DGVN-Nachrichten Veranstaltungsbericht

Die Herausforderung eines gewollten Kulturwandels - Veranstaltungsbericht zum Mittagsgespräch am 09.11.15

Das Podium: von links nach rechts, Siggelkow, Burgermeister, Rohde und Deligöz, Foto: DGVN

Veranstaltungsbericht zum Mittagsgespräch am 9.11.15 zum Thema "Die Nachhaltige Entwicklungsagenda – Chance und Herausforderung für junge Menschen in Deutschland"

Im September 2015 wurden die sogenannten Sustainable Development Goals, kurz SDGs, von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Diese siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung sollen auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene eine bessere Zukunft gestalten. Ein Fokus liegt auf dem Wirtschaftswachstum sowie auf der Erhöhung des Lebensstandards und der Chancengleichheit aller Menschen. Zudem sollen die Menschenrechte und ein nachhaltiges Management natürlicher Ressourcen, sowie der Erhalt von Ökosystemen besser durchgesetzt werden. Die Ziele treten am 01. Januar 2016 in Kraft, sind als Nachfolger der Millennium-Entwicklungsziele (MDG) ebenfalls 15 Jahren gültig und werden deshalb auch unter dem Titel „Agenda 2030“ zusammengefasst. Anders jedoch als ihre Vorgängerziele sind die SDGs universell und betreffen damit alle Länder weltweit, auch Deutschland.

 

Die Jugend als Zentrum zukünftiger Debatten

Ein wesentlicher Punkt betrifft die  Menschen innerhalb dieses Entwicklungsprozesses, da sie „das Zentrum einer nachhaltigen Entwicklung“ seien, so die Vereinten Nationen. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang vor allem die Jugend, nicht nur, weil sich die Ziele auch der Bekämpfung von Kinderarbeit und der Verbesserung von Bildungschancen widmen, sondern auch, weil Jugendliche die zukünftigen entscheidenden Akteure und Akteurinnen sind.

Aus diesem Grund hatte die DGVN den Chancen und Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklungsagenda für junge Menschen in Deutschland am 09.11.15 ein Mittagsgespräch gewidmet: Unsere Gäste Ekin Deligöz (MdB von Bündnis 90/Die Grünen, im Vorstand von UNICEF Deutschland sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Bernd Siggelkow (Gründer und Vorstand des christlichen Kinder- und Jugendwerks "Die ARCHE" e.V.) und Jasmin Burgermeister (UN-Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung 2015), diskutierten unter der Moderation von Patrick Rohde in der Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg in Berlin. 

 

 

Jasmin Burgermeister und Patrick Rohde, Foto: DGVN
Ekin Deligöz, Foto: DGVN
Das Podium, Foto: DGVN
Bernd Siggelkow, Foto: DGVN

 

 

Armutsbekämpfung als Grundstein der Nachhaltigkeit 

Ausführlich diskutiert wurde das fünfte Ziel der Agenda 2030, das sich der Bekämpfung von Armut widmet. Vor allem Bernd Siggelkow betonte die auch in Deutschland herrschende Armut unter Kindern, die sich nicht nur in Geldnot zeige, sondern sich auch durch mangelnde Fürsorge oder Lebenschancen ausdrücke. Es sei „eine politische Aufgabe, Rahmenbedingungen für ein gutes Aufwachsen zu schaffen“, so Ekin Deligöz, denn Einkommen und Arbeit seien mehr als nur bloßes Geldverdienen. Sie schüfen Akzeptanz und einen Status in unserer Gesellschaft. Häufig fehle jedoch eine Perspektive – für Erwachsene, aber auch für Jugendliche. Auch der Gründer der ARCHE e.V. bestätigte die häufig fehlenden Vorbilder für junge Erwachsene. Jasmin Burgermeister hielt fest, dass Nachhaltigkeit „vorgelebt“ werden müsse. Dies impliziere sowohl ein politisches Programm, wie auch die Überarbeitung des Lehrplans in Schulen und das vorbildliche Verhalten jeder/s Einzelnen. In Gesprächen mit Jugendlichen stelle sie außerdem fest, so die UN-Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung, dass durchaus sehr großes Interesse für politisches Engagement und Nachhaltigkeit bestehe, es bräuchte nur ein „Wachkitzeln des Verantwortungsgefühls“. Ekin Deligöz forderte die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe für Jugendliche. Hier sei die Politik gefragt, die die Infrastruktur für ein solches Mitgestalten schaffen müsse. Chancengleichheit werde meist nicht gelebt und vor allem benachteiligte Kinder und Jugendliche würden nicht gehört werden, bekräftigte Bernd Siggelkow. „Wie sollen sie (die Jugendlichen) also teilhaben?“, fragte er.

 

 

Ein Versprechen, das verpflichtet

Gerade aus dem Publikum wurde immer wieder die aktuelle Politik der Bundesregierung kritisiert, die sich zum einen den nachhaltigen Entwicklungszielen verpflichte und zum anderen dem widersprechende Abkommen wie TTIP fördere. Angeordnete Deligöz betonte, die SDGs seien auf keinen Fall als „Entwicklungshilfe“ oder „Ablasshandel“ zu verstehen. Dies sei auch bei der kommenden Klimakonferenz in Paris zu beachten. Auch Bernd Siggelkow betonte: „Ein Versprechen das wir geben, muss auch eingehalten werden“. Herausfordernd ist dabei, so das Fazit aller Beteiligten, dass die Entwicklungsziele nicht nur Systeme ändern müssten, sondern auch der Mensch selbst sich in seinem Verhalten hinterfragen müsse. Diese Verpflichtung zu einem gesteuerten Kulturwandel sei eine Chance, aber auch schwer zu erfüllen. Eine besondere Rolle hat die Generation, die bei Beendigung der Agenda „mitten im Leben stehe“, denn wie Jasmin Burgermeister betonte: „Wir sind noch jung und noch lange auf der Erde!“

Und so nimmt man aus einem spannenden und anregenden Mittagsgespräch für sich vor allem die Fragen mit, welches Erbe wir zukünftigen Generationen überlassen und was für ein Vorbild wir selbst sind. Denn wie der DGVN-Vorsitzende Detlef Dzembritzki treffend bei seiner Einführung feststellte: „Der Charme der (…) Nachhaltigkeitsziele  liegt ja darin (…), dass alle gefordert sind – auch wir – ihre Hausaufgaben zu machen um zu entscheiden, ob der Planet zu retten ist, oder nicht zu retten ist.“

 

 

Julia Baumann