Wirtschaftliche Entwicklung

Bangladesch: Reformen in der Textilindustrie gefordert

Näherin bei der Arbeit

Millionen Frauen sorgen für die Exporterfolge der Textil- und Bekleidungsindustrie von Bangladesch und werden dafür mit äußerst niedrigen Löhnen abgespeist. Foto: UN Photo/Kibae Park

Als vor einem Jahr, am 24. November 2012, bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch 112 Menschen starben, berichteten internationale Medien für kurze Zeit ausführlich über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion des südasiatischen Landes. Aber die kurzfristige Empörung reichte nicht aus, um rasche und durchgreifende Veränderungen in den Fabriken zu erzwingen. 

Das zeigte sich auf erschreckende Weise, als am 24. April 2013 ein Fabrikgebäude einstürzte und 1.129 Textilarbeiterinnen und -arbeiter unter sich begrub. Dies war eine der größten Katastrophen in der internationalen Industriegeschichte. 

Seither stehen in Deutschland und anderen Industrieländern die Textil- und Kaufhausunternehmen in der Kritik, die zu Niedrigstpreisen in Fabriken in Bangladesch produzieren lassen. Unternehmen und Regierung des Landes müssen fürchten, Großkunden und Zollvergünstigungen dauerhaft zu verlieren, wenn sich die Arbeits- und Lohnbedingungen in dieser Branche nicht drastisch verbessern. Reformen liegen also im eigenen Interesse.

Wie weit man von diesem Ziel noch entfernt ist, zeigt ein Mitte November veröffentlichter Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.  An dem Bericht unter dem Titel „Bangladesh – Seeking better employment conditions for better socioeconomic outcomes” (Bangladesch – Das Streben nach besseren Arbeitsbedingungen für bessere sozioökonomische Ergebnisse) haben neben der ILO-Forschungsabteilung auch die Regierung, die Arbeitgeber und die Gewerkschaften des Landes mitgearbeitet. 

Leben mit weniger als zwei Dollar am Tag

Bangladesch kann auf ein Wirtschaftswachstum von etwa sechs Prozent im Jahr verweisen, während die Wirtschaft Anfang der 1990er Jahre noch weitgehend stagnierte. Zu dem Erfolg hat die Textil- und Bekleidungsindustrie entscheidend beigetragen. Allerdings: Von dem industriellen Aufschwung kommt wenig bei den Armen an. Im ILO-Bericht wird diagnostiziert, dass „die großen Wachstumserfolge der letzten Jahre nicht zu einer merklichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen besonders der Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter des Bekleidungssektors geführt haben“. 

Immer noch leben drei von vier Einwohnern von Bangladesch von weniger als zwei US-Dollar am Tag, und das System der sozialen Absicherung ist weiterhin sehr rudimentär. So erhält nur jeder zehnte städtische Arme irgendeine staatliche Unterstützung. Besonders bedenklich ist, dass Frauen, die den Erfolg der Textil- und Bekleidungsindustrie tagtäglich hart erarbeiten, weiterhin von Bildungschancen bis hin zu Löhnen stark benachteiligt sind. 

Ein wildes Menschengewusel auf den Straßen von Dhaka
Dhaka ist das dynamische Zentrum eines Landes mit hohem Wirtschaftswachstum. Damit auch die Industriearbeiterinnen und -arbeiter davon profitieren, ist eine wirksame Arbeitsmarktpolitik und -regulierung der Regierung unverzichtbar. Foto: IRIN/Manoocher Deghati

Der ILO-Bericht macht deutlich, dass die Einstiegslöhne in der Bekleidungsindustrie von Bangladesch mit umgerechnet 39 US-Dollar im Monat nur halb so hoch sind wie zum Beispiel in Kambodscha und Vietnam, die ebenfalls versuchen, mit niedrigen Löhnen auf dem internationalen Textil- und Bekleidungsmarkt zu konkurrieren. Im Bangladesch-Bericht wird festgestellt: „Das Wachstum der letzten zwei Jahrzehnte hat zur Schaffung neuer Jobs geführt, aber solchen mit brutalen Arbeitsbedingungen und niedriger Bezahlung. Dies gilt auch für die Exportindustrie.“ 

Ohne wirksam durchgesetzte Mindestlöhne keine Verbesserung der Situation der Beschäftigten

Die extrem niedrigen Löhne werden durch eine verfehlte Regierungspolitik mitverursacht, ist aus dem ILO-Bericht zu entnehmen. Die Mindestlöhne in Bangladesch sind seit ihrer Einführung 1985 erst drei Mal erhöht worden, und in den langen Zeiträumen dazwischen sank die Kaufkraft der Arbeiterinnen und Arbeiter als Folge der Inflation jeweils drastisch. Zudem sind die erhöhten Mindestlöhne von vielen Fabriken erst dann gezahlt worden, wenn die Beschäftigten protestierten und streikten. Im Bericht werden wirksame Maßnahmen der Regierung zur Durchsetzung von Mindestlöhnen angemahnt. 

Solche Maßnahmen sind auch deshalb dringend geboten, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und jedes Jahr zusätzlich mehr als zwei Millionen Menschen eine Arbeit suchen. Da ist es leicht für Fabrikbesitzer, die Löhne auf ein absolutes Minimum zu drücken. 

Die ILO und die Regierung von Bangladesch haben im Oktober 2013 ein gemeinsames Programm für den Sektor Bekleidungsindustrie gestartet. Es wird, ist der Stellvertretenden ILO-Generaldirektor Gilbert Houngbo überzeugt, „zu dauerhaften Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Sicherheit von Zehntausenden Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie führen“. 

Hoffen auf eine bessere Zukunft im Ausland

Angesichts der extrem niedrigen Löhne und der weit verbreiteten Armut versuchen immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche, eine Beschäftigung im Ausland zu finden. Mehr als ein Drittel der jungen Leute hat bei einer Befragung den Wunsch geäußert, für immer auszuwandern. 

Aber private Rekrutierungsbüros nutzen die völlig unzureichende staatliche Regulierung und Kontrolle rücksichtslos aus, um extrem hohe Vermittlungsgebühren zu kassieren. Diese Gebühren sind 4,5 Mal so hoch wie das durchschnittliche jährliche Prokopfeinkommen in Bangladesch. Die dafür aufgenommenen Schulden müssen erst einmal abgearbeitet werden, bevor aus der Arbeit im Ausland irgendein wirtschaftlicher Vorteil entsteht.

In den Aufnahmeländern (vor allem in den Golfstaaten) bekommen die Wanderarbeiter aus Bangladesch besonders niedrige Löhne, weil die meisten von ihnen nur geringe Qualifikationen und Fremdsprachenkenntnisse besitzen, schlecht organisiert sind und kaum Beratung und Unterstützung durch Botschaften und Konsulate ihres Landes erhalten. Wenn im Mittleren Osten von der Ausbeutung und Misshandlung von Wanderarbeitern die Rede ist, betrifft dies meistens vor allem Menschen aus Bangladesch. 

Länder wie die Philippinen machen seit Jahrzehnten vor, wie gut ausgebildete, vorbereitete, beratene und unterstützte Arbeitsmigranten ihre Interessen vertreten und bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchsetzen können. Der ILO-Bericht sieht auf diesem Gebiet dringenden Handlungsbedarf durch Regierung und Behörden in Bangladesch. Trotz der denkbar ungünstigen Bedingungen tragen die Arbeitsmigranten mehr als 10 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei, ein Wert, der sich bei einer verantwortungsbewussten Regierungspolitik deutlich steigern ließe. 

Der Bericht weist die Regierung von Bangladesch auf vielfältige Möglichkeiten zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Lohnsituation hin und bietet die Unterstützung der ILO an. Die Regierung muss diese Möglichkeiten – auch im Interesse der Unternehmen – nutzen, um Wachstum und Armutsbekämpfung miteinander zu verbinden.

(Frank Kürschner-Pelkmann

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