Internationaler Kongress zu Ethik und Tourismus

Podium "Tourismus für alle" auf dem UNWTO-Kongress zu Ethik und Tourismus am 28. April 2017 in Krakau

Podium "Tourismus für alle" auf dem UNWTO-Kongress zu Ethik und Tourismus am 28. April 2017 in Krakau (Foto: Christina Kamp)

Ansätze, wie Tourismus nachhaltiger, verantwortungsvoller und inklusiver werden kann, beleuchteten Fachleute aus Tourismuspolitik und -wirtschaft auf dem dritten internationalen Kongress zu Ethik und Tourismus Ende April im polnischen Krakau. Mit einem internationalen Übereinkommen zu Tourismusethik will die Welttourismusorganisation (UNWTO) ethischen Aspekten in Zukunft mehr Gewicht verschaffen. Auch will sie darin ein „Recht auf Tourismus“ festschreiben.

Lange sei es vor allem um Zahlen gegangen, doch der Tourismus habe auch eine starke ethische Dimension, betonte Pascal Lamy, Vorsitzender des Weltkomitees für Tourismusethik, in seiner Einführung. Oder wie es UNWTO-Generalsekretär Taleb Rifai formuliert: „1,2 Milliarden Reisende können 1,2 Milliarden Chancen sein – oder 1,2 Milliarden Katastrophen”. Allerdings beziehen sich diese 1,2 Milliarden auf die „internationalen Touristenankünfte“, die die UNWTO weltweit erfasst. Es geht keineswegs um die tatsächliche Anzahl der Menschen, die international auf Reisen gehen. Moderator Rajan Datar (BBC) machte darauf aufmerksam, dass nur wenige dieser internationalen Reisen von sozial Benachteiligten unternommen werden. Der UNWTO-Ansatz eines „Tourismus für alle“ trägt durchaus dem Anliegen gesellschaftlicher Teilhabe Rechung, folgt aber zugleich einer klaren wirtschaftlichen Wachstumsagenda.

(K)ein Menschenrecht auf Tourismus

„Reisen ist heute zu einem Menschenrecht geworden”, meint Rifai – und würde es gerne als solches festgeschrieben sehen - in einer internationalen Rahmenkonvention zu Tourismusethik.

Ein „Recht auf Tourismus“ gibt es jedoch nicht. Zwar beinhaltet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Artikel 13 „das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen sowie das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren“ sowie in Artikel 24 das „Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub“. Doch ein Menschenrecht auf touristische Reisen in andere Länder lässt sich daraus nicht ableiten.

Dennoch: aufbauend auf ihrem 1999 verabschiedeten „Global Code of Ethics for Tourism“ arbeitet die UNWTO derzeit an einem Entwurf für ein bindendes und wirksameres internationales Übereinkommen, in dem ein „Recht auf Tourismus“ quasi als „logische Folge“ aus dem Recht auf Erholung und Freizeit verankert werden soll.

Tourismus für alle

Als wichtiges ethisches Anliegen will die UNWTO Inklusivität fördern. Beim “Tourismus für alle” geht es zum einen darum, Barrierefreiheit zu gewährleisten, um Menschen mit den verschiedensten Arten von Behinderungen (und damit einem großen Teil der Bevölkerung) gleichberechtigten Zugang zu touristischen Angeboten zu ermöglichen. Ivor Ambrose, Geschäftsführer des European Network for Accessible Tourism (ENAT), geht davon aus, dass Verbesserungen für die Besucher auch für die Menschen vor Ort Fortschritte bringen. Insbesondere müssen aber auch mehr Informationen zur Verfügung stehen, damit Besucher, die auf barrierefreie Angebote angewiesen sind, diese auch leicht finden können.

Zum anderen geht es um sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Wie ein Sozialtourismus aussehen kann, der vor allem sozial schwache Familien einbezieht, zeigte Lee McRonald, International Partnerships Manager bei VisitScotland. In Zusammenarbeit mit einer Wohltätigkeitsorganisation und verschiedenen Tourismusunternehmen ermöglicht VisitScotland Urlaubserfahrungen für arme schottische Familien, die sich keinen Urlaub leisten können. „Wir haben 979 Menschen geholfen, von denen 55 Prozent noch nie zuvor im Urlaub waren. Neben schönen Erinnerungen blicken sie nun auch optimistischer in die Zukunft.

„Tourismus für alle” bringt auch wirtschaftliche Chancen für touristische Zielgebiete. Doch was hat mehr Gewicht – die menschliche Komponente oder die Aussicht, dass er sich auch geschäftlich rechnet? „Wir stellten fest, dass die menschliche Dimension die hilfreichere war“, so McRonald. „Viele Unternehmen wollten im Bereich gesellschaftliche Unternehmensverantwortung etwas vorweisen können“.

Zwischen Wohltätigkeit und Unternehmensverantwortung

Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility – CSR) soll entlang der touristischen Wertschöpfungskette dazu beitragen, die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen. Doch zwischen Wohltätigkeit und verantwortlichen Geschäftspraktiken ist zu unterscheiden. Zum Kerngeschäft gehört zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen Hotelketten und der Kinderrechtsorganisation ECPAT bei der Schulung von Hotelpersonal im Bereich Kinderschutz oder Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen, die dem Interesse der Unternehmen an qualifizierten Mitarbeitern dienen. Auch durch Verbesserung ihrer Energieeffizienz und die Versorgung der Restaurantküchen mit lokalen Produkten nehmen Unternehmen ihre Verantwortung war. Andere engagieren sich eher karitativ, zum Beispiel für Flüchtlingsprojekte oder in der Katastrophenhilfe.

Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit

Ethik, Verantwortung und Nachhaltigkeit hängen eng zusammen. So standen auch das Management von Zielgebieten und den Schutz natürlicher und kultureller Ressourcen auf der Tagesordnung der Ethik-Konferenz. Auch unter dem Druck steigender Besucherzahlen sollen die Gäste positive Erfahrungen machen, unbeeinträchtigt durch lange Wartezeiten oder Dichtestress. Peter DeBrine, Projektmanager für nachhaltigen Tourismus beim UNESCO World Heritage Centre, wies auf die Komplexität des Managements von Welterbestätten hin. Es erfordere wirksame Governance- und Managementmodelle, neue Arbeitsweisen und die Einbeziehung aller Interessengruppen.

Marion Weber, Leiterin des Referats für Tourismuspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, stellte Ansätze für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus in Deutschland vor: die Förderung von Kulturtourismus in ländlichen Regionen und eine Studie über die Sharing Economy und Möglichkeiten zur Regulierung der Vermittlung privater Unterkünfte. In einem Roundtable Human Rights in Tourism kooperieren Tourismusanbieter mit Nichtregierungsorganisationen, um den Schutz der Menschenrechte im Tourismus voranzubringen.

Auf zentrale Probleme, die die Nachhaltigkeit im Tourismus untergraben, wies Xavier Font, Professor für Nachhaltigkeitsmarketing an der britischen Universität Surrey, hin. Durch Tourismus-Marketing werde häufig übermäßiger Konsum gefördert. Um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, müssen die von Touristen zurückgelegten Strecken verringert werden. „Wenn Sie Chinesen einladen, sind Sie für deren CO2-Bilanz verantwortlich”, gab er den Unternehmensvertretern mit auf den Weg. Für mehr Nachhaltigkeit braucht es längere Aufenthalte, optimierte Verkehrsmittel und nahe gelegene Quellmärkte. Zudem müsse eine höhere Kundenbindung erreicht werden. Bislang beziehe sich ein großer Teil des Marketings auf Besucher, die zum ersten Mal kommen. Stammgäste aber würden helfen, die Saisonalität zu verringern und Touristenströme zu entzerren, da sie meist nicht mehr die Hauptattraktionen einer Region besuchen, und schon gar nicht zu Stoßzeiten.

Weitere Informationen:

Global Code of Ethics for Tourism

Christina Kamp

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