Stadt & Land

Das unglaubliche globale Potential der 'New Urban Agenda'

Metro Cable - Die Seilbahn in Medellín verändert das Gesicht der Stadt (© Jonas Freist-Held)

Metro Cable - Die Seilbahn in Medellín verändert das Gesicht der Stadt (© Jonas Freist-Held)

Metro Cable - Die Seilbahn in Medellín verändert das Gesicht der Stadt (© Jonas Freist-Held)

Metro Cable - Die Seilbahn in Medellín verändert das Gesicht der Stadt (© Jonas Freist-Held)

Ein Kommentar von Jonas Freist-Held

“Entwicklungszusammenarbeit ist so modern wie nie zuvor”, sagte Kanzleramtschef Peter Altmaier noch auf dem Zukunftskongress des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Mitte September in München. Was für die Entwicklungspolitik im Allgemeinen gilt, gilt für urbane Entwicklung erst recht.

Mehr als 30.000 Menschen aus aller Welt nahmen vom 17.-20. Oktober an der Habitat III-Konferenz in Quito, Ecuador, teil – darunter Start-Ups, NGOs, junge Aktivistinnen und Aktivisten, Unternehmen, Städte und Regierungsmitglieder aus aller Welt. Die Vielfalt der Teilnehmenden spiegelte sich in einer großen Menge an Side-Events – Diskussionsveranstaltungen neben dem Hauptplenum –, Installationen und Ausstellungen wider, die das Areal der Konferenz im Herzen der ecuadorianischen Hauptstadt füllten.

Als alles begann

Als 1976 Urbanisierung mit der Habitat I-Konferenz in Vancouver das erste Mal auf die internationale Agenda rückte, war es noch ein Randthema. Durch rasant ansteigende Migrationsbewegungen in Städte wurde damals die Notwendigkeit internationaler Kooperation in diesem Bereich erkannt. 37,9 Prozent der Menschen lebten vor vierzig Jahren in Städten. Heute sind es bereits 54,5, bis 2050 könnten es sogar 80 Prozent sein. Während 1976 noch über die Risiken von wachsenden Städten debattiert wurde, standen auf der Habitat III-Konferenz die Potentiale im Mittelpunkt.

Städte bedecken zwar nur 2 Prozent der globalen Erdoberfläche, aber sie sind auch verantwortlich für 70 Prozent des BIP, 60 Prozent des Energieverbrauchs, 70 Prozent der Treibhausgase und des Mülls. In Städten pulsiert das Leben. Sie sind Orte der Innovation und Kreativität, der Kultur und Kunst, der Erholung und Erschöpfung, sie sind bunt und lebendig. Aber sie sind auch Orte von Armut und Elend, Anonymität und Ausgrenzung, von wachsendem Verkehr und Umweltverschmutzung. Städte sind der Lebensmittelpunkt von immer mehr Menschen. Deshalb gilt: Wir müssen die Zukunft unserer Städte aktiv und vorausschauend gestalten.

Die Handschrift der Zivilgesellschaft

Unterstützung für die #safercities für Mädchen-Kampagne von Plan International (© Jonas Freist-Held)
Unterstützung für die #safercities für Mädchen-Kampagne von Plan International (© Jonas Freist-Held)

Die Debatten auf der Habitat III-Konferenz inkorporierten den Geist der Zeit. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen beeinflussten die New Urban Agenda, die von den Mitgliedsstaaten der UN in Quito verabschiedet wurde, stark. Hauptziel der Agenda sind lebenswerte Städte, die auf die Wünsche und Bedürfnisse aller Menschen eingehen. Dafür bedarf es mehr und inklusiveren öffentlichen Raum, der für Menschen aller sozialen Gruppen und Menschen jedes Alters zugänglich ist, innovative und nachhaltige Verkehrskonzepte, die der wachsenden Umweltverschmutzung den Kampf ansagen und Wohnungsbau, der nachhaltig, weil inklusiv und ökologisch ist.

Städte müssen sichere Orte sein. Das gilt für externe Bedrohungen wie Umweltkatastrophen oder Terrorismus, aber auch für interne Gefährdungen wie organisierte Kriminalität. Diskriminierung und Sexismus wird der Kampf angesagt. Städte, die für Mädchen und Frauen nicht sicher sind, sind für niemanden lebenswert.

Der größte Erfolg zivilgesellschaftlicher Bewegungen ist die Aufnahme des „Right of the City – das Recht auf die Stadt“ in die New Urban Agenda. Seit mehr als 50 Jahren setzt sich die Bewegung für eine globale Vision sozialer, inklusiver und partizipativer Städte ein, die von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt, gestaltet und genossen werden dürfen. Insbesondere für junge Menschen müssen Partizipationsmöglichkeiten geschaffen werden, die über das bloße Mitmachen hinausgehen, sondern sie als Entscheidungsträger auf Augenhöhe anerkennen. Die Welt war nie jünger als heute.

Untrennbar – die New Urban Agenda und die Agenda 2030

Die Agenda trägt ohne jeden Zweifel die Handschrift einer global vernetzten und aktiven Zivilgesellschaft sowie einer kosmopolitischen Jugend, die seit der Förderung des scheidenden UN-Generalsekretärs Ban Ki-moons, zu einer globalen Bewegung heranwächst. Darin liegt das unheimliche Potential dieser Agenda, denn: sie ist ganz schön ambitioniert und ohne aktive Akteure vor Ort, kaum umsetzbar.

Da viele der globalen Probleme – wie Klimaverschmutzung, Ressourcenverschwendung, Armut oder Ungleichheit – in Städten ihren Ursprung haben, gilt es auf lokaler Ebene anzupacken. Ganz nach dem Motto „think global, act local“. Habitat III war nicht nur die erste Implementierungskonferenz der neuen Nachhaltigkeitsziele – ohne die Umsetzung der in Quito beschlossenen Ziele ist ein Erfolg der Agenda 2030 unmöglich. Die beiden Agenden bedingen sich. Die New Urban Agenda geht weit über das Nachhaltigkeitsziel 11 zu nachhaltigen Städten hinaus. Sie ist ein Querschnittsthema.

Verantwortung auf breiten Schultern verteilen

In Zeiten, in denen viele Menschen Angst vor Veränderungen verspüren, die eine immer globalisiertere Welt mit sich bringt, bietet die New Urban Agenda unheimliches Potential. Partizipative Städte schaffen ein oft vermisstes Identifikationsgefühl und geben Bürgerinnen und Bürger gleichzeitig die Möglichkeit, lokal Entscheidungen zu treffen und Herausforderungen globalen Ausmaßes in Angriff zu nehmen – und das unter dem Dach der Vereinten Nationen.

Was zunächst paradox klingen mag, ist die eigentliche Stärke der New Urban Agenda: Städte sind die kleinste Regierungseinheit und am nächsten an den Wünschen, Bedürfnissen und Problemen der Menschen dran. Gleichzeitig bietet der globale Rahmen der Vereinten Nationen einen kohärenten Ansatz und eine Plattform, um Best-Practice Beispiele auszutauschen und die Verantwortung auf breite Schultern, die über die nationalen Regierungen hinausgehen, zu verteilen. Um die New Urban Agenda zu einem echten Erfolg zu machen, muss aus dem Motto „think global, act local“ nur noch mehr als eine Floskel werden. In Quito wurde der erste Schritt gemacht. Jetzt kommt es auf die Umsetzung der Agenda an – und da sind wir alle gefragt.

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