Meinung

Globale Nahrungsmittelkrisen

Für globale Nahrungsmittelkrisen kann in der Vergangenheit die Natur, in der Gegenwart wohl vor allem der Mensch verantwortlich gemacht werden. In der langen Menschheitsgeschichte gab es globale Krisen, weit verbreiteten Hunger und kaum vorstellbare Bevölkerungsverluste, die naturbedingt waren, zum Beispiel durch Eiszeiten, Vulkanausbrüche und Eruptionen, die für Jahre das Wetter veränderten. Regionale und nationale Nahrungsmittelkrisen wurden in der Vergangenheit nicht nur durch wetter- sondern auch durch krankheits- und schädlingsbedingte Ernteausfälle hervorgerufen. Bekannt in Europa ist vor allem die große Hungersnot (great famine) in Irland (1845-49), die zu einer starken Auswanderung (vor allem nach Nordamerika) und ungewöhnlichem Bevölkerungsrückgang führte. Der Grund waren mehrjährige Kartoffelmissernten und Ernteausfälle, hervorgerufen durch einen Mehltaupilz.

In sehr vielen armen Entwicklungsländern hat es immer regionale und saisonale Nahrungsmittelkrisen gegeben, von denen selten berichtet wurde (und in der Vergangenheit auch in den jetzt reichen Staaten). Ackerflächenausweitung und Ertragssteigerungen waren geringer als die wachsende Nachfrage. Erntemengen und eingelagerte Vorräte wurden durch Pflanzenkrankheiten, Schädlinge und schlechte Lagerung verringert und reichten sehr oft nicht für eine angemessene Versorgung von Mensch und Tier bis zur nächsten Ernte. Unterstützung von privater oder gemeinschaftlicher, verlustarmer Vorratshaltung in ländlichen Räumen war (leider!) nie eine Priorität der meisten nationalen Regierungen oder der so genannten Entwicklungshilfe.

Es bestehen kaum Zweifel, dass für die anstehende, globale und sicher langfristige Nahrungsmittelkrise vor allem der Mensch  (und nicht die Natur) verantwortlich ist. Es gibt mehrere Gründe warum es zur jetzigen Krise, oder besser Krisen, kommen musste:
   1) Die Weltbevölkerung wächst weiter stark, und damit der Bedarf und Verbrauch an Nahrungsmitteln. In vielen Ländern hält die einheimische Produktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum schritt. Auch fehlen finanzielle Mittel für notwendige Importe.
   2) Seit Jahrzehnten ist versäumt worden, in vielen Entwicklungsländern mit ihrem hohen ländlichen Bevölkerungsanteil, die einheimische Landwirtschaft und die ländlichen Gebiete genügend zu fördern, um dadurch auch die Eigenproduktion an Nahrungsmitteln zu steigern und die Abwanderung in städtische Ballungszentren zu verringern. Nationale Entscheidungsträger wie auch die Entwicklungshilfeprioritäten in den reichen Ländern und in den internationalen Organisationen, sind dafür mitverantwortlich.
   3) Nahrungsmittelhilfen verändern oft Essensgewohnheiten und haben Importabhängigkeiten geschaffen haben, aber kaum die einheimische Produktion gefördert.
   4) Vor allem in Afrika wurden kleine und große Bewässerungsmöglichkeiten, auch durch „falsche“ Entwicklungshilfeprioritäten, sowohl innerhalb wie auch außerhalb des ländlichen Raumes, nicht genutzt.
   5) Nicht nur die Zahl der Verbraucher nimmt stetig zu, sondern auch der Anteil und die Zahl der Reichen in der Bevölkerung, die ihre traditionellen Essensgewohnheiten ändern (wollen), zum Beispiel im Fleischverbrauch. Damit wird der Verwendung  von Grundnahrungsmitteln als Tierfutter stark gesteigert. Das Angebot an billigen Grundnahrungsmitteln für Menschen – Getreide und pflanzliche Öle – sinkt, die Preise steigen.
   6) Durch steigende Urbanisierung nimmt der Anteil der ländlichen Bevölkerung, und damit der (oft saisonal) unterernährten Selbstversorger, an der Gesamtbevölkerung ab.
   7) Für den Nahrungsmittelanbau nutzbare und oft sehr produktive Flächen werden verstärkt anderweitig genutzt, als billiges Bauland für Menschen und Industrie, für Verkehrswege, als Sport- und Erholungsflächen, aber auch für andere (meistens einkommenssichere und einkommenshohe) Kulturarten (Früchte, Blumen, Drogen), und nicht mehr für die Produktion von Grundnahrungsmitteln. Seit kurzem verdrängen in vielen Ländern auch Kulturen zur Energieerzeugung und -sicherung die einheimische Nahrungsmittelproduktion oder Nahrungsmittel werden dazu genutzt. Damit werden die Importe an Nahrungs- und Futtermitteln, zum Teil aus armen Ländern, gesteigert und stehen dort für Eigenversorgung nicht zur Verfügung. 

In den Debatte über die Nahrungsmittelversorgung wird vor allem der Fleischverbrauch, und in diesem Zusammenhang die Herkunft der Futtermittel für die Fleischproduktion, diskutiert. Der durchschnittliche jährliche Fleischverbrauch in Deutschland liegt bei etwa 90 kg pro Person. Davon stammt mehr als die Hälfte vom Schwein, dann folgt Geflügel und etwa 13 kg sind Rindfleisch. Es wird allgemein angenommen, dass 7 kg pflanzliches Protein verfüttert werden muss, um 1 kg tierisches Protein zu erzeugen. Ein Großteil der in Deutschland verbrauchten Futtermittel stammt aus Entwicklungsländern. Auch die gesteigerte Tierproduktion in vielen als arm eingestuften Ländern für den Verbrauch der steigenden Zahl der Reichen im eigenen Land (und die steigenden Futtereinfuhren der reichen Regionen wie der EU und auch in Deutschland) sind mitverantwortlich für Nahrungsmittelkrisen in einigen Futtermittelexportländern.

Das langfristig größte Problem in der Nahrungsmittelproduktion liegt jedoch in einem anderen Bereich und wird auch die nächste und folgenden Generationen beschäftigen: Pflanzen brauchen zum Wachstum und für eine Produktion gute Ackerböden, Wasser und entsprechendes Klima – aber sie brauchen daneben für hohe Flächenerträge auch pflanzliche Nährstoffe, sog. Mineraldünger. Nicht nur Menschen und Tiere, auch Pflanzen müssen ernährt werden. Für angemessene hohe Erträge müssen Pflanzen vor allem mit Stickstoff, Kali und Phosphaten versorgt werden, mit mehr Nährstoffen als in fast allen Ackerböden vorrätig und langfristig nutzbar sind. Nach dem so genannten. „Haber-Bosch-Verfahren“ wird Stickstoff aus der Luft gewonnen – es besteht kein Mangel. Auch die Kalivorräte reichen für Jahrhunderte. Anders dagegen sieht es bei Phosphaten aus. Die jetzt bekannten Vorräte reichen nur für etwa 100 Jahre. Ohne Mineraldüngung kann die gegenwärtige und potentielle Flächenproduktivität (Ertragsmenge pro Flächeneinheit) auf den meisten Ackerböden nicht gehalten werden. 

Es gibt also ein Spannungsverhältnis zwischen heute anstehenden Fragen menschlicher Ernährung unter sich wandelnden Klimabedingungen einerseits und hinzutretender verringerter landwirtschaftlicher Nutzfläche und anderer Produktionsressourcenmängel (besonders Wasser und pflanzlicher Nährstoffe) andererseits. Wissenschaft, Politik und auch Internationale Organisationen wie die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) müssen deshalb schon heute beginnen, sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, auf welche Weise man aktuellen Nahrungsmittelkrisen vorbeugen kann, und wie sich diese bewältigen lassen.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hat die junge internationale und nationale Hilfe die Ernährungsprobleme der Flüchtlinge, der Armen und einer stark wachsenden, vor allem städtischen Bevölkerung erkannt und auch eine notwendige Steigerung der einheimischen Produktion gefördert. Die FAO war lange Zeit in vielen, besonders den armen Ländern nicht nur die einzige, sondern auch die wichtigste UN-Organisation zur notwendigen Unterstützung einer einheimischen landwirtschaftlichen Produktion. Inzwischen gibt es eine Vielzahl staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen und Organisationen, die auf diesem Gebiet tätig sind. Viele mit nachweisbaren Erfolgen. Gleichzeitig ist festzustellen, dass zur Förderung des ländlichen, landwirtschaftlichen Bereichs in vielen armen Ländern keine Entwicklungshilfe mehr angefordert wird. Der ländliche Raum mit den höchsten Bevölkerungsanteilen hat seit mindestens einem Jahrzehnt auch deshalb einen immer geringeren Anteil an der gesamten bilateralen und multilateralen Entwicklungshilfe erhalten.

Regionale und globale Treffen von Fachleuten, aber auch von Politikern, haben die Weltöffentlichkeit immer wieder auf anstehende und zukünftige Nahrungsmittelprobleme hingewiesen. Praktische Lösungsvorschläge sind kaum gemacht und selten von allen Beteiligten unterstützt worden. Es ist festzustellen – und das gilt für Menschen wie auch für Länder: In den letzten Jahrzehnten sind viele der „Armen“ vergleichsweise ärmer, und die "Reichen" vergleichsweise reicher geworden. In den armen Ländern trifft dies vor allem für den ländlichen  Raum zu und hat zu einer wachsenden Landflucht und zu vielen Problemen in den städtischen Ballungszentren geführt. 

Eine Aufgaben- und Arbeitsteilung auf nationaler und internationaler Ebene für die jetzt anstehenden, und für die auf uns zukommenden Probleme ist nicht erkennbar. Es fehlt nicht so sehr an Mitteln, sondern vor allem an der Bereitschaft, gemeinsam zu handeln. Die Herausforderung von eigenen Prioritäten, Programmen und Projekten zur Verringerung des Klimawandels und der Erhaltung des ländlichen, landwirtschaftlich produktiven Raumes und der Umwelt für die Nahrungsmittelsicherung und Wasserversorgung (global, regional und national) sollte zu mehr Zusammenarbeit führen - und nur an den Erfolgschancen und den Erfolgen gemessen werden. Die FAO kann und sollte hier die Führungsrolle übernehmen.

Zum Autor:
Prof. h.c. (TJ) Dr. Christian Bonte-Friedheim war von 1965 bis 1968 deutscher Experte in der Planungsabteilung des Landwirtschaftsministeriums in Kenia und Assistent des Ministers. Während vieler Jahre (1969 – 1989) war er für die FAO in Rom tätig, u.a. als deren Beigeordneter Generaldirektor für die Hauptabteilung Landwirtschaft, und verantwortlich für das landwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Entwicklungsprogramm. Die deutsche Bundesregierung nominierte ihn 1993 für die Wahl des Generaldirektors der FAO. Von 1990-1997 war er Generaldirektor des International Service for National Agricultural Research (ISNAR), das zur CGIAR (Consultative Group for International Agricultural Research) gehörte. Er ist Ehrenprofessor der Chinesischen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften.

Aktuelle Informationen zum Thema:

-Interview mit dem neuen Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Olivier de Schutter in der Süddeutschen Zeitung

-Task Force des UN-Generalsekretärs 

-Abschlussdokument von Rom