Meinung

Drastischer Umbau des UN-Entwicklungsprogramms:

Helen Clark, Leiterin des UNDP

Helen Clark, Leiterin des UNDP (UN Photo/Evan Schneider)

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme – UNDP) steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Im Oktober 2013 hatte der aus 36 Mitgliedstaaten – darunter Deutschland – bestehende Exekutivrat des UNDP einen neuen Strategieplan für die Jahre 2014 bis 2017 verabschiedet. Der Titel „Changing with the World“ (Sich mit der Welt wandeln) ist dabei Programm. Neben der Verständigung auf mittelfristige Ziele für die Wirkung des UNDP geht es in dem Plan vor allem auch um das „Wie“. Wie kürzlich bekannt wurde, verbirgt sich dahinter ein umfassendes Paket von internen Organisationsreformen. Die geplanten Umstrukturierungen sehen dabei eine drastische Dezentralisierung der Organisation und einen Personalabbau im großen Umfang vor.

Die Vereinten Nationen und neue Entwicklungsherausforderungen

Die Anforderungen an die Entwicklungszusammenarbeit – Hauptbetätigungsfeld und Daseinszweck des UNDP – haben sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Globale, anstelle nationaler Herausforderungen wie die Begrenzung des Klimawandels, das Management von Finanz- oder Migrationsströmen oder nachhaltige Ressourcennutzung nehmen immer mehr Raum ein. Ihre Bearbeitung ist für zukünftige Entwicklungschancen aller Länder entscheidend. Dieser Trend ist eng verknüpft mit der Debatte um nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals), die Ende 2015 im UN-Rahmen verabschiedet werden sollen. Vor diesem Hintergrund kündigt sich ein tiefgreifender Umbau des UN-Entwicklungssystems an, in dessen Zentrum das UNDP steht.

UNDP als „primus inter pares“

Dem UNDP kommt eine besondere Führungsrolle innerhalb des UN-Entwicklungssystems zu. Das in New York ansässige Entwicklungsprogramm ist mit einem jährlichen Budget von fünf Milliarden US-Dollar und mehr als 170 Länderbüros die größte Organisation unter dem Dach der Vereinten Nationen. Die Administratorin, die ehemalige Premierministerin Neuseelands Helen Clark, bekleidet das dritthöchste Amt in den Vereinten Nationen. Der gesamte Haushalt des Entwicklungsprogramms kommt dabei aus freiwilligen Beiträgen der Mitgliedstaaten.

Gegründet 1966, sollte das UNDP ursprünglich vor allem der Koordinierung und Ressourcenverteilung innerhalb des UN-Entwicklungssystems dienen. So beheimatet das UNDP bis heute die Länderkoordinatoren in den Partnerländern und die Administratorin Helen Clark sitzt der 1997 ins Leben gerufenen UN-Entwicklungsgruppe (UN Development Group) vor, die der Koordinierung innerhalb des UN-Entwicklungssystems dient.

Die Arbeit des UNDP geht mittlerweile aber weit über bloße Koordinierung hinaus. Das UNDP leistet zum Beispiel auch Beratung, Schulung und technische Hilfe, zunehmend mit Schwerpunkt auf den am wenigsten entwickelten Ländern. Die Organisation beschäftigt für diese Tätigkeiten etwa 6400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen rund 1100 in New York arbeiten.

Strukturwandel des UNDP

Die Umsetzung der strukturellen Reformen begann Anfang 2014 und ist auf 18 bis 24 Monate angelegt. Mit einem geplanten Personalabbau von zehn Prozent für die gesamte Organisation und etwa 30 Prozent am Amtssitz in New York stehen dabei tiefe Einschnitte an.

Die Reformen sollen der strukturellen Anpassung an neue inhaltliche und strategische Ziele dienen, die der 36-köpfige Exekutivrat des Entwicklungsprogramms vergangenen September im Rahmen des Strategieplans beschlossen hat.

Wichtiger Bestandteil dieses Planes ist eine weitgehende Dezentralisierung. Internationale Vereinbarungen wie auch die Entwicklungsforschung zeigen deutlich, dass die Rolle und Verantwortung (ownership) der nationalen Regierungen für den Erfolg von Entwicklungsmaßnahmen entscheidend sind. Diesem Mantra entsprechend sollen Entscheidungsbefugnisse auf die Länderebene übertragen werden. Das jetzige 60:40-Verhältnis der Stellen in New York zu denen in Länderbüros und regionalen Zentren soll dabei zu einem 40:60-Verhältnis umgekehrt werden. Durch die Verschiebung von Unterstützungs- und Beratungsfunktionen in seine Außenstellen erhofft sich Clark eine wirksamere und zielgerichtetere Organisation.

Sparmaßnahmen und Effizienzsteigerungen sind ebenfalls Ziele der Umstrukturierungen. Eine vergleichende Studie zur Leistungsfähigkeit multilateraler Organisationen des britischen Entwicklungsdienstes DFID kam 2013 zu dem Ergebnis, dass eine komplexe Personal- und Verwaltungsstruktur die Schlagkräftigkeit des UNDP unterläuft. Neben dem Personalabbau ist deshalb auch eine Reduzierung von Führungspositionen geplant. Dopplungen sollen beseitigt und operative Vorgänge und Abteilungen konsolidiert und koordiniert werden. In Schwerpunktbereichen wie Süd-Süd Koordinierung, Programmgestaltung oder Qualitätssicherung sollen hingegen Stellen ausgebaut werden.

Beaufsichtigt werden die strukturellen Reformen von einer neugegründeten Einheit mit internen und externen Mitarbeitern sowie von einer Gruppe aus Führungspersonal, der die im Mai ernannte Beigeordnete Administratorin María Eugenia Casar vorsitzt.

Fazit: Form folgt Funktion?

Auf Mitarbeiterproteste reagierte Helen Clark mit einem Rundschreiben. Darin teilte sie mit, dass die Kürzungspläne vor allem auf den Exekutivrat zurückgehen würden. Andere Stimmen vermuten allerdings auch, dass sich Clark mit einer grundlegenden Reform für das Amt des Generalsekretärs qualifizieren will. Die zweite Amtszeit von Ban Ki-moon läuft Ende 2017 aus; das Geschacher um den Spitzenposten beginnt bereits sehr viel früher.

Mit diesen weitgreifenden Strukturreformen könnte das UNDP innerhalb der UN-Entwicklungszusammenarbeit einen Präzedenzfall schaffen. Angesichts neuer Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit sowie der bevorstehenden Agenda für nachhaltige Entwicklung („Post-2015“) werden große Teile der UN-Entwicklungszusammenarbeit ihre Strukturen an neue Funktionen anpassen müssen. In Zeiten anhaltender Wirtschaftsprobleme in vielen Geberländern wird dabei neben verbesserter Koordinierung und Wirksamkeit auch Effizienzsteigerung eine Priorität sein; gerade für Organisationen, die sich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren.

Timo Mahn und Sophie Hermanns

 

Autor und Autorin

Timo Mahn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in der Abteilung Bi- und Multilaterale Entwicklungspolitik. Er arbeitet in einem Forschungs- und Beratungsprojekt zur Reform des Entwicklungssystems der Vereinten Nationen.

Sophie Hermanns studiert internationale Beziehungen und Politikwissenschaften im Master an der University of North Carolina, Chapel Hill, Sciences Po, Paris und der Humboldt-Universität zu Berlin. Zurzeit arbeitet sie als Praktikantin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in der Abteilung Bi- und Multilaterale Entwicklungspolitik.

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