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70 Jahre Vereinte Nationen: Herausforderung humanitäre Hilfe

Nachdem der tropische Sturm Isaac 2012 Haiti verwüstet hat, leistet die Friedensmission MINUSTAH medizinische Hilfe vor Ort. Ein UN-Mitarbeiter aus Nepal untersucht ein Kind in Port-au-Prince. UN Photo/Victoria Hazou

Überall auf der Welt kommt es immer wieder zu Katastrophen, Kriegen oder schweren Unfällen, die das Leben von Millionen Menschen beeinträchtigen. Die oft unermessliche Not der Betroffenen überfordert einzelne Staaten und verlangt nach internationaler Hilfe. Seit ihrer Gründung vor 70 Jahren stellen die Vereinten Nationen diese sogenannte humanitäre Hilfe auf allen Ebenen bereit. Sie wurde in Artikel 1 der UN-Charta niedergeschrieben und zählt damit zu den Kernaufgaben der Organisation.

Nach Angaben des Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) benötigen jährlich über 80 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Ob Essen, Zelte oder Kleidung – alles muss an meist sehr gefährliche Orte gebracht und verteilt werden. Diese Leistung vollbringen jeden Tag zahlreiche humanitäre Helferinnen und Helfer, die während ihres Einsatzes nicht selten ihr Leben riskieren. Um auf Krisen angemessen und schnell reagieren zu können, gründeten die Vereinten Nationen zahlreiche Institutionen. Die wichtigste Aufgabe ist die Koordinierung der humanitären Hilfe. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird – in ausreichendem Maße und zur rechten Zeit.

Damit den betroffenen Menschen schnell und unkompliziert geholfen werden kann, hat die Weltorganisation festgelegt, welche Bedürfnisse am dringendsten sind. Die Bereitstellung von Nahrung und Trinkwasser hat oberste Priorität. Danach erfolgt die medizinische Notversorgung. Hier sollen vor allem solche medizinischen Leistungen sichergestellt werden, die von den bestehenden Strukturen im betroffenen Gebiet nicht mehr gewährleistet werden können. Die letzte Stufe sind Schutzmaßnahmen. Dazu zählen der Schutz vor Witterungseinflüssen, etwa durch die Bereitstellung von Decken oder Zelten, der Schutz von Flüchtlingen vor Übergriffen sowie die Einhaltung der UN-Flüchtlingskonvention.

Zahlen und Fakten

  • Der Weltkatastrophenbericht verzeichnete im Zeitraum von 2004 bis 2013 6.525 Naturkatastrophen und industrielle oder technische Unfälle.
  • Von den Folgen waren fast zwei Milliarden Menschen betroffen.
  • Mehr als eine Million Menschen kamen dabei ums Leben, davon allein 650.000 bei Erdbeben und Tsunamis. 2010 starben in nur einem Jahr über 300.000 Menschen.
  • Im Jahr 2014 wurden weltweit 24,5 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung gestellt, knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr.
  • Die USA waren mit 6 Milliarden US-Dollar der größte Geber. Deutschland stand mit 1,2 Milliarden an vierter Stelle hinter Großbritannien und der Europäischen Kommission.

Große Katastrophen, große Herausforderungen

Die vergangenen drei Jahrzehnte haben die humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen vor radikal veränderte Aufgaben gestellt. Ging es früher vor allem um die Milderung der Folgen von Naturkatastrophen, stehen seit den neunziger Jahren meist die humanitären Folgen „komplexer Notsituationen“ im Mittelpunkt der Hilfsanstrengungen. Dabei geht es um Kriege oder Bürgerkriege, Flucht und Vertreibung, Vergewaltigungen, Kampf um Bodenschätze, Staatszerfall sowie Bandenunwesen. Darüber hinaus hat aber auch die Zahl der Naturkatastrophen weiter stark zugenommen.

Die Konfliktlagen erfordern immer öfter die militärische Absicherung der Hilfskräfte. Dadurch besteht die Gefahr, dass die humanitäre Hilfe in den Konflikt hineingezogen wird. Die UN-Helferinnen und Helfer werden von den Konfliktparteien oftmals als Teil des Militärs wahrgenommen und können somit ihre Neutralität einbüßen, wie etwa 1993 in Somalia mit negativen Folgen geschehen.

Not ohne Grenzen

Besonders im Fokus steht derzeit die Hilfe von Menschen auf der Flucht. 2013 gab es auf der Welt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg über 50 Millionen Flüchtlinge, Asylsuchende und Binnenvertriebene. Nur ein Jahr später stieg die Zahl auf 60 Millionen. Ein Grund hierfür ist der Krieg in Syrien, der innerhalb kürzester Zeit vier Millionen Menschen zur Flucht in die Nachbarstaaten zwang und 7,6 Millionen Menschen im Land selbst vertrieben hat. Ein weiterer Grund sind die gewaltsamen Konflikte in Afrika, in der Zentralafrikanischen Republik, Kongo und Südsudan, bei denen aktuell kein Ende in Sicht ist.

Die gewaltige Zahl von Menschen auf der Flucht bedeutet gleichzeitig eine riesige Zahl von Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Das hat Auswirkungen auf die Nachbarländer, auf die internationale Gebergemeinschaft und Hilfsorganisationen weltweit. 9 von 10 Flüchtlingen leben derzeit in Entwicklungsländern. Allein die Türkei, Pakistan und Libanon haben zusammen über 4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Zahl der Flüchtlinge und Binnenvertriebenen, die vom Hohen Flüchtlingskommissar (UNHCR) versorgt werden, verdreifacht – von 15 Millionen im Jahre 2004 auf mehr als 45 Millionen heute.

Wer bezahlt die UN-Hilfe?

Problematisch bleibt die Finanzierung der humanitären Hilfe, für die nur ein geringer Anteil des UN-Haushalts zur Verfügung steht – im letzten Jahr fünf Prozent. Der Großteil der benötigten Gelder wird über Spenden oder freiwillige Zusagen von Mitgliedstaaten erbracht. OCHA, das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der UN, konnte für den aufgestellten Haushalt 2014 nur sieben Prozent mit Pflichtbeiträgen decken. Die restlichen 93 Prozent mussten durch Spenden gedeckt werden.

Im nordwestlichen Pakistan führte der außergewöhnlich starke Monsunregens im Jahr 2010 zu den schlimmsten Überschwemmungen in der Geschichte des Landes. Mindestens 7 Millionen Menschen benötigten unmittelbar humanitäre Hilfe.
Im nordwestlichen Pakistan führte der außergewöhnlich starke Monsunregens im Jahr 2010 zu den schlimmsten Überschwemmungen in der Geschichte des Landes. Mindestens 7 Millionen Menschen benötigten unmittelbar humanitäre Hilfe. UN Photo/WFP/Amjad Jamal

Nicht nur die oft schleppenden Überweisungen der Staaten stellen die UN-Hilfsorganisationen vor Probleme, sondern auch die zunehmende Zweckbindung der Beiträge. Während viele Staaten ihre Beiträge nur zur Durchführung konkreter Projekte zur Verfügung stellen, wird der Anteil, der für die laufenden Kosten der Organisationen bestimmt ist – etwa für Personal oder technisches Gerät – immer geringer.

Darüber hinaus ist die humanitäre Hilfe immer stärker abhängig von medialer Aufmerksamkeit. Wie viel von Zivilgesellschaft, staatlicher Seite oder Wirtschaft gegeben wird, hängt in hohem Maße davon ab, worüber die Medien berichten. Bei wenigen Katastrophen wurde so viel gespendet, wie nach dem Tsunami im Indischen Ozean 2004, über den weltweit sehr prominent berichtet wurde.

UN-Weltgipfel für humanitäre Hilfe 2016

Angesichts der vielen Herausforderungen, denen die Weltgemeinschaft im humanitären Bereich gegenübersteht, soll im Jahr 2016 in Istanbul erstmals eine Konferenz zum Thema humanitäre Hilfe stattfinden. Ziel des Gipfels ist es, die Zusammenarbeit humanitärer Akteure zu stärken und zu verbessern, so dass Netzwerke entstehen, die optimal gerüstet sind, um in Krisensituationen schnell und verlässlich reagieren zu können. 

Die wichtigsten UN-Organisationen der humanitären Hilfe

Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten
OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) ist die Schaltstelle der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten im UN-Sekretariat. Ihre Aufgabe ist es, die Zusammenarbeit der zahlreichen UN-Organisationen im Fall einer humanitären Notsituation zu koordinieren, um effizient und effektiv auf Katastrophen zu reagieren. OCHA mobilisiert internationale Hilfe und plant humanitäre Maßnahmen in Zusammenarbeit auch mit nationalen und internationalen Akteuren außerhalb der UN. Dazu zählt auch, für die Rechte der Menschen in Not einzutreten, mehr Engagement im Bereich der Vorbeugung anzuregen sowie nachhaltige Lösungen zu ermöglichen.

Was ist humanitäre Hilfe?

Das Konzept der humanitären Hilfe leitet sich von der Würde des Menschen ab. Als humanitäre Hilfe werden allgemein alle Maßnahmen bezeichnet, die darauf gerichtet sind, die akute Not einer Gruppe von Menschen zu lindern. Allein die Tatsache, dass sich Menschen in einer lebensbedrohlichen Situation befinden, macht den Hilfseinsatz moralisch erforderlich. Die Hilfe soll keine politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Ziele verfolgen und stets den Prinzipien der Neutralität, der Unparteilichkeit sowie der Menschlichkeit folgen. Sie unterscheidet sich damit von der Entwicklungszusammenarbeit, die immer langfristig angelegt ist.

Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
Das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) wurde im Jahr 1950 eingerichtet. Das Hilfswerk hat die Aufgabe, sich um jene Menschen zu kümmern, die ihren Heimatstaat oder den Staat, in dem sie wohnen, aufgrund ihrer Religion, Rasse, Nationalität oder politischen Ansichten verlassen mussten. In Katastrophensituationen hat UNHCR die Möglichkeit, innerhalb von 72 Stunden etwa 300 ausgebildete Helfer aus den Nothilfe-Teams in die Krisenregion zu schicken. Seit der Gründung wurden über 50 Millionen Menschen dabei unterstützt, sich ein neues Leben aufzubauen.

Welternährungsprogramm
Das Welternährungsprogramm (WFP) wurde im Jahr 1961 zusammen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) zunächst als dreijähriges Programm zur Nahrungsmittelsoforthilfe gegründet und 1965 auf Dauer eingerichtet. Die wichtigste Institution der Vereinten Nationen im Kampf gegen den globalen Hunger hat allein im Jahr 2014 80 Millionen Menschen in 82 Ländern mit Ernährungshilfe unterstützt. Größtenteils handelt es sich dabei um die Versorgung von Menschen in Not nach Naturkatastrophen oder gewalttätigen Konflikten. Darüber hinaus hilft das WFP Menschen in Gebieten mit dauerhaft schlechter Ernährungslage und führt dort Entwicklungsprojekte durch. 

Weltgesundheitsorganisation
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde am 7. April 1948 gegründet. Ihre Hauptaufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen den höchstmöglichen Grad an Gesundheit erreichen können, das heißt den Zustand eines vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. In humanitären Notsituationen ist die Gesundheit der Betroffenen oft stark beeinträchtigt. Die WHO ist dafür zuständig, technische und medizinische Unterstützung bereitzustellen. Diese kann aus der Lieferung von Lazaretten, Impfstoffen, technischem Gerät, Medikamenten, Beratung, gesundheitlicher Aufklärung, Hygiene- und Quarantänemaßnahmen bestehen.

UNICEF
Eine der bekanntesten Einrichtungen der humanitären Hilfe ist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), das im Jahr 1946 gegründet wurde. Es kümmert sich um Hilfe für Kinder weltweit und arbeitet schwerpunktmäßig in fünf Bereichen: Mädchenbildung, HIV/Aids-Aufklärung, Förderung der frühkindlichen Entwicklung, Immunisierung und Schutz der Kinder vor Gewalt beziehungsweise vor Ausbeutung aller Art,  für Arbeit oder als Kindersoldaten.

Zentraler Fonds für die Reaktion auf Notsituationen
Der CERF (Central Emergency Response Fund) wurde am 15. Dezember als humanitärer Fonds gegründet. Der Fonds leistet schnelle Nothilfe in Katastrophensituationen und leitet Geldbeträge, die von Staaten, Einzelpersonen, Unternehmen oder Nichtregierungsorganisationen gegeben werden, an Institutionen oder Organisationen weiter, bevor Spendenaufrufe oder humanitäre Appelle wirksam werden.

Weitere Informationen zum 70. Jubiläum der Vereinten Nationen finden Sie auf unserer Schwerpunktseite.

70 Jahre Vereinte Nationen in Bildern: Herausforderung humanitäre Hilfe

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