kinder und bewaffnete Konflikte, Radhika Coomaraswamy (rechts) Foto: DGVN/Laura Büttner

UN-Sonderbeauftragte Radhika Coomaraswamy zu Gast bei der DGVN

Kinder leiden in besonderem Ausmaß unter gewaltsamen Konflikten: Sie werden als Kindersoldaten rekrutiert, getötet oder sexuell missbraucht. Seit mehr als zehn Jahren ist der Schutz dieser Kinder ein wichtiges Thema auf der Agenda der Vereinten Nationen. Als höchste Repräsentantin auf diesem Gebiet wirbt die Untergeneralsekretärin und Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Kinder und bewaffnete Konflikte, Radhika Coomaraswamy, um internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Rettung der betroffenen Kinder. Sie reist in Konfliktländer, schafft öffentliches Bewusstsein, vertritt ihr Anliegen gegenüber Regierungen und setzt sich für eine bessere internationale Kooperation ein, auch innerhalb der UN. Am 25. Mai war sie zu Gast bei der DGVN in Berlin, sprach über das Engagement der UN, die Rolle des Sicherheitsrats und der Arbeitsgruppe "Kinder und bewaffnete Konflikte" sowie aktuelle Herausforderungen und Fortschritte ihrer Arbeit.

Gewalt gegen Kinder in bewaffneten Konflikten hat viele Gesichter. So berichtete die Sonderbeauftragte Coomaraswamy von der aktuellen Lage in Libyen, wo ebenfalls Kinder als Kämpfer rekrutiert werden und Vergewaltigung als Kriegswaffe einsetzt werde. Die Verhaftung von Kindern in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten, sexuelle Gewalt und Rekrutierungen in Côte d´Ivoire und Somalia und die sogenannten "dancing boys" in Afghanistan sind weitere Fälle, die den Missbrauch von Kindern aufzeigen. Die Zahl der Kindersoldaten weltweit wird heute auf 250.000 geschätzt. Allein in der Demokratischen Republik Kongo wurden im vergangenen Jahr 447 Kinder neu rekrutiert. Darüber hinaus kam es zu 42 Tötungen und Verstümmlungen sowie 141 Fällen sexueller Gewalt durch Sicherheitskräfte und bewaffnete Gruppen.
Aus Sicht der Untergeneralsekretärin sind zwei Entwicklungen besonders beunruhigend: Zum einen werden Kinder und Jugendliche vermehrt als Selbstmordattentäter eingesetzt. Ein drastisches Beispiel ist hier die Rekrutierung behinderter Kinder, der "Birds of Paradise", durch Al Qaida im Irak. Zum anderen sind immer mehr Kinder in Konfliktregionen unter den zivilen Todesopfern bewaffneter Angriffe.

Das Instrumentarium des UN-Sicherheitsrats

Um der Gewalt gegen Kinder in Konflikten zu begegnen, beauftragte der Sicherheitsrat im Jahr 2000 den UN-Generalsekretär mit der Erstellung eines jährlichen Berichts, der die Lage der Kinder erfasst. Er beschloss ein "naming and shaming"-Verfahren, das die Täter öffentlich angeprangert, sowie durch Resolution 1612 (2005) ein Verfahren zur Überwachung und Berichterstattung (monitoring and reporting mechanism), das der Sammlung von Informationen und Veröffentlichung von Länderberichten dient. Diese Berichte werden von der 2005 gebildeten Arbeitsgruppe "Kinder und bewaffnete Konflikte" gesichtet, der alle Sicherheitsratsmitglieder angehören. Darüber hinaus kann der Sicherheitsrat Sanktionen wie Reiseverbote oder Embargos für Kleinwaffen erlassen.
 
Die Sonderbeauftragte lobte die Bemühungen der deutschen Regierung, die in diesem Jahr den Vorsitz der Arbeitsgruppe inne hat, das Thema "Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser" auf die Agenda des Sicherheitsrats zu setzen, das einen Schwerpunkt des kürzlich erschienenen zehnten Jahresberichts des UN-Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten bildet.

Naming and shaming – Die "Liste der Schande"

Der Bericht dokumentiert die weltweite Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten, Tötungen, Verstümmlungen, Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Kinder, Entführungen, die Verweigerung humanitärer Hilfsleistungen sowie Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser durch bewaffnete Gruppierungen. Er formuliert Empfehlungen insbesondere an den Sicherheitsrat, der Druck auf die Konfliktparteien ausüben soll und fordert eine verstärkte Berücksichtigung des Schutzes von Kindern in UN-Friedensmissionen.
Im Zentrum des Berichts steht eine Liste aller bewaffneter Gruppierungen, die Kindersoldaten rekrutieren und/oder Gewalt gegen Kinder ausüben. Die Identifizierung und Nennung konkreter Vorfälle und Täter zeichnet laut Radhika Coomaraswamy die Einzigartigkeit dieses Berichts aus. Aufgrund ihrer Veröffentlichung werden die Täter geächtet und Regierungen unter Druck gesetzt, Maßnahmen zum Schutz der Kinder einzuleiten. 2010 finden sich 57 Gruppierungen in 22 Ländern auf der "list of shame". Im Vergleich zum Vorjahr kamen vier weitere Konfliktparteien hinzu, während keine einzige Gruppierung von der Liste gestrichen wurde. Eine Streichung ist erst möglich, wenn Aktionspläne – beispielsweise zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration von Kindersoldaten (DDR-Programme, disarmament, demobilisation and reintegration) – mit dem Büro der Sonderbeauftragten vereinbart und erfolgreich umgesetzt werden.

Engagement der Sonderbeauftragten für Kinder und bewaffnete Konflikte

Der Bericht zeigt auch Fortschritte auf, die aus der Arbeit der Sonderbeauftragten resultieren. Radhika Coomaraswamy, die bereits auf fünf Jahre Erfahrung in ihrem Amt zurückblickt, sucht dabei den Dialog mit Tätern und Regierungen und unternimmt Länderbesuche. Zuletzt gelang es ihr, einen Aktionsplan mit der afghanischen Polizei zu verabschieden, der eine Entlassung von Minderjährigen aus den Nationalen Sicherheitskräften vorsieht. Auch mit der südsudanesischen Befreiungsarmee SPLA und den Regierungen Ugandas und Tschads gebe es aktuell Gespräche. Insgesamt, so die Sonderbeauftragte, kämen immer mehr Vertreter bewaffneter Gruppierungen auf sie zu, um Aktionspläne zu erarbeiten. Dies sei in erster Linie darauf zurückzuführen, dass diese größtenteils selbst die Regierungsmacht in ihrem Land anstreben und eine internationale Ächtung daher nicht in ihrem Interesse ist.

Einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Missbrauchs von Kindern in bewaffneten Konflikten leistet die Zero under 18-Kampagne, die vom Büro der Sonderbeauftragten gemeinsam mit der Sonderbeauftragten des Generalsekretärs über Gewalt gegen Kinder Marta Santos Pais, dem Kinderhilfswerk UNICEF und dem Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte durchgeführt wird. Ziel ist eine weltweite Ratifizierung des Zusatzprotokolls zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes, betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten bis 2012, das den Einsatz und die Rekrutierung von Kindern unter 18 Jahren in bewaffneten Auseinandersetzungen verbietet. Aktuell haben 141 Staaten das Protokoll unterzeichnet. Seit Beginn der Kampagne im Jahr 2010 konnten bereits 12 Staaten für die Unterzeichnung gewonnen werden.   

Aus Sicht der Sonderbeauftragten Radhika Coomaraswamy besteht zwar innerhalb der Vereinten Nationen besonders durch den Sicherheitsrat ein verbindlicher Rahmen für den Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten. Künftig müssten jedoch mehr Augenmerk auf Sanktionsmechanismen gelegt und mehr Ressourcen für langfristige Programme zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration ehemaliger Kindersoldaten mobilisiert werden.


Weitere Informationen
:

Video "Kinder und bewaffnete Konflikte" (engl.)

Internetpräsenz der Sonderbeauftragten für Kinder und bewaffnete Konflikte

10. Jahresbericht des UN-Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten (engl.)

Fakultativprotokoll zu dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes, betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten

 

(Tina Schmidt)

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