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Human Development Report 2015: Arbeit und menschliche Entwicklung

Titelbild Bericht über die menschliche Entwicklung 2015

Bericht über die menschliche Entwicklung 2015

Der neue „Bericht über die menschliche Entwicklung 2015“ des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) beschreibt die positiven Entwicklungswirkungen von Arbeit. Er zeigt aber auch, dass diese voraussetzungsreich sind. Unter dem Titel “Arbeit für menschliche Entwicklung” fordert der Bericht angemessene Arbeitsbedingungen für alle und regt Regierungen an, auch den großen Bereich der Arbeit in den Blick zu nehmen, die außerhalb des Arbeitsmarktes stattfindet.

Unter dem Blickwinkel menschlicher Entwicklung ist das Konzept der Arbeit wesentlich umfassender als es der Fokus auf reine Beschäftigungsverhältnisse erwarten ließe. Arbeit generiert Einkommen, sichert Lebensunterhalt und mindert die Armut. Sie erweitert die Wahlmöglichkeiten der Menschen und ermöglicht gesellschaftliche Beteiligung, stiftet Sinn und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das gilt nicht nur für bezahlte Beschäftigungsverhältnisse, sondern auch für unbezahlte Hausarbeit, Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung sowie freiwillige, ehrenamtliche und kreative Tätigkeiten.

Arbeit kann erfolgreich zur menschlichen Entwicklung beitragen, wenn sie Sicherheit bietet, wenn sie erfüllt und befriedigt, beruflichen Aufstieg, Partizipation und Interaktion ermöglicht und Flexibilität bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Chancengleichheit für Frauen und Männer gewährleistet.

Der HDR 2015 macht aber auch deutlich, dass solche positiven Wirkungen keineswegs automatisch zustande kommen. Einige Formen von Arbeit, wie z.B. Kinder- oder Zwangsarbeit, richten großen Schaden an, weil sie die Menschenrechte und die Menschenwürde verletzen, Freiheit und Selbstbestimmung einschränken und Gesundheitsschäden verursachen.

Rund 830 Millionen Menschen auf der Welt sind so genannte „erwerbstätige Arme“, die mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen müssen. Mehr als 1,5 Milliarden Menschen sind prekär beschäftigt. Über 200 Millionen, darunter 74 Millionen Jugendliche, sind arbeitslos, 21 Millionen Menschen müssen Zwangsarbeit leisten.

Frauen arbeiten mehr – und oft ohne Entlohnung

Ebenfalls problematisch ist die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt. Das gilt sowohl im Erwerbsleben als auch für die vielen unbezahlten Tätigkeiten, die überproportional von Frauen verrichtet werden. Frauen leisten den größten Teil der Hausarbeit: etwa dreimal so viel wie Männer. Sie betreuen und pflegen Angehörige oder arbeiten unbezahlt in Familienbetrieben mit. Durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung in vielen Ländern wird der Altenpflegebedarf zunehmen. Wenn dem nicht mit professionellen Pflegedienstleistungen Rechnung getragen wird, könnten Frauen in Zukunft noch stärker belastet werden. Oft haben sie keine andere Wahl und müssen auf Bildungschancen und Erwerbsmöglichkeiten verzichten.

Auch in bezahlten Beschäftigungsverhältnissen sind Frauen benachteiligt. Sie verdienen durchschnittlich 24 Prozent weniger als Männer und haben weltweit weniger als ein Viertel aller Leitungsfunktionen inne. Insgesamt leisten Frauen 52 Prozent aller Arbeitsstunden, Männer dagegen nur 48 Prozent. „Es muss schnell gehandelt werden, um gegen die tief verwurzelten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten anzugehen“, heißt es in dem Bericht.

Menschenwürdige Arbeit als SDG

Im September 2015 haben die Vereinten Nationen die neuen „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ („Sustainable Development Goals“ – SDGS) sowie entsprechende konkrete Zielvorgaben verabschiedet, die bis 2030 die internationalen Entwicklungsprioritäten definieren und für alle Länder maßgeblich sind. Menschenwürdige Arbeit steht als achtes Ziel mit ganz oben auf der Prioritätenliste.

Wesentliche notwendige Veränderungen in der Arbeitswelt beinhalten laut dem Bericht einen besseren Sozialschutz, existenzsichernde Einkommen, die Stärkung der Gewerkschaften, wirksame Gesetze und Vorschriften, Mindestlöhne und den Schutz von Arbeitnehmerrechten.

Nachhaltige Arbeit: Möglichkeiten für heutige und zukünftige Generationen

Der Bericht skizziert zudem das Konzept „nachhaltiger Arbeit“, die auch die ökologische Nachhaltigkeit stärkt – und damit die menschliche Entwicklung heutiger und künftiger Generationen. Dafür müssen Arbeitsfelder stillgelegt werden, wenn sie nicht zukunftsfähig sind (wie z.B. der Kohleabbau). Diese tiefgreifenden Veränderungen sollten durch Maßnahmen zur sozialen Absicherung unterstützt werden, insbesondere wo viele Menschen von Stilllegungen ganzer Wirtschaftsbereiche betroffen sind.

Andere Bereiche (zum Beispiel das Verkehrswesen) müssen deutlich umweltfreundlicher werden. Wieder andere Arbeitsfelder, wie zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energien, müssen neu geschaffen und gestaltet werden.

Um die Ziele für menschliche Entwicklung zu erreichen, braucht es mehr Arbeitskräfte in dafür relevanten Bereichen, zum Beispiel im Bildungs- und Gesundheitswesen. In dem Bericht wird geschätzt, dass allein im Gesundheitssektor die Zahl der Beschäftigten von 34 Millionen 2012 auf 79 Millionen 2030 steigen müsste.

Grafische Darstellung in vier Quadranten: Politikoptionen für die Stärkung der menschlichen Entwicklung durch Arbeit. (Quelle: HDR 2015, Grafik 8)
Politikoptionen für die Stärkung der menschlichen Entwicklung durch Arbeit. (Quelle: HDR 2015, Grafik 8)

Eine neue Agenda für Arbeit

Um Arbeitsplätze zu schaffen und das Wohlergehen der Beschäftigten zu sichern, schlagen die HDR-Autoren eine dreigleisige Strategie vor:

Erstens brauche es eine neue Vereinbarung zwischen Regierungen, der Bevölkerung und dem Privatsektor, die sicherstellt, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten, insbesondere derjenigen, die außerhalb des formellen Sektors beschäftigt sind, bei der Formulierung von politischen Maßnahmen Berücksichtigung finden.

Zweitens sollte ein globales Abkommen zwischen Regierungen die Rechte und die soziale Sicherung aller Beschäftigten weltweit garantieren.

Drittens kann eine Agenda für menschenwürdige Arbeit, die alle Beschäftigten einbezieht, dazu beitragen, Organisationsfreiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und Menschenwürde in der Arbeitswelt zu fördern.

Menschliche Entwicklung als Orientierungsrahmen

Auch der diesjährige HDR enthält wieder ein Länderranking nach dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI) sowie weitere umfangreiche Statistik-Tabellen. Das Konzept der menschlichen Entwicklung – die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten, die Betonung eines langen, gesunden und kreativen Lebens sowie der Notwendigkeit, Verwirklichungschancen auszuweiten und neue Handlungsoptionen zu schaffen – bietet einen Entwicklungsrahmen, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht.

Arbeit und menschliche Entwicklung. Bericht über die menschliche Entwicklung 2015. Hg. Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Deutsche Ausgabe: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN). New York/Berlin 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-830536-18-5

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Christina Kamp

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