Neuerscheinungen Entwicklungspolitik

Anfälligkeit verringern, Widerstandskraft stärken

Cover des Berichts über die menschliche Entwicklung 2014

Bericht über die menschliche Entwicklung 2014 (Bild: UNDP)

"Vulnerabilität" und "Resilienz" sind die zentralen Begriffe des diesjährigen Berichts über die menschliche Entwicklung 2014, der heute in Tokio präsentiert wurde. Um Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung dauerhaft zu sichern, müssen verschiedene Arten von Anfälligkeiten und Verwundbarkeiten verringert werden. Die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaften gegenüber Schocks und Krisen muss deutlich gestärkt werden. Wie das geschehen kann, zeigt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) im "Human Development Report 2014" (HDR), dessen deutsche Fassung von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) herausgegeben wird. Dabei spielt die universelle soziale Grundversorgung eine zentrale Rolle, ebenso wie wirksamere Konzepte für soziale Sicherung und Vollbeschäftigung, durch die Entwicklungsfortschritte beschleunigt und abgesichert werden sollen.

Gegen Schocks und Krisen sind kein Mensch und keine Gesellschaft gefeit und im Zeitalter der Globalisierung können sie weitreichende Auswirkungen haben. Doch wie und wie sehr sich Finanzkrisen, schwankende Nahrungsmittelpreise oder Naturkatastrophen, der Klimawandel, gewaltsame Konflikte oder Flüchtlingsströme auswirken, kann sehr unterschiedlich sein. Ebenso, ob es dadurch zu Rückschlägen bei der menschlichen Entwicklung kommt.

Vulnerabilität verringern

Der Bericht mit dem Titel "Den menschlichen Fortschritt dauerhaft sichern: Anfälligkeit verringern, Widerstandskraft stärken" folgt einem ganzheitlichen Ansatz und lotet Vulnerabilität aus dem Blickwinkel der menschlichen Entwicklung als überlappende und sich gegenseitig verstärkende Risiken neu aus.

Er zeigt typische strukturelle Anfälligkeiten und verschiedene Arten von Verwundbarkeiten auf. So sind zum Beispiel Gesellschaften, in denen Armut, Ungleichhalt und Gewalt herrschen, deutlich anfälliger als andere. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, die gegenüber anderen benachteiligt sind oder von anderen ausgegrenzt werden, sind verwundbarer. Das gilt oft für Menschen, die mit Behinderung leben, für Migranten, indigene Bevölkerungsgruppen und Frauen – selbst wenn sie die Bevölkerungsmehrheit ausmachen. Solche Anfälligkeiten haben sich oft über längere Zeiträume hinweg verfestigt.

Auch jeder einzelne Mensch ist in bestimmten Phasen seines Lebens verwundbarer als in anderen Phasen. Unterernährung, Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit sind später nur ganz schwer wieder auszugleichen. Auch Heranwachsende beim Übergang ins Erwachsenenleben und alte Menschen sind besonders verwundbar. Beispielsweise haben 80 Prozent der älteren Menschen auf der Welt keine soziale Sicherung, wobei sehr viele Ältere zusätzlich arm sind und mit Behinderungen leben müssen, heißt es in dem Bericht.

Widerstandsfähigkeit stärken

Der Bericht plädiert für eine universelle soziale Grundversorgung, vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich, um die Widerstandsfähigkeit zu stärken. Er widerspricht der Vorstellung, dass dies nur für reiche Länder erschwinglich ist.

Außerdem fordert der Bericht universellen Zugang zu sozialer Sicherung wie Arbeitslosenversicherung und Altersversorgung. Dem Bericht zufolge können solche Maßnahmen von Ländern auf allen Entwicklungsstufen verwirklicht werden. Die Bereitstellung einer sozialen Grundsicherung für die Armen weltweit würde nach Schätzungen des Berichts weniger als zwei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) kosten. „Grundlegende soziale Sicherung ist bezahlbar, wenn Länder mit niedrigem Einkommen Mittel umwidmen und bei gleichzeitiger Unterstützung durch die internationale Gebergemeinschaft eigene Finanzmittel aufbringen“, heißt es in dem Bericht.

Die Regierungen sollen sich zudem das Ziel der Vollbeschäftigung wieder auf die Fahnen schreiben. Diese Forderung beruht auf der Erkenntnis, dass der Wert von Erwerbstätigkeit weit über das dadurch erwirtschaftete Einkommen hinausgeht: Sie fördert soziale Stabilität.

Der Bericht untersucht auch die wichtige Rolle bürgernaher Institutionen und eines stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalts, wenn es darum geht, die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften auf lokaler Ebene zu stärken und die Gefahr von Konflikten zu verringern.

Gemeinsame Anstrengungen auf globaler Ebene

Der Bericht geht von der Feststellung aus, dass Risiken, die grenzüberschreitender Natur sind, kollektives Handeln erfordern. Daher wird in dem Bericht eine bessere globale Koordination und Stärkung der Widerstandskraft gegenüber Anfälligkeiten gefordert, die zunehmend globaler Natur sind. Sie wirken sich auf der lokalen und nationalen Ebene aus und überlappen sich häufig. So folgten zum Beispiel in Niger auf Dürren schwerwiegende Nahrungsmittel- und Ernährungskrisen. Mitten in einer Nahrungsmittelkrise, die auch andere Länder in der Region in Mitleidenschaft zog, musste das Land zusätzlich Tausende Flüchtlinge aus Mali aufnehmen.

Laut dem Bericht erfordern transnationale Bedrohungen eine neue Form des Engagements der internationalen Gemeinschaft, das über kurzfristige Reaktionen wie humanitäre Hilfe hinausgeht. Zur Unterstützung nationaler Programme und um Ländern politischen Handlungsspielraum zur Anpassung des universalistischen Prinzips an die speziellen Bedingungen vor Ort zu verschaffen, wird in dem Bericht ein "internationaler Konsens über universelle soziale Sicherung" als Teil der Post-2015-Agenda gefordert.

"Solange das Gefährdungspotenzial nicht wirksam eingedämmt wird und alle Menschen die Chance erhalten, am Fortschritt der menschlichen Entwicklung teilzuhaben, werden diese Entwicklungsfortschritte weder ausgewogen noch nachhaltig sein.", warnt Helen Clark, Administratorin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, in ihrem Vorwort zum Bericht.

Weitere Informationen:

DGVN-Seite zum Bericht über die menschliche Entwicklung 2014

Die "Aktuelle Kolumne" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) analyisert den diesjährigen Bericht und die neuen Statistiken.

Christina Kamp

Das könnte Sie auch interessieren

  • Stephan Klasen

    Maßstäbe gesetzt 20 Jahre Berichte über die menschliche Entwicklung

    Im November 2010 hat das UN-Entwicklungsprogramm die Jubiläumsausgabe des Berichts über die menschliche Entwicklung herausgegeben. Darin werden der Einfluss der 20 Berichte zur menschlichen Entwicklung und des Human Development Index (HDI) gewürdigt, Einflussfaktoren der menschlichen Entwicklung analysiert und neue Indizes vorgestellt. Die Berichte haben die internationale Debatte über Messung und… mehr

  • Bericht über die menschliche Entwicklung 2014 Den menschlichen Fortschritt dauerhaft sichern: Anfälligkeit verringern, Widerstandskraft stärken

  • Titelbild UN-Basisinformationen 46. Das Bild auf dem Titel zeigt eine Näherin in Jordanien

    UN-Basis-Informationen 46 Entwicklungszusammenarbeit der Vereinten Nationen