UN-Aktuell Gute Gesundheitsversorgung (SDG 3)

Internet-Apotheken verschärfen globales Drogenproblem

Ein Pillenbehälter ist auf einem Dollarschein asugekippt

Indien, USA, China und Polen zählen zu den Hauptherkunftsländern von per Post verschickten Drogen. © panthermedia.net vladimir voronin

Mehr als die Hälfte aller Produkte von illegalen Online-Apotheken sind gefälscht oder schädlich. Nordamerika bleibt auch 2011 der größte Drogenmarkt der Welt, dicht gefolgt von Europa. 600.000 Menschen müssen allein in Deutschland wegen ihrer Cannabis-Abhängigkeit behandelt werden. Dies sind nur drei der vielen besorgniserregenden Fakten im neuen Jahresbericht des INCB (International Narcotics Control Board).

Hauptanliegen des UN-Kontrollorgans für die Umsetzung der Drogenkontrollabkommen ist in diesem Jahr die Forderung nach stärkeren Bemühungen auf nationaler sowie internationaler Ebene, den Teufelskreis von sozialer Ausgrenzung und Drogenproblemen zu durchbrechen. Drogenmissbrauch und Drogenhandel sind, laut INCB-Bericht, buchstäblich zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Ein breites Spektrum sozialer Probleme wie Gewalt, organisiertes Verbrechen, Korruption, Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildung gehört in Industrie-, Schwellen und Entwicklungsländern zu den Faktoren, die den Kontakt zu Drogen beeinflussen. Auch soziale Ungleichheit, rasche Urbanisierung, verstärktes Kosumdenken und eine sich entwickelnde Überflusskultur sind Herausforderungen, denen die Regierungen effektiv begegnen müssen, um den Konsum von Drogen einzudämmen.

Illegale Internet-Apotheken nutzen soziale Netzwerke, um junges Publikum zu erreichen

Um für ihre Webseiten zu werben, schrecken mittlerweile illegale Internetapotheken selbst nicht mehr davor zurück, in sozialen Netzwerken den Kontakt zu Jugendlichen zu suchen. Zu den wichtigsten Aktivitäten der Internetapotheken gehören das Schmuggeln ihrer Produkte zu den Konsumenten, Akquirierung von Speicherplatz für ihre Webseiten und das Überzeugen der Konsumenten von ihrer angeblichen Legalität. Da über 50 Prozent der dort vertriebenen Medikamente gefälscht oder schädlich sind, ist die Dringlichkeit der nationalen Regierungen umso höher, endlich zu handeln. Als führendes Ursprungsland der dabei verwendeten Substanzen steht Indien besonders unter Druck. Aber auch die Vereinigten Staaten, China und Polen wurden ebenfalls als wichtigste Herkunftsländer ermittelt. Bislang treten die Regierungen diesem Problem nicht mit der nötigen Härte entgegen. Viele Staaten setzen die Richtlinien des Internationalen Suchtstoffkontrollrats nicht um. Auch die Abnehmerländer sind zunehmend gefordert, den Vorschlägen des Rats zu folgen.

INCB-Ratsmitglied Dr. Carola Lander während der Veröffentlichung des neusten Berichts
INCB-Ratsmitglied Dr. Carola Lander während der Vorstellung des neuesten Berichts in Berlin. Foto: Florian Demmler

Kriminalität unter Einsatz von Drogen ist weltweit auf dem Vormarsch

Besonders in Europa stieg die Kriminalität unter Einsatz von Drogen stark an. So genannte psychoaktive Substanzen werden häufig genutzt, um Sexualdelikte und andere Verbrechen zu begehen. Die meist geschmacks- und geruchlosen Stoffe werden den Opfern an öffent- lichen Orten wie Bars und Diskotheken heimlich verabreicht. Vor allem junge Frauen und Männer sind häufig Opfer solcher Verbrechen, die meistens sexuellen Missbrauch oder Prostitution beinhalten. „Date-Rape-Drogen“ wie Flunitrazepam werden dabei oft gar nicht bemerkt, da so gut wie alle Behörden darauf verzichten, routinemäßig eine Blut- und Urinuntersuchung bei allen Vergewaltigungsopfern zu veranlassen. Kriminelle wenden sich mittlerweile jedoch immer mehr so genannten „Designer“-Chemikalien zu, um Substanzen wie Amphetamin herzustellen. Um einer Entdeckung zu entgehen, greifen Drogenhändler immer mehr zu nicht-kontrollierten Stoffen wie Phenylessigsäure. Nach und nach weiten die Behörden ihre Kontrolle auch auf solche Stoffe aus. Mehr als 183 Tonnen Phenylessigsäure wurden 2010 weltweit beschlagnahmt, damit hätte man bis zu 46 Tonnen reines Amphetamin herstellen können. Kanada hat zum Beispiel jegliche Substanzen verboten, die zur illegalen Herstellung von Methamphetamin und MDMA (Ecstasy) verwendet werden können. Doch gerade in Europa bemängelt der Rat eine gewisse Halbherzigkeit in der Bekämpfung solcher Praktiken. Es besteht daher noch viel Nachholbedarf in diesem Bereich.

Afrika ist globaler Umschlagplatz, Nordamerika und Europa größter Drogenmarkt

Der INCB-Jahresbericht bescheinigt, dass sich der Handel mit Kokain aus Südamerika über Afrika nach Europa zu einer großen Bedrohung entwickelt hat. Auch Heroin kommt über Ostafrika auf den Kontinent und wird entweder direkt oder über den Westen Afrikas nach Europa oder Australien geschmuggelt. Zu einer neuen Bedrohung hat sich mittlerweile auch der Schmuggel von Amphetaminen und Stimulanzien aus Afrika in andere Regionen, wie Europa und Australien, entwickelt. Auf dem afrikanischen Kontinent selbst bleibt Cannabis die am meisten missbrauchte Droge, denn in vielen afrikanischen Staaten fehlen noch immer effektive Systeme zur Bekämpfung von Drogenmissbrauch.

Ein schwer bewaffnetes Mitglied von Sicherheitskräften dursucht auf einem Acker einen Mann der mit erhobenen Händen kniet
Die eskalierende Gewalt krimineller Gruppen hat weltweit ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Drogenhandel ist dabei ein entscheidender Faktor. UN Photo/Christopher Herwig

Auch in Nordamerika und Europa ist Cannabis die am meisten produzierte Droge. Auf den beiden größten Drogenmärkten der Welt werden weiterhin Produktion, Handel und Missbrauch von Drogen in großem Umfang betrieben. Die daraus resultierende drogenbedingte Gewalt ist gerade in Mexiko ein erdrückendes Problem. Ungefähr 45.000 drogenbedingte Todesfälle ereignen sich dort jährlich und ein Ende ist nicht in Sicht. Um das Kriminalitätsproblem in den Griff zu bekommen, fordert ein hochrangiges Panel, zu dem unter anderem die ehemaligen Präsidenten von Brasilien (Henrique Cardoso) und Mexiko (Ernesto Zedillo) gehören, Rauschgift kontrolliert freizugeben. Eine gemäßigte Liberalisierung könnte vielleicht so der lateinamerikanischen Spirale der Gewalt ein Ende setzen. Zu diesem Thema äußert sich INCB im Bericht jedoch nicht.

Pablo Solón, Boliviens permanenter Botschafter bei der UN, während der Vorstellung des bolivianischen Änderungsantrags.
Pablo Solón, ständiger Vertreter Boliviens bei den UN, stellt den Antrag seines Landes zur Änderung des Betäubungsmittel-Abkommens vor.

Bolivien tritt aus Betäubungsmittel-Konvention aus

Als „beispiellosen Schritt“ bezeichnet INCB Boliviens Austritt aus dem Einheitsabkommen über Betäubungsmittel von 1961, dem bis heute ca. 180 Staaten beigetreten sind. In diesem Übereinkommen ist das Kokablatt als Betäubungsmittel definiert und daher unterliegt es strengen Kontrollmaßnahmen und Produktionsverboten. Bolivien ist weltweit der größte Koka-Produzent und Boliviens derzeitiger Präsident Evo Morales ist gleichzeitig ehemaliger Gewerkschaftsführer der Coca-Bauern. Das Kauen von Kokablättern gehört in dieser Region zum kulturellen Erbe, daher versucht die bolivianische Regierung mit allen Mitteln, das Kau-Verbot von Koka-Blättern aus der Konvention streichen zu lassen. Selbst eine WHO-Studie bescheinigte, dass der traditionelle Gebrauch von Kokablättern keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Andenbevölkerung hat. Dennoch ist  INCB strikt gegen jede drogenpolitische Ausnahmeregelung, um negative Auswirkungen auf andere Länder zu vermeiden. Im Juni 2011 reichte die bolivianische Regierung offiziell beim INCB-Generalsekretär ihre Kündigung des Übereinkommens von 1961 ein. Diese trat nun am 1. Januar 2012 in Kraft. Jedoch kündigte Bolivien bereits an, der Konvention mit einer formalen Einschränkung bezüglich des Kokablatts wieder beitreten zu wollen. Der INCB sieht mit solchen Maßnahmen vor allem die Integrität des internationalen Drogenkontrollsystems in Gefahr. Es bleibt nun mit Spannung abzuwarten, wie sich die anderen Mitgliedstaaten der Konvention verhalten werden.

Der Internationale Suchtstoffkontrollrat besteht aus 13 unabhängigen Mitgliedern, die vom UN Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) gewählt werden und für jeweils fünf Jahre amtieren. Er ist das Kontrollorgan für die Umsetzung der internationalen Drogenkontrollabkommen der Vereinten Nationen und wurde 1968 gegründet.

Weitere Informationen:

Spiegel online: Artikel zum Thema Drogen und Gewalt in Lateinamerika

INCB-Jahresbericht 2011 (engl)

Florian Demmler

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