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Flucht aus Libyen

Das Bild zeigt libysche Flüchtlinge

Libysche Flüchtlinge. Foto: A. Branthwaite / UNHCR

Die zunehmende Gewalt und Angriffe gegen Ausländer in Libyen zwingen seit Mitte Februar Tausende von Menschen zur Flucht. Das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) und andere Hilfsorganisationen haben Zeltlager an den wichtigsten Grenzen eingerichtet, wo die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt werden. Die meisten von ihnen sind Migranten, die in Libyen gelebt haben. Nach Möglichkeit wird ihnen die Weiterreise in die Heimat erleichtert. William Swing, Direktor der Internationalen Migrationsorganisation (IOM), sprach von "einer der größten humanitären Evakuierungsaktionen in der Geschichte".

Übergriffe gegen Migranten

Als staatliche Medien vor einigen Wochen die Nachricht verbreiteten, dass Schwarzafrikaner als Söldner für Gaddafis Truppen rekrutiert würden, war vielen klar, dass der latente Rassismus im Land in ein Pogrom umzuschlagen drohte. Viele Ausländer versteckten sich oder flüchteten über die Grenzen. Seit dem 20. Februar wurden an den Grenzen über 350.000 Flüchtlinge gezählt, davon über 178.000 in Tunesien, 147.000 in Ägypten, fast 12.000 in Niger und ca. 9.000 in Algerien (Stand 23. März 2011) – und täglich werden es mehr.

Sie sind der Gewalt und Verfolgung entkommen, doch nicht selten wurden ihnen von libyschen Gangs oder an Straßensperren Handys und andere Wertsachen abgenommen. "Die tun so, als wollten sie Dich umbringen und dann nehmen sie Dir Dein gesamtes Geld ab", erzählten Flüchtlinge dem UNHCR. Sie berichteten auch, dass nigerianische Frauen von Libyern vergewaltigt und entführt worden seien und dass nigerianische Männer von der Opposition "hingerichtet" worden seien, weil sie im Verdacht standen, als Söldner Gaddafi-treuen Truppen zu dienen.

Flüchtlingsschicksale

Viele, die es über die Grenze geschafft haben, haben weder die nötigen Papiere noch das Geld, um nach Hause zu gelangen. In Libyen lebten und arbeiteten nicht nur Migranten aus Nachbarländern, sondern auch viele aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara sowie aus deutlich weiter entfernten Ländern wie Bangladesch, Vietnam oder den Philippinen. Glück hatten diejenigen, deren Heimatregierungen für ihre Evakuierung sorgten und Boote und Flugzeuge zur Verfügung stellen, um sie nach Hause zu bringen. Auch das UNHCR und die IOM haben mit internationaler Unterstützung über 50.000 Arbeitsmigranten, die aus Libyen in die Flüchtlingslager in Tunesien und Ägypten geflohen waren, in ihre jeweilige Heimat gebracht. Doch besonders hart trifft es Flüchtlinge, wie zum Beispiel Somalier, die keine Regierung haben, die sich für ihre Sicherheit verantwortlich fühlt, und die kein Zuhause haben, wohin sie zurückkehren könnten. Libyen ist sowohl Transit- als auch Zielland für Flüchtlinge, darunter Palästinenser und Iraker, Sudanesen, Äthiopier, Eritreer und Ivorer. Viele von ihnen hängen in den Flüchtlingslagern fest.

Libyer auf der Flucht

Inzwischen erreichen auch mehr und mehr libysche Flüchtlinge die Lager. Eine Gruppe ägyptischer Freiwilliger in Marsa Matrouh habe Hilfskonvois in Städte im Osten Libyens organisiert, berichtet das UNHCR. Vor Cafés und Bars in Marsa Matrouh hingen Banner, auf denen die libyschen "Brüder" willkommen geheißen werden. Viele der Libyer, die es über die Grenzen geschafft haben, bleiben nicht in den Flüchtlingslagern. Sowohl Tunesien als auch Ägypten gewähren ihnen die Einreise und viele von ihnen zogen bislang weiter. Mit einer Verschärfung des Konflikts in Libyen und steigenden Flüchtlingszahlen könnten aber auch die libyschen Flüchtlinge bald stärker auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.

Dies gilt auch auf der italienischen Insel Lampedusa, wo die Migranten, die es seit Mitte Januar dorthin geschafft haben, fast alle aus Tunesien stammen. Der Großteil der Migranten habe aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage Tunesien verlassen und sei auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten. Nur die wenigsten suchten internationalen Schutz, heißt es beim UNHCR. Ingesamt seien seit Mitte Januar bereits mehr als 15.000 Tunesier in Lampedusa angekommen, ungefähr zwei Drittel wurden an andere Orte in Italien gebracht. Die Aufnahmebedingungen auf Lampedusa haben sich angesichts des großen Zustroms von Nordafrikanern in den vergangenen Wochen enorm verschlechtert.

Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, dankte Tunesien, Ägypten, Algerien und Niger, die Tausenden von Zivilisten Zuflucht gewähren. "Mit der beeindruckenden Hilfe der Regierungen waren wir in der Lage, die massive und plötzliche Bewegung von Zehntausenden von Menschen zu organisieren", so Guterres. "Doch diese humanitäre Krise ist noch lange nicht vorbei".

Weitere Informationen: UNHCR

(Christina Kamp, Quellen: UNHCR)

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