Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung (SDG 8) UN-Aktuell Rio+20

„Das gegenwärtige globale Entwicklungsmodell ist nicht nachhaltig.“

Blick auf die Teilnehmer während der Beratungen

Beratungen im „High-Level Panel on Sustainable Development“. Foto: UN Photo/Ky Chung

„Ich habe die nachhaltige Entwicklung zur obersten Priorität meiner zweiten Amtszeit gemacht.“Dies betonte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am 30. Januar 2011 bei der Präsentation des Berichtes „Robuste Menschen – robuster Planet, für eine lebenswerte Zukunft" (Resilient People, Resilient Planet, A Future Worth Choosing) in Addis Abeba/Äthiopien.

Vorbereitet worden war der Bericht vom „High Level Panel on Global Sustainability“ (Hochrangige Gruppe zu Globaler Nachhaltigkeit), dem 22 Persönlichkeiten aus allen Regionen der Welt angehören. Der Bericht ist Teil des Vorbereitungsprozesses für die Rio+20-Konferenz zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung im Juni 2011 in Rio de Janeiro/Brasilien.

Nachhaltigkeit – nicht zuletzt eine Frage von Armutsbekämpfung und Gerechtigkeit

In dem UN-Bericht wird betont, dass es beim Thema nachhaltige Entwicklung vor allem auch um Fragen von Armutsbekämpfung und sozialer Gerechtigkeit geht.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Tarja Halonen geben sich die Hand
Tarja Halonen, eine der beiden Vorsitzenden des Panels, und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Foto: UN Photo/Evan Schneider

Die finnische Präsidentin Tarja Halonen, eine der beiden Vorsitzenden des 2010 eingerichteten Panels, betonte bei der Vorstellung des Berichtes: „Die Beseitigung von Armut und größere Gerechtigkeit müssen Prioritäten der Weltgemeinschaft bleiben.“ Sie fügte hinzu: „Das Panel ist zum Ergebnis gekommen, dass die Stärkung (empowerment) von Frauen und die Sicherstellung ihrer stärkeren Mitwirkung in der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung sind.“

Diese Themen haben auch eine prominente Position in den 56 Empfehlungen des Berichtes. Der Bericht knüpft in seinen Analysen und Vorschlägen an den „Brundtland-Bericht“ an, der vor 25 Jahren unter Leitung der früheren norwegischen Premierministerin Gro Harlem Brundtland an, der mit seinen Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung die damalige Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsdebatte stark beeinflusst hat, nicht zuletzt die UN-Konferenz für eine Nachhaltige Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro.

Im jetzt vorliegenden Bericht wird im Blick auf die Ergebnisse des „Brundtland-Berichtes“ betont: „Die Notwendigkeit der Integration der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Dimensionen von Entwicklung, um Nachhaltigkeit zu erreichen, wurde vor einem Vierteljahrhundert klar zum Ausdruck gebracht. Es ist nun Zeit, dass dies auch geschieht.“ Es gelte, die gegenwärtigen Möglichkeiten zu erkennen und alte Probleme mit neuen Augen zu betrachten.

Abschied vom gegenwärtigen Entwicklungsmodell

Das Panel der Persönlichkeiten aus aller Welt hat die längerfristige Vision, „Armut zu beseitigen, Ungleichheit zu vermindern, alle am Wachstum teilhaben zu lassen, Produktion und Konsum nachhaltiger zu gestalten, den Klimawandel zu bekämpfen und weitere Begrenzungen des Planeten zu respektieren“. Denn, so heißt es in dem Bericht: „Das gegenwärtige globale Entwicklungsmodell ist nicht nachhaltig.“

Wie kann der Übergang zu einer anderen Form des Wirtschaftens erfolgen? Dazu wird im Bericht festgestellt: „Nachhaltige Entwicklung ist kein Zielpunkt, sondern ein dynamischer Prozess der Anpassung, des Lernens und des Handelns. Es geht dabei um eine Wahrnehmung, ein Verständnis und ein Handeln hinsichtlich miteinander verwobener Prozesse – vor allem solcher Prozesse zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und natürlicher Umwelt.“ Die Autorinnen und Autoren des Berichts halten es für falsch, Entwicklung lediglich anhand der Zunahme des Bruttosozialprodukts zu messen. Sie setzen sich dafür ein, einen neuen „Nachhaltigen Entwicklungs-Index“ zu erarbeiten.

Millenniums-Entwicklungsziele und Menschenrechte verwirklichen

Die erste der 56 Empfehlungen des Berichtes betont die Notwendigkeit, dass die Regierungen der Entwicklungsländer und die Geldgeber die Anstrengungen verstärken, die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zu erreichen, besonders werden die Beseitigung von Armut und die Verminderung von Ungleichheit genannt. Dies wird als „top priority“ auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung bezeichnet. Zu den Empfehlungen gehören auch die Verwirklichung eines allgemeinen Zugangs zu schulischer Bildung bis 2015 und die Schaffung eines Globalen Bildungsfonds. In einer weiteren Empfehlung werden die Regierungen aufgefordert, die Menschenrechte zu respektieren, zu schützen und ihre Inanspruchnahme zu ermöglichen.

Einbeziehung des Privatsektors

Die Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung erfordert, wird im Bericht festgestellt, große Finanzmittel sowohl aus privaten als auch aus öffentlichen Quellen. Es gelte deshalb, Anreize dafür zu schaffen, privates Kapital für eine nachhaltige Entwicklung zu investieren. Einer der Vorschläge lautet: „Regierungen und Wirtschaft sollten strategische Partnerschaften miteinander und mit lokalen Gemeinschaften aufbauen, um nachhaltige Entwicklungsinvestitionen zu verwirklichen.“ Wirtschaft und Regierung sollten außerdem gemeinsame Anstrengungen zur Förderung junger „start-up“-Unternehmerinnen und -Unternehmer ergreifen. Ebenso sollte gemeinsam versucht werden, eine umfassende Mitwirkung von Frauen am Wirtschaftsleben zu erreichen, was für alle wirtschaftlichen Nutzen erbringen würde.

Eine afrikanische Frau hält ein Fischernetz in der Hand. Im Hintergrund viele kleine Boote und Fischer.
Größere Mitwirkungsmöglichkeiten von Frauen dienen der umfassenden, nachhaltigen Entwicklung. Am Albertsee in der Demokratischen Republik Kongo ist eine Beteiligung von Frauen am Fischfang erreicht worden. Foto: Zahra Moloo/IRIN

Gleichberechtigte Partizipation der Frauen unverzichtbar

Im Bericht wird die Auffassung vertreten: „Jede ernsthafte Veränderung in Richtung auf eine nachhaltige Entwicklung erfordert Gender-Gerechtigkeit.“ Deshalb werden die Regierungen aufgefordert, ihre eingegangenen Verpflichtungen im Blick auf Gleichberechtigung und Frauenrechte stärker als bisher in die Praxis umzusetzen. Ausdrücklich erwähnt werden u.a. der gleichberechtigte Zugang von Frauen zu Ressourcen, die gleichen Rechte bei der Mitwirkung an politischen Entscheidungsprozessen sowie der Zugang zu finanzierbaren Formen der Familienplanung und der Gesundheitsversorgung.

Wissenschaft und Politik müssen enger verbunden werden

„Es wird Zeit für entschlossene Anstrengungen zur Stärkung der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Politik, darunter für den Start einer bedeutenden wissenschaftlichen Initiative.“ Dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu Fragen einer nachhaltigen Entwicklung bisher so wenig Einfluss auf politische Entscheidungen haben, wird an verschiedenen Stellen des Berichtes angesprochen, und es werden entschiedene Schritte gefordert, dies zu ändern. So wird u.a. empfohlen: „Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um die Verbindung zwischen politischen Entscheidungsträgern und der Wissenschaft zu verstärken, um eine informierte politische Entscheidungsfindung in Fragen der nachhaltigen Entwicklung zu ermöglichen.“

Ein wichiger Beitrag der Wissenschaft kann nach Auffassung der Mitglieder des Panels darin bestehen, zu einer Festlegung der Preise für Güter zu gelangen, die die tatsächlichen Kosten berücksichtigt: "Die meisten Güter und Dienstleistungen, die heute verkauft werden, enthalten nicht die vollständigen ökologischen und sozialen Kosten von Produktion und Konsum. Die Wissenschaft kann die Grundlage dafür schaffen, dass wir im Laufe der Zeit einen Konsens über Methoden erreichen, zutreffende Preise zu bestimmen. Externe Umweltkosten zu berücksichtigen, kann neue Möglichkeiten für grünes Wachstum und grüne Jobs eröffnen."

Erforderlich ist nach Auffassung der Panel-Mitglieder auch ein allgemeiner Zugang zu (erneuerbarer) Energie bis 2030, u.a. als Grundlage für die flächendeckende Verbreitung neuer Telekommunikationstechnologien. Ein Technologietransfer ist auch auf dem Gebiet klimafreundlicher Technologien dringend geboten.

Titelseite des UN-Berichts
Titelseite des UN-Berichts

Transformation der Weltwirtschaft angesichts der Krise

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise in verschiedenen Teilen der Welt wird von den Mitgliedern der Kommision als Chance für grundlegende Reformen verstanden, also für „entschlossenere Veränderungen in Richtung auf ein grünes Wachstum“. Die Vision der Kommissions-Mitglieder ist eine „fortdauernde grüne Revolution“, die eine Verdoppelung der Produktivität mit einer drastischen Verminderung des Ressourcenverbrauchs und einem Schutz der Ökologie verbindet. Um solche Überlegungen verstärkt in die internationale Debatte einzubringen, wird die Bildung eines „Weltrates für Nachhaltige Entwicklung“ angeregt, der der Generalversammlung der Vereinten Nationen zugeordnet sein soll.

Einen Überblick über den Bericht mit den 56 Empfehlungen kann als pdf-Datei heruntergeladen werden.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

 

 

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