UN-Aktuell

"Die Welt kann nicht auf die USA warten"

Achim Steiner. UNEP Chef steht in der Natur und lehnt sich an einen Photovoltaik Panel

Achim Steiner, Executive Director des UNEP (Foto: unep.org)

Bei der dritten Climate Lecture der TU Berlin am 14. November 2011 gab sich der Direktor des Umweltprogramms der UN (UNEP), Achim Steiner, hinsichtlich der Bekämpfung des Klimawandels insgesamt sehr optimistisch. Er zeigte auf, dass sich Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf der einen, sowie Wirtschaftswachstum und Entwicklung auf der anderen Seite nicht ausschließen, dass neues Wirtschaften Wachstum und Entwicklung sogar begünstigen und verstärken. Auf Staaten, die Chancen des Klimaschutzes leugnen, könne die Welt nicht warten.

Der UN-Umweltchef Steiner lobte auch das deutsche Engagement im Bereich der erneuerbaren Energien. Er nannte mit China, Südkorea und Kenia explizit weitere Staaten, die massiv auf Green Economy setzen - eine ökologisch nachhaltige Ökonomie, z.B. im Bereich des Transports, aber auch der Energiegewinnung und Energieeffizienz. Gerade China sei zwar der weltweit größte Emittent von CO2, habe in den letzten Jahren aber auch enorme Anstrengungen unternommen, um zukunftsfähiges, klimaschonendes Wirtschaften zu ermöglichen. Das Land hätte auch sein in Kopenhagen gesetztes Ziel, pro BIP-Einheit CO2 zu reduzieren, bereits erreicht. Auch in Kenia setze man verstärkt auf Thermoenergie, Photovoltaik und Windkraft. Alle genannten Staaten könnten dabei zugleich ein stark positives Wirtschaftswachstum vorweisen.

Steiner drängte die restlichen Regierungen der Welt zu handeln, solange es noch aus Vernunft möglich sei. Die Zeit rase, um den Wandel im weltweiten Wirtschaften zu bewältigen. Der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würde allein 84 Länder direkt betreffen, große Teile globaler Küstenstädte wie Lagos, Kapstadt und andernorts würden unter dem Meeresspiegel versinken. Naturkatastrophen und Dürren hätten 2010 42 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und es ist damit zu rechnen, dass diese Zahl in Zukunft wächst. "Der Klimawandel betrifft die ganze Welt!", betonte er. "Wir leben inzwischen in einer so stark vernetzten Welt, dass die Dürre oder Flut in einem Teil der Erde Lieferketten und Rohstoffmärkte weltweit bedroht". Diese Märkte könnten den Schutz des Planeten aber nicht, wie teilweise propagiert wird, allein mit den Mechanismen von Angebot und Nachfrage regeln. Es bedürfe einer massiven Unterstützung durch staatliche Regulierungsmaßnahmen. Dazu gehöre auch eine ökologische Steuerreform. Steiner sprach sich dafür aus, nicht nur den Faktor Arbeit mit Steuern zu belasten, sondern auch Umweltzerstörung zu bestrafen. Eine CO2-Steuer könnte sowohl das Klima schützen, als auch die Haushalte der verschuldeten Staaten sanieren.

Zuvor hatte Klimaforscher und Weltklimarat (IPCC)-Mitglied Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in in seiner Einführungsrede betont, dass Wissenschaft nur dafür da sei, aufzuklären und Fakten zu liefern, es aber nicht ihre Aufgabe sei, Entscheidungen abzuleiten oder zu treffen. Dies liege in der Hand von Regierungen und Politikern. Er verwies darauf, dass selbst eine von der klimaskeptischen, US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung finanzierte wissenschaftliche Untersuchung zum Ergebnis gekommen sei, dass die Klimadaten des IPCCs korrekt sind. Dies müsse auch die letzten Leugner des Klimawandels überzeugen und den durch kompromittierende E-Mails erlittenen Vertrauensverlust gegenüber dem IPCC korrigieren. Es sei bedauerlich, dass darüber in den Medien kaum berichtet wurde.

Klimapolitik als Projekt von 190 Staaten

Achim Steiner, Sascha Hingst und Ottmar Edenhofer stehen nebeneinander an einem Büffettisch während einer Veranstaltung
v. links: Achim Steiner, Moderator Sascha Hingst (RBB), Ottmar Edenhofer (Foto: Jean Mikhail, DGVN)

In einer abschließenden Diskussion brachte Edenhofer Steiners Positivbeispielen auch ein paar pessimistische Zahlen entgegen. So betrage der erneuerbare Anteil am Weltenergieverbrauch weiterhin nur 13%, 10% davon durch die Nutzung von Biomasse. Letztere bringe wiederum Interessenskonflikte mit der Nahrungsmittelversorgung, der Artenvielfalt und dem Schutz des Regenwaldes mit sich, welche selbst wiederum aber auch durch den Klimawandel bedroht sind. Das Hauptproblem sei allerdings die weltweite Renaissance der Kohle als Energieträger. Steiner ergänzte, dass auch die Förderung und Nutzung von Erdöl weiterhin weltweit mit insgesamt ca. 500 Milliarden Dollar subventioniert werde, was eine "Absurdität unseres Wirtschaftssystems“ sei. So schaffe dies einen großen Anreiz dafür, fossile Brennstoffe gegenüber den erneuerbaren Energie-Alternativen zu bevorzugen. Mit dieser Geldsumme könnten stattdessen enorme Fortschritte in der Green Economy erreicht werden.

Zwei Wochen vor den offiziellen UN-Klimaverhandlungen in Durban bremste er allerdings die Erwartungen: Dort sei keine globale Einigung auf verbindliche Maßnahmen zu erwarten. Dennoch sieht der UN-Umweltchef die Klimapolitik nicht als gescheitert: "Wir versuchen eine Weltklimapolitik mit über 190 Nationen" - verständlich, dass dieses historische Projekt etwas länger brauche. Es sollte die Menschen aber nicht davon abhalten, diesen Weg weiterzugehen.

Dies konkretisierte Steiner in seiner spontanen Antwort auf eine Publikumsfrage bezüglich des schwachen amerikanischen Engagements im Bereich des Klimaschutzes. Von den USA sei in den nächsten zehn Jahren kein Kurswechsel zu erwarten, da Umwelt- und Klimafragen dort innenpolitisch völlig ideologisiert worden seien - durch die grundsätzliche Debatte um die Freiheit des Einzelnen und Eingriffe des Staates. Die Welt könne es sich aber nicht leisten, im Tempo der langsamsten voranzuschreiten. Europa, Asien und der Rest der Welt dürften nicht auf die USA warten, sondern sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Die Vereinigten Staaten würden dann früher oder später auch erkennen, dass Green Economy Wirtschaftswachstum nicht ausschließt, sondern sogar begünstigt.

Jean Mikhail

(Ein Video der gesamten Rede von Achim Steiner finden Sie hier, das lose Transkript von Achim Steiners Rede hier, jene von Ottmar Edenhofer hier)

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