Nachhaltige Städte & Gemeinden (SDG 11)

"Alle lieben eine gute Dürre"

Der indische Journalist P. Sainath (Foto: Robert Bruce Livingston)

P. Sainath stellt Menschen statt Zahlen in den Mittelpunkt. Sein Buch "Everybody loves a good drought" (dt. "Armut – ein gutes Geschäft") hat sich zu einem Klassiker der entwicklungspolitischen Literatur entwickelt. Heute schreibt Sainath für die Tageszeitung "The Hindu" und verbringt weiterhin mindestens 270 Tagen im Jahr in ländlichen Gegenden Indiens. In einem Interview erläutert er, was sich in Indien seit Erscheinen des Buches 1996 verändert hat.

Nach Statistiken des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) ist Indiens Index für menschliche Entwicklung (HDI) seit Mitte der 1990er Jahre von 0,437 auf 0,547 gestiegen. Was bedeutet das für die Menschen?

P. Sainath: Dieser Anstieg des HDI-Wertes ist sehr irreführend, und pathetisch für eine Nation, die seit einem Jahrzehnt neun Prozent Wirtschaftswachstum ausweist. Ist das alles, was möglich war? Mit seinem HDI-Wert liegt Indien auf Rang 134 von insgesamt 187 Nationen. Viele Länder, die bei weitem kein Wachstum von neun Prozent hatten, haben sehr viel besser abgeschnitten. Doch was noch wichtiger ist: Bezieht man Ungleichheit ein, verliert der HDI-Wert fast 30 Prozent und sinkt auf 0,392 (2011).

Nach einem Bericht der Nationalen Kommission für Unternehmen im informellen Sektor (NCEUS) leben 836 Millionen Inder von nicht mehr als 20 Rupien am Tag. Die Planungskommission wollte, dass wir dieses Jahr eine Armutsgrenze akzeptieren, nach der jeder, der im ländlichen Indien 23 Rupien (ca. 0,33 Euro) am Tag ausgibt bzw. 29 Rupien (0,42 Euro) in den Städten nicht arm sei – und dies in einem Land, in dem die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln seit über einem Jahr im zweistelligen Bereich liegen, zusätzlich zu der generell hohen Inflation. Und dennoch zweigt Indien immer wieder Haushaltsmittel aus dem Bereich Ernährungssicherheit ab und überlässt sie der Wirtschaft in Form von Steuererleichterungen.

Was hat sich seit den 1990er Jahren verändert – zum besseren oder schlechteren, oder sticht dadurch heraus, dass es sich nicht verändert hat?

P. Sainath: In meinem Buch ist das größte Einzelkapitel das zum Thema Vertreibung. Das war gar nicht so beabsichtigt. Es ergab sich einfach so, denn das war es, was ich vorfand. Seitdem sind Millionen weitere Menschen vertrieben worden, durch Projekte und durch die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.

In vielen meiner Geschichten geht es um Migranten. Obwohl ich zunächst nur über zehn Distrikte schreiben wollte, bin ich dann schließlich in viele weitere gereist, denn ich war auch mit den Migranten unterwegs. Davon habe ich gelernt und verbringe auch weiterhin 40-60 Tage im Jahr unterwegs mit Wanderarbeitern.

Das Ausmaß der Migration hat seit den 90er Jahren massiv zugenommen. Wir haben kein System, um diese Wanderungsströme wirklich zu erfassen. Die National Sample Survey Organisation arbeitet mit einer Definition, die die Migration nicht erfasst und der Zensus-Beauftragte gibt offen zu, dass der Zensus nicht entsprechend ausgestattet ist, um die neuen Arten von Migration zu erfassen. Nichtsdestotrotz deuten die Volkszählungsergebnisse von 2011 darauf hin, dass aus zerfallenen Dörfern enorm viele kleine Städte entstehen. Zum ersten Mal seit 90 Jahren ist im vergangenen Jahrzehnt die städtische Bevölkerung mit 91 Millionen stärker gewachsen als die ländliche Bevölkerung mit 90 Millionen. Um zu verstehen, welch enorme Ausmaße diese Umkehr hat: Nach Zensus-Daten von 2001 war die ländliche Bevölkerung seit 1991 um 113 Millionen gewachsen, verglichen mit 68 Millionen in den indischen Städten.

Wie erklärt sich so eine massive Veränderung im Verhältnis zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung?

P. Sainath: Dafür mag es viele Gründe geben, doch es konnte nicht ohne massive Landflucht geschehen. In dem Buch habe ich gewarnt, dass pro Kopf immer weniger Nahrungsgetreide zur Verfügung stehen würde. Nun, die Verfügbarkeit hat weiter abgenommen, auch als die Bauern auf den gewerblichen Anbau von "cash crops" umstiegen, und selbst als damit geprahlt wurde, wie die Nahrungsmittelproduktion zugenommen hat. Ja, die Produktionsmengen sind tatsächlich gestiegen, doch die verfügbare Nahrungsmenge pro Kopf ist rapide zurückgegangen – und das obwohl das Bevölkerungswachstum stark abgenommen hat. Als das Bevölkerungswachstum in Indien in den 50er und 60er Jahren am höchsten war, stiegen die Produktionsmengen von Nahrungsgetreide noch stärker. 2011, als das Bevölkerungswachstum niedriger ist als je zuvor, wächst die Produktion von Nahrungsmitteln noch langsamer.

In vielen Geschichten in dem Buch geht es um Kleinbauern und Landarbeiter. Seit damals haben nach offiziellen Angaben der Nationalen Kriminalitätserfassungsbehörde (NCRB) über eine Viertelmillion Bauern Selbstmord begangen. Die Krise in der Landwirtschaft hat verheerende Auswirkungen auf die ländlichen Gebiete.

Waren Sie in jüngerer Zeit wieder in den Gegenden, die Sie damals in den 1990er Jahren besucht und in Ihrem Buch beschrieben haben?

P. Sainath: Ja, ich war wieder in vielen dieser Orte. Wie die Lage sich darstellt, hängt davon ab, um wen es geht. Eine kleine Elite hat enorm gewonnen, viele andere haben ihre Lebensgrundlage verloren oder ihr Lebensstandard hat abgenommen. Es sind weiter die gleichen Prinzipien von Ausbeutung, Konzentration von Reichtum und zunehmender Ungleichheit am Werk.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Dinge für diejenigen, die ohnehin gut verwurzelt waren, äußerst gut entwickelt haben. Die Wohlhabenden sind reich geworden, die Reichen steinreich. Es gibt Teile der indischen Bevölkerung, denen es besser ergangen ist, als sie je zu träumen gewagt hätten, und es gibt um ein vielfaches größere Teile der Bevölkerung, die mehr gelitten haben, als sie es sich je hätten vorstellen können.

Ihre Reportagen führten in einigen Teilen Indiens zu politischen Veränderungen. Welche, würden Sie sagen, waren erfolgreich und haben geholfen, das Leben der Armen zu verbessern?

P. Sainath: Der Erfolg bestand darin, Aufmerksamkeit auf die wenig bekannten Kämpfe gegen Vertreibung und Verdrängung zu lenken, und darin, einige – sehr erfolgreiche – Initiativen der Frauen in Pudukkottai (zum Beispiel der Arbeiterinnen in den Steinbrüchen und der Fahrradbewegung) und eine ganze Reihe kleiner Auseinandersetzungen (wie im Falle der Waldschutzkomitees der Dorfbewohner) herauszustellen. Das hatte große Wirkung, sowohl auf die Zeitungsleser als manchmal auch auf die Regierungen, die gezwungen waren zu reagieren.

Hatten Ihre Beiträge und das Buch Auswirkungen auf die Berichterstattung über ländliche Themen in den indischen Medien? Inwiefern?

P. Sainath: Ja, das erste Ergebnis war, dass in den Medien eine sehr viel stärkere Diskussion über das ländliche Indien stattfand. Es mag eine pathetische Art von Aufmerksamkeit gewesen sein. Der Raum, der ländlichen Themen eingeräumt wird, ist noch immer sehr begrenzt. Doch die Elite wird zur Debatte gezwungen und muss ihr Tun verteidigen. Und sie wird sogar gezwungen, sich auf Dinge wie das nationale Programm für Beschäftigungsgarantien in ländlichen Gebieten einzulassen. So etwas wird dadurch befördert, dass man in den Medien das Niveau der Debatte über das ländliche Indien erhöht. In den vergangenen zehn Jahren haben zum Beispiel Sender wie NDTV "Landwirtschaftskorrespondenten" eingestellt – eine Spezies, die in den Medien lange ausgestorben war. Ich bin in der riesigen Medienlandschaft dieses Landes der einzige "rural editor" - der einzige Redakteur für ländliche Gebiete.

Durch Großprojekte wie z.B. Staudämme zur Energieversorgung werden in Indien große Landstriche unbewohnbar. Millionen Menschen verlieren ihr Land und ihre Lebensgrundlagen. (Foto: CK)
Durch Großprojekte wie z.B. Staudämme zur Energieversorgung werden in Indien große Landstriche unbewohnbar. Millionen Menschen verlieren ihr Land und ihre Lebensgrundlagen. (Foto: CK)

Weitere Informationen:

Die vielen Gesichter der Armut. Vom "guten Geschäft" und von denen, die nicht davon profitieren
(Rezension des Buches von P. Sainath: Armut – ein gutes Geschäft. Reportagen aus Indien, Draupadi Verlag, Heidelberg, 2012, 304 Seiten, ISBN 978-3-937603-69-8)

P. Sainath: The Food, the Bad and the Ugly. In: The Hindu, 22. März 2012

Christina Kamp

 

 

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