Veranstaltungsbericht

"Developing a New Urban Agenda": Transformation durch Urbanisierung

Joan Clos steht während seines gestenreichen Vortrages am Rednerpult.

Joan Clos: „Gute Urbanisierung ist wie ein Slow-Food Gericht“. ©Dunja Basic/DGVN

Am vergangenen Donnerstag, den 29.01.2015, lud die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen in die Saarländische Landesvertretung beim Bund ein, um mit dem Exekutivdirektor von UN-Habitat (dem UN Programm für menschliche Siedlungen) Joan Clos und Bärbel Höhn (MdB, Bündnis 90/Die Grünen) über zukünftige Chancen und Herausforderung der nachhaltigen Stadtentwicklung – insbesondere im Hinblick auf die im Jahr 2016 stattfindende HABITAT-III Weltkonferenz – zu debattieren. Nach der Begrüßung durch den stellvertretenden DGVN-Vorsitzenden Jürgen Klimke überlies dieser dem UN-Habitat Exekutivdirektor das Rednerpult. Im Anschluss daran moderierte Peter Seidel vom Kölner Stadtanzeiger die Podiumsdiskussion.

Die doppelte Herausforderung der Urbanisierung

Clos eröffnete seinen Vortrag mit beeindruckenden Statistiken: 55 Prozent der Weltbevölkerung lebe heutzutage bereits in Städten. Auch weiterhin sei mit einem rapiden Anstieg zu rechnen, da sich die städtische Bevölkerung nach den derzeitigen Berechnungen in 30 bis 40 Jahren verdoppeln wird. Außerdem steige der Energiebedarf von Menschen, die aus ländlichen Regionen in urbane Räume umsiedeln, um das Zehnfache. Wenn der Klimawandel also effektiv bekämpft werden soll, dann kommt man – so Clos – nicht umhin, sich mit Urbanisierung auseinanderzusetzen. Die Welt steht dem Exekutivdirektor zufolge somit einer doppelten Herausforderung gegenüber: zum einen der rapiden Zunahme von Menschen, die in Städten leben, und zum anderen der damit einhergehenden zusätzlichen Belastung für das Weltklima.

UN-Habitat: Entwicklung und Klima zusammen gedacht

Dass Länder des Globalen Südens ebenfalls Prosperität erreichen möchten (was mit einem gesteigerten Energieverbrauch einhergeht), ist laut Clos ein allzu nachvollziehbares Bestreben. Die Länder des politischen Nordens haben ihm zufolge kein Recht, diesen Wunsch zu verwehren, weil die Welt bereits überbelastet sei. Er folgerte daraus vielmehr, dass ein Paradigmenwechsel von spontaner, ungeplanter Urbanisierung mit all ihren Folgeproblemen hin zu geplanter Projekturbanisierung zwingend notwendig sei.  In bildlicher Sprache erklärte Clos, dass gute Urbanisierung ein "Slow Food" Gericht ist – kein "Fast Food". Darüber hinaus müsse die Dichte der Städte (auch in den Industriestaaten) deutlich um das Zwei- bis Dreifache erhöht werden, um der zunehmenden Verstädterung gewachsen zu sein.
Allerdings sei nicht jede geplante Urbanisierung auch nachhaltig und lebenswert. Er räumte ein, dass es durchaus geplante und dennoch schlechte Urbanisierungsprojekte gibt. So dürfe nicht vergessen werden, dass auch in Städten der Industrieländer teilweise erhebliche Problemlagen vorliegen. Mit Blick auf vergangene Ausschreitungen in den Pariser Banlieues, in Londons Vorstädten und sogar in Problemvierten Stockholms, der Hauptstadt des in sozialen Belangen häufig als Vorzeigeland betitelten Schwedens, erinnerte Clos daran, dass Urbanisierung ein globales Thema ist, das nicht nur für den globalen Süden Relevanz besitzt. Urbane Probleme der entwickelten Welt seien insbesondere der demografische Wandel, die Unbezahlbarkeit von Wohnraum und der sehr hohe Energiekonsum der Stadtbevölkerung.

Der dreibeinige Ansatz

Aufgabe von UN Habitat sei es, Regierungen dabei zu helfen, ihre urbane Politik nachhaltiger zu gestalten. Dabei werde der sogenannte dreibeinige Ansatz angewendet: Wichtig sei, dass die politische Konstruktion stimme bzw. eine Form von Regeln und Regularien existiere (1). Auch solle Stadtplanung den Bedürfnissen der Menschen Rechnung tragen (2) sowie eine adäquate finanzielle Planung (3) aufweisen.

Bärbel Höhn, Peter Seidel und Joan Clos im Gespräch auf dem Podium
Bärbel Höhn, Peter Seidel und Joan Clos (v.l.n.r.) diskutieren Fragen aus dem Publikum. ©Dunja Basic/DGVN

Städtebau vorausgedacht: Ausrichtung auf erneuerbare Energien und Bürgerbeteiligung

Im Anschluss an Clos‘ Ausführungen stellte Bärbel Höhn, die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, ihre Vorstellung von gelungener Stadtentwicklung vor. Ihrer Meinung nach sollte die Planung von (neuen) Städten auf erneuerbare Energien ausgerichtet werden. Städte sollten generell menschlicher werden: Wir, so Höhn, brauchen lebenswerte Städte mit vielen Möglichkeiten der Kommunikation (z.B. Plätze, Parkanlagen), um kreatives Potenzial entwickeln zu können. Eine nachhaltige Stadtplanung sei zwar wichtig, Städte sollten jedoch nicht nur am Reißbrett geplant werden, sondern auch die Bevölkerung mit einbeziehen und sich daran orientieren. Sie müssten für den Menschen gebaut werden, nicht die Menschen sollten sich anpassen. Höhn blickte insgesamt optimistisch in die Zukunft, denn wer hätte vor ein paar Jahrzehnten damit gerechnet, dass der Anteil an regenerativen Energien inzwischen bereits so groß ist. Auch die Preisreduktion von Photovoltaiktechnologie um 85% in der letzten Dekade hätte so niemand erwartet.

Stärkung lokaler Gebietskörperschaften

Die beiden Panelisten Clos und Höhn waren sich einig, dass eine gute Regierungsführung sowie Korruptionsbekämpfung Grundbedingungen für nachhaltige Stadt- und Raumplanung sind. Insbesondere lokale Gebietskörperschaften (z.B. Stadtverwaltungen) seien, so betonte Clos auf Nachfrage aus dem Publikum, besonders wichtig. Er sprach in diesem Zusammenhang von „empowerment of local authority“: Sie müssten dort, wo sie existieren, gestärkt werden, andernorts dringend aufgebaut werden.

Gibt es bereits Positivbeispiele?

Angesprochen auf Positivbeispiele hinsichtlich nachhaltiger Stadtentwicklung machte Clos deutlich, dass er gegen ein zu starres Festhalten an „Best Practices“ ist. Vielmehr sei er für Praktiken, die in einer konkreten Situation funktionieren und diese seien in der Regel nicht verallgemeinerbar wie Kochrezepte. Clos mahnte, dass genuin lokale Lösungen gefunden werden müssen und dass es unabdingbar ist, die lokalen Umstände zu berücksichtigen.
Höhn hingegen nannte die kolumbianische Stadt Medellín als gutes Beispiel, wie sich Städte zum Positiven wandeln können. Es ist ihrer Meinung nach durchaus lehrreich, die Komponenten des erfolgreichen Wandels genau unter die Lupe zu nehmen, um daraus für die Zukunft Lehren zu ziehen.


Thore Nottelmann

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