Gendergerechtigkeit & Frauenrechte (SDG 5) Frauenrechte

Erneut sexuelle Übergriffe auf Frauen in Ägypten

Ägyptische Frauen stehen vor einem Wahlokal Schlange und formen mit den Fingern das Victory-Zeichen.

Junge Ägypterinnen stehen Schlange vor einem Wahllokal. Einer UN-Women-Studie zu Folge haben Vorfälle sexueller Belästigung seit der Revolution zugenommen. Foto: Heba Aly/IRIN

Im Rahmen der Massenproteste der letzten Wochen, kam es in Ägypten wieder zu zahlreichen Übergriffen auf Frauen. Da Militär und Polizei nur tatenlos zusehen, will UN-Women nun mit einer detaillierten Studie und konkreten Handlungsaufforderungen die zukünftigen Autoritäten dazu drängen, die Probleme anzugehen.

Seit Beginn der Demonstrationen anlässlich des einjährigen Jubiläums des Amtsantritts des inzwischen vom Militär abgesetzten Präsidenten Mohamed Mursi haben lokale Gruppen der Zivilgesellschaft, die gegen sexuelle Gewalt und Belästigung kämpfen, über 100 Übergriffe auf Frauen während der Proteste dokumentiert. Daran beteiligt waren die Initiativen „Operation Anti Sexual Harassment/Assault“ (OpAntiSH) und „Harassmap“

Die Übergriffe reichen von verbalen Beleidigungen und Kommentaren über sexuelle Belästigung bis hin zu dramatischen Angriffen ganzer Männergruppen auf Frauen. Dabei berichten die Betroffenen unabhängig voneinander von einem wiederkehrenden Muster der Gewalt. Sie werden von einer Handvoll Männer eingekreist, von Freunden und Begleitern getrennt und dann von Kopf bis Fuß von den Tätern angefasst. Die Männer zerren an ihnen, versuchen - häufig erfolgreich - ihnen die Kleidung vom Leib zu reißen und begrapschen sie an intimen Stellen wie Brüsten und Po. In manchen Fällen wurde von Massenvergewaltigungen berichtet, teilweise mit spitzen Gegenständen, scharfen Klingen oder anderen Waffen.

Das Bild zeigt eine Grafik, die erklärt wo sexuelle Belästigung häufig stattfindet. Während im Nahverkehr regelmäßig Übergriffe passieren, kommt dies in Einkaufszentren seltener vor.
Auszug aus der UN-Women-Studie: Diese Grafik fasst zusammen, an welchen Orten sexuelle Belästigung stattfindet. Quelle: UN Women

UN-Women veröffentlicht Studie

Doch was bei den Demonstrationen auf schockierende Weise an die Öffentlichkeit tritt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Eine Studie der UN-Frauenorganisation UN-Women vom April 2013 kommt zu dem Ergebnis, dass 99,3 Prozent der befragten Frauen in Ägypten bereits eine Form der sexuellen Belästigung im Alltag erlebt haben. 59,9 Prozent geben an, bereits Opfer physischer Übergriffe geworden zu sein - Zahlen, die vor Augen führen, wie weit verbreitet das Problem ist. Die Täter werden in den seltensten Fällen belangt.
 
Dabei kommt Frauen in Ägypten eine zentrale Rolle innerhalb der Gesellschaft zu. In zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren sie sich nicht nur für Frauenrechte, sondern für die ganze Bandbreite der Menschenrechte. Schon zu Beginn der Revolution vom 25. Januar 2011, die den Sturz von Präsidenten Husni Mubarak auslöste, demonstrierten sie gemeinsam mit Männern an vorderster Front für den Regimewechsel.

Dennoch werden sie bis heute rechtlich nicht ausreichend geschützt. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International  und Human Rights Watch fordern wiederholt, ein Diskriminierungsverbot von Frauen in der ägyptischen Verfassung zu verankern und Gesetze abzuschaffen, die Frauen gegenüber Männern stark benachteiligen - unter anderem im Straf-, Familien- und Erbrecht.

Auf dem Bild sind Frauen zu sehen, die mit großen Plastikkanistern Wasser für ihre Familien holen.
Der Studie zu Folge sind Frauen aller gesellschaftlichen Schichten von sexueller Belästigung betroffen. Auf dem Bild sind Frauen aus den Armenvierteln Kairos beim Wasserholen zu sehen. Foto: Amr Emam/IRIN

Versäumnisse und Verantwortung der Politik

Amnesty International kritisiert weiter, dass die Parteien weder in der Vergangenheit noch aktuell die sexuellen Übergriffe verurteilen und trotz mehrfacher Ankündigungen keine wirkungsvollen Schritte zur Bekämpfung sexueller Gewalt eingeleitet haben. Stattdessen wurde den Frauen in der Vergangenheit wiederholt von Politikern und Mitgliedern des inzwischen aufgelösten ägyptischen Oberhauses sogar selbst die Hauptschuld an den Übergriffen gegeben. Human Rights Watch prangert dies in einem aktuellen Bericht ebenfalls an und kritisiert, dass die Parteien die Übergriffe dazu instrumentalisieren, um zu „belegen“, dass ihre politischen Gegner und die Demonstranten „Kriminelle“ seien. Dafür haben Mitglieder der Muslimbrüder sogar die Namen betroffener Frauen in sozialen Netzwerken veröffentlicht, ohne diese zuvor um Erlaubnis zu fragen. Dies hat zu einer zusätzlichen Verletzung der Privatsphäre und zur Stigmatisierung der Opfer geführt.

Auch Lakshmi Puri, die derzeitige Vorsitzende von UN-Women, kritisierte am 9. Juli 2013 die Situation in Ägypten und betonte erneut die wichtige Rolle von Frauen im politischen und gesellschaftlichen Leben des nordafrikanischen Landes. Sie fordert eine Null-Toleranz-Grenze für jede Form der Gewalt gegen Frauen.

Wer auch immer in Zukunft die Geschicke Ägyptens leiten wird: Die politischen Machthaber müssen, beginnend mit der jetzigen Übergangsregierung unter Präsident Adly Mansour, endlich ihren internationalen Verpflichtungen nachkommen und Frauen wirksam vor geschlechtsspezifischer Gewalt im Alltag und im privaten Raum schützen.

Ägypten ist Mitglied des UN-Zivilpakts und der Frauenrechtskonvention, doch bis jetzt haben es die bisherigen Präsidenten Mubarak und Mursi sowie der Militärrat, der nach dem Sturz Mubaraks 17 Monate das Land regierte, versäumt, die darin enthaltenden Verpflichtungen zum Schutz von Frauen sowie das Diskriminierungsverbot von Frauen durchzusetzen. Es ist daher dringend notwendig, dass die kommenden Machthaber die Rechte von Frauen auf oberste Priorität ihrer politischen Agenda setzen, damit Frauen in Ägypten endlich ohne Angst vor sexueller Belästigung und geschlechtsspezifischer Gewalt und ohne Diskriminierung durch Männer am politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozess teilnehmen können.

Die UN-Women-Studie "Study on Ways and Methods to Eliminate Sexual Harassment in Egypt"

Alexia Knappmann

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